Helikopterpilotin: Retterin aus der Luft

Perleberg - Zwei Minuten sind das Limit. Egal, ob sie sich soeben einen Kaffee gebrüht hat oder endlich ihr Mittag isst. Egal, ob sie gerade dringend auf die Toilette muss oder sich in ihrer Zwölf-Stunden-Schicht einfach mal ein wenig auf der Liege ausruht. Bei jedem Alarm bleiben der Pilotin Melanie von Allwörden genau zwei Minuten, dann muss der Hubschrauber in der Luft sein. Denn es geht darum, Leben zu retten, und da zählt oft jede Sekunde.

Melanie von Allwörden arbeitet seit einigen Tagen in Perleberg (Prignitz) und ist dort, im nordwestlichsten Zipfel Brandenburgs, eine von drei Piloten des ADAC-Rettungshubschraubers Christoph 39. Aber nicht nur in Perleberg ist sie die einzige Pilotin, sie ist auch bundesweit die einzige Frau unter den 150 ADAC-Piloten. „Hubschrauberpilotinnen sind schon sehr selten“, sagt die 34-Jährige, die zuvor sieben Jahre für die Hamburger Polizei geflogen ist. „Auch dort gibt es keine Pilotin. Ich weiß auch nicht, warum sich so wenige Frauen trauen.“

Sie sitzt im Aufenthaltsraum der Rettungsstation am Kreiskrankenhaus. Sobald der Pieper in ihrer Tasche Alarm schlägt, liest sie auf dem Gerät, wohin es diesmal geht, greift sich den Helm und läuft in die benachbarte riesige Garage. Dort steigt sie in den Heli. Der steht auf einer Plattform und wird vors Tor gerollt. Währenddessen schaltet sie bereits die Instrumente an und startet die Motoren. Draußen kontrolliert der Rettungsassistent noch schnell, ob auch keine Flammen aus dem Triebwerk schießen und ob alle Luken geschlossen sind. Dann steigen er und der Notarzt ein, Christoph 39 hebt ab.

Bereits 1.370 Flugstunden

Genau 1 021 Mal war Christoph 39 im vergangenen Jahr im Einsatz, sagt Pilot Marian Lindner. Der 52-Jährige ist auch Pilot in Perleberg und seit 1994 dabei. Vorher flog er bei der Luftwaffe der DDR und der Bundeswehr. „Melanie ist eine wirklich gute Pilotin“, sagt der Mann, der bereits 5.000 Flugstunden absolviert hat. Seine Kollegin bringt es auf 1.370. „Sie hat bereits gute Erfahrungen bei der Polizei gesammelt.“

Melanie von Allwörden wollte schon immer fliegen. Da sie aber den extrem harten Eignungstest für Lufthansa-Piloten nicht geschafft hat, wurde sie Hubschrauberpilotin. „Heute sage ich: Zum Glück. Denn mit einem Hubschrauber macht es mehr Spaß, als mit einem Airbus. Da fliegen ja vor allem die Instrumente. Aber beim Hubschrauber kann der Pilot noch fast alles selbst machen und er muss sich auch noch selbst einen Landeplatz suchen.“

Das wird oft zum Problem für die Retter. Bei einem Unfall auf der Autobahn sperrt die Polizei zwar häufig einen Platz ab. „Aber manchmal rollt der Verkehr noch, wenn wir landen. Und wir müssen hoffen, dass die Autofahrer uns sehen.“

Der Rotor misst knapp 11 Meter. Zum Landen braucht sie mindestens 15 Meter Platz. Kürzlich sollte sie mitten in einem Ort auf dem Grünstreifen neben einer Bushaltestelle landen. „Ich dachte, es sei zu eng“, sagt sie. Doch der Copilot sagte, dass er dort auch schon gelandet sei. „Also bin ich dort runter.“

Jeder Flug ist anders

Die Rettungsflieger werden gerufen, wenn ein Krankenwagen zu lagen bräuchte. Meist geht es um Herzinfarkte, Schlaganfälle oder Unfälle. Neulich flogen sie zu einem Wald bei Gransee. Ein paar Männer fällten dort einen Baum. Weil das Holz gefroren war, spaltete sich der Baum der Länge nach und stürzte auf einen Mann. Sein Becken war zertrümmert, der Kopf schwer verletzt. „Er wurde ins Koma versetzt“, sagt die Pilotin. „Um sein Leben zu retten, flogen wir ihn in eine Berliner Klinik. Flugzeit: 21 Minuten.“

Melanie von Allwörden wohnt weiterhin in der Nähe von Hamburg. „Ich hatte Glück, dass in Perleberg eine Stelle frei war“, sagt sie. Mit dem Auto braucht sie nur zweieinhalb Stunden. „Ich hätte auch in München landen können.“

Die Schicht beginnt im Winter mit dem Sonnenaufgang, im Sommer um 7 Uhr. Mit Sonnenuntergang ist immer Schluss. Im Sommer dauern die Schichten maximal 15 Stunden, deshalb sind die Piloten verpflichtet, zwischendurch zu schlafen. Im Extremfall haben die Piloten eine Woche lang Dienst, hinterher aber auch eine Woche frei. Manchmal werden sie gar nicht gebraucht, oft starten sie ein oder zwei Mal am Tag, manchmal klingelt der Pieper aber auch neun Mal.

Trotz der Daueranspannung mache ihr die Arbeit einfach Spaß, sagt sie. „Denn jeder Flug ist anders.“ In der EU dürfen Piloten bis zum 60. Lebensjahr fliegen – so lange will sie auch selbst Helikopter steuern.