Es gibt Tage, an denen legt man sich nach dem Aufstehen am besten gleich wieder hin. So einen Tag erlebte Monika Herrmann (53), die grüne Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, am Dienstag. Noch vor 8 Uhr früh las sie bei Twitter den wütenden Eintrag einer Mutter. Was sie da las, wühlte Herrmann so auf, dass sie selbst ein Facebook-Posting absetzte. Wortlaut: „Drehen wir eigentlich nur noch am Rad?“

Mit dieser Frage zielte Herrmann nicht auf den Geisteszustand der Mutter. Vielmehr fragte sie sich, ob wir in Berlin noch ganz rundlaufen. Die Mutter hatte einen Brief von der Schule bekommen und wurde aufgefordert, folgenden Satz zu unterschreiben: „Ich bin/wir sind damit einverstanden, dass meinem/unserem Kind bei einer Schürfwunde ein Pflaster aufgeklebt wird.“

Um zu beweisen, dass es den Brief wirklich gibt, stellte die Mutter ein Foto des fraglichen Absatzes bei Twitter ein. „Dachte, ich hätte mit knapp 20 Jahren Kita- und Schulerfahrung schon alle absurden Zettel gesehen“, schrieb sie dazu. Aber nun habe sie gelernt, dass es eine Steigerungsform von absurd gebe. 

Man mag es engstirnig finden, dass Schulen und Kitas wegen Nichtigkeiten einen solchen bürokratischen Aufwand betreiben. Aber die Frage der Bürgermeisterin, ob „wir eigentlich nur noch am Rad“ drehen, hat ein größeres Zielpublikum. Sie trifft überfürsorgliche Eltern, die es erst nötig machen, dass Schulen für jedes Pflaster eine Erlaubnis einholen. In diesem Sinne sind auch zahlreiche Kommentare zum Tweet der Mutter zu verstehen, der bereits am Dienstagmittag auf 720 „Likes“ kam. So schreibt eine Erzieherin mit dem User-Namen Mellimeter: „Das ist echt nur eine Absicherung. Was manche Eltern anbringen, ist krass.“

Diesen Eltern-Typus kennt man unter dem Stichwort „Helikopter-Eltern“. Es geht ihm darum, ständig in der Nähe seiner Kinder zu sein, sie zu überwachen und zu behüten. Was eine solche Erziehung mit den Kindern macht, klingt in der Frage der Bezirksbürgermeisterin schon an. Sie wollte wissen: „Drehen wir eigentlich nur noch am Rad?“