Berlin - Die Zeugin, die an diesem Dienstag aussagt, wird von drei Personenschützern in den streng gesicherten Saal 500 des Kriminalgerichts geführt. Jeder der bewaffneten Männer hat einen Knopf im Ohr, um über Funk informiert zu werden, wenn Gefahr droht. Sie sitzen mit dem Rücken zur Zeugin, schauen aufmerksam ins Publikum, von einem Zuschauer zum anderen. Es sind sieben Frauen und Männer an diesem Tag im Publikum, die vor der Tür intensiv kontrolliert worden sind.

Es ist Tag 136 in diesem Prozess um den Mord im Wettbüro „Expekt“ in Reinickendorf, jenem Verfahren, das vor genau zwei Jahren begann und mindestens noch bis September 2017 laufen wird. Es geht um den kaltblütigen Mord an Tahir Ö. am 14. Januar 2014. Der 26-Jährige wurde in dem Wettbüro regelrecht hingerichtet.

Es gibt ein Video von der Tat, aufgenommen von einer Überwachungskamera. Teils maskierte Männer stürmen in das Lokal, einer von ihnen bleibt vor Tahir Ö. stehen, gibt acht gezielte Schüsse auf den kartenspielenden Mann ab. Dann flieht der Trupp. Das Opfer wird von sechs Kugeln getroffen und stirbt. Der Film ist gerade einmal 25 Sekunden lang.

Ein Racheakt

Angeklagt sind zehn Mitglieder und Sympathisanten des Rockerclubs Hells Angels und deren Chef Kadir P. Bis auf einen sitzen alle in Untersuchungshaft und hier im Saal hinter Panzerglas. Gegen Jakup S. war vor kurzem der Haftbefehl aufgehoben worden, weil kein dringender Tatverdacht mehr besteht. Dabei gilt er laut Anklage neben dem Rockerboss Kadir P. als Anstifter der Mordtat. Ausgeführt wurde sie wohl aus Rache für eine blutige Auseinandersetzung drei Monate zuvor an einer Diskothek am Alexanderplatz, bei der ein Hells-Angels-Mitglied verletzt worden war.

Acht der angeklagten Männer sollen direkt am Mord an Tahir Ö. beteiligt gewesen sein. Der Angeklagte Kassra Z., genannt der Perser, gilt als Kronzeuge. Er hat, anders als die anderen Angeklagte, vor Gericht geredet. Er ist in den Augen der Ermittler – wie anderen Zeugen auch – gefährdet. Denn Reden wird in Rockerkreisen nicht toleriert.

Es ist der bislang aufwendigste und längste Rocker-Prozess in der Berliner Justizgeschichte und wohl auch der teuerste. 130 Zeugen wurden schon gehört, zehn Gutachter sitzen im Saal, jeder der angeklagten Rocker hat zwei Verteidiger. Die Justizbediensteten und Polizeibeamten tragen Schutzwesten.

Die 33-jährige Zeugin ist die Frau von Samir A., der die Mordtat miterlebt hat. Er saß neben seinem Freund Tahir Ö., spielte mit ihm Karten, als die tödlichen Schüsse fielen. Samir A., der Rockerboss Kadir P. bei der Polizei schwer belastete, kam zunächst ins Zeugenschutzprogramm, floh aber daraus und sagte nach seiner Ergreifung auch im Prozess gegen die Angeklagten aus. Er lebt mit seiner Familie aus Sicherheitsgründen nicht mehr in Berlin.

Seine Frau hat vor Gericht auffällige Erinnerungslücken. Nein, sie wisse nicht mehr, warum Tahir Ö. erschossen worden sei, sagt sie. Und sie will ihren Mann auch nie gefragt haben, warum sie Berlin hätten verlassen müssen. Sie weiß nur, dass Tahir Ö. Stress gehabt habe und mit einer schusssicheren Weste herumgelaufen sei. Wie ihr erging es schon Zeugen zuvor, die ebenfalls im Zeugenschutz leben. Das Gedächtnis streikte.

Und bei all diesen Aussagen scheinen die tätowierten und kahlköpfigen Angeklagten um den 32-jährigen Kadir P. äußerst gelassen und unbeschwert. Einer blättert ungeniert in einer Zeitung. Zwei Angeklagte unterhalten sich und lachen zwischendurch. Der Rockerboss, der mittlerweile Vollbart trägt, wirft Kusshändchen ins Publikum. Von Klassenfahrtstimmung war einmal die Rede, als Papierkügelchen und Trinkbecher umherflogen und der Richter alle zehn Minuten um Ruhe bitten musste. Zeugen wurden beschimpft. Es gab sogar einen Sitzstreik, bei dem sich die Angeklagten geweigert hatten, aufzustehen, als die Kammer den Saal betrat.

Es ist ein zähes Verfahren, in dem es letztlich auch um die Rolle der Polizei gehen muss. Nach Angaben der Nebenklageanwälte hatten die Ermittler Hinweise, dass Tahir Ö. getötet werden soll. Polizeibeamte versäumten es aber, den Mann zu warnen. So sagte eine Kriminalbeamtin aus, sie hätten angenommen, dass sich Tahir Ö. im Ausland aufhalte. Und Kadir P. habe keine sogenannte Gefährderansprache erhalten.

Ein Verfahrensende ist derzeit nicht in Sicht. 65 Prozesstage sind derzeit noch terminiert. Und niemand vermag zu sagen, ob diese genügen werden. „Wir haben schon ein ganzes Stück geschafft. Aber wird sind noch weit weg von einem Urteil“, sagt einer der Vertreter der Anklage am Dienstag.