Die mutmaßlichen Mörder wurden bereits an 179 Tagen in den Saal 500 des Berliner Landgerichts geführt, ein Urteil aber ist nicht in Sicht. Der bislang größte Rocker-Prozess der Hauptstadt geht nun in das vierte Jahr. 186 Zeugen wurden in der Verhandlung wegen tödlicher Schüsse in einem Wettbüro inzwischen befragt und zwölf Sachverständige. Die Männer auf der Anklagebank allerdings geben sich äußerlich wenig interessiert.

Mit elf Angeklagten startete die Verhandlung am 4. November 2014, inzwischen sitzen nur noch zehn kräftige Männer mit zumeist kahl rasiertem Schädel auf der Anklagebank. Die meisten gelten als Rocker der Hells Angels, ein 33-Jähriger als Boss. Kadir P. soll den Anschlag angeordnet haben - „um Macht zu demonstrieren und Rache zu üben“, heißt es in der Anklage.

26-Jähriger in Wettspiel-Café erschossen

Mehrere Männer, zum Teil vermummt, marschierten am 10. Januar 2014 hintereinander in ein Wettspiel-Café im Stadtteil Reinickendorf. Der Mann an der Spitze hielt eine Schusswaffe offen in der Hand. Im Hinterzimmer feuerte er auf einen 26-Jährigen - ohne Vorwarnung. Fünf Sekunden später lag das Opfer auf dem Boden. Getötet durch sechs Kugeln. Der Anschlag vor laufenden Überwachungskameras dauerte 25 Sekunden. Ermittler sprachen später von einer Hinrichtung.

Der mutmaßliche Mord war aus Sicht der Staatsanwaltschaft die Rache für eine Schlägerei vor einer Diskothek im Oktober 2013, bei der ein Hells-Angels-Rocker verletzt worden sei. Zudem hätten die Hells Angels ihre Machtposition verdeutlichen wollen.

Zehn der 29- bis 41-jährigen Angeklagten haben zu Prozessbeginn eine Aussage verweigert. Nur ein 30-Jähriger hat die Mauer des Schweigens durchbrochen. Er gilt als Kronzeuge und steht unter Zeugenschutz. Der Rocker-Aussteiger gestand seine Anwesenheit am Tatort und nannte mutmaßliche Komplizen. Monatelang wurde er vor Gericht befragt. Die Richter müssen am Ende entscheiden: Ist der Aussteiger glaubwürdig?

Zeugen, die nicht aussagen wollen

Der Prozess ist eine Herausforderung für die Berliner Justiz. Nach wie vor läuft er unter strengen Sicherheitsvorkehrungen. Es wird in der Regel wöchentlich zweimal verhandelt. Oft zieht sich die Sitzung bis in den späten Nachmittag hinein.

Im dritten Jahr allerdings mussten über Wochen hinweg Prozesstermine aufgehoben werden – krankheitsbedingt. Einer der Angeklagten litt unter massiven Rückenproblemen. Schließlich wurde das Verfahren gegen den 34-Jährigen abgetrennt. Gegen ihn soll nun gesondert verhandelt werden. Sein Prozess beginnt voraussichtlich in der kommenden Woche.

Immer wieder hatte das Gericht mit Zeugen zu tun, die nicht aussagen wollten oder sich angeblich kaum erinnern konnten. Und die etwa zwei Dutzend Verteidiger haben viele Fragen im Zusammenhang mit Hinweisen und Informationen, die von Vertrauenspersonen der Polizei stammen sollen. Das Gericht plante bereits 67 weitere Prozesstage bis Ende August 2018. Am 7. November wird die Verhandlung fortgesetzt. (dpa)