Es war eine der größten Pannen in Berlins Polizeigeschichte: der Verrat einer geplanten Razzia gegen Rocker. Im Mai 2012 verfügte der Innensenator das Verbot der „Hells Angels Berlin City“. Die Razzia war für den 30. Mai angesetzt. Doch die Rocker hatten zuvor einen Tipp bekommen. Sie konnten ihr Vermögen in Sicherheit bringen, was bundesweit Schlagzeilen machte.

Jetzt wurde bekannt, dass der Verräter in den eigenen Reihen offenbar nicht in Berlin saß – wie die Polizeiführung stets behauptet. Kurz nach dem verpatzten Einsatz hatten die internen Ermittler nämlich einen Hinweis bekommen, dass der Verräter bei der Polizei Niedersachsen zu suchen sei. Der Hinweis wurde ernst genommen – und dann wohl ignoriert.

Stattdessen machten die Berliner Ermittler drei Monate nach der fehlgeschlagenen Razzia den vermeintlichen Maulwurf bei sich aus: im Rockerdezernat des Berliner Landeskriminalamtes (LKA). „Wir haben einen Beamten als Tatverdächtigen ermittelt. Das Verfahren ist abgeschlossen, wir haben es der Staatsanwaltschaft zugeleitet“, sagt Polizeisprecher Stefan Redlich. Der Beamte wurde wegen Geheimnisverrats vom Dienst suspendiert und sitzt seitdem zu Hause. Ein Ex-Rocker, der im Zeugenschutzprogramm ist, hatte zuletzt behauptet, der Beamte habe die bevorstehende Razzia an die Rocker verraten, was sich aber nicht bestätigte. Die Ermittler glauben vielmehr, dass der Beamte die Infos der Presse steckte. Tatsächlich schrieb Spiegel-Online am Vortag, ein Einsatz gegen Rocker stehe bevor, der aber schon an die Rocker verraten wurde. Das war für die Polizeiführung Geheimnisverrat genug.

V-Mann sagte aus

Dabei waren die Rocker bereits seit Tagen oder Wochen über die Durchsuchungspläne informiert. Sämtliche Berliner Charter (Ortsgruppen) der Hells Angels entwickelten hektische Aktivitäten. Motorräder wurden umgemeldet, Konten leer geräumt, das Charter „Hells Angels Nomads“ verlagerte plötzlich seinen Sitz nach Oranienburg, die berüchtigte Prügeltruppe „Brigade 81“ löste sich auf. Am Vorabend der geplanten Razzia begann dann auch das eigentliche vom Verbot betroffene Charter „Berlin City“ um den berüchtigten Chef Kadir P. abzutauchen. Selbst das Vereinsschild am Clubhaus in Reinickendorf wurde abgeschraubt.

Die Warnung kam von dem wirklichen Maulwurf. Er war offenbar beim Spezialeinsatzkommando (SEK) der Polizei Niedersachsen und ist es vielleicht noch. Einen Hinweis dazu hatte die Berliner Polizei schon neunzehn Tage nach der Razzia: In einem Vermerk der LKA-Abteilung für Operative Dienste (zuständig für Spezialeinheiten) an jene Dienststelle, die Geheimnisverrat und andere Beamtendelikte verfolgt, wird Bezug auf einen Informanten genommen, der offensichtlich aus dem Rockermilieu stammt.

Dieser wird als glaubwürdig eingestuft, seine Geheimhaltung und Identität wurde durch die Berliner Staatsanwaltschaft bestätigt. Der Informant, so heißt es in dem internen LKA-Schreiben, habe mitgeteilt, dass ein Beamter beim SEK in Niedersachsen eine besondere Rolle spiele. Dieser könne den Straftätern relative Gewissheit verschaffen, wann Einsätze bevorstünden. „Im Zusammenhang mit der Umsetzung der Verbotsverfügung gegen das Hells Angels Charter Berlin City sollen die Hells Angels ab dem Eingang einer Kräfteanforderung aus Berlin in Niedersachsen über den bevorstehenden Einsatz informiert gewesen sein“. Die Hells Angels, die in Hannover ihre mächtigste Ortsgruppe und quasi die Deutschlandzentrale hatten, saßen demnach direkt an der Quelle und gaben diese Infos nach Berlin weiter.

Nach Angaben eines Ermittlers wurde diesem Verdacht aber nicht weiter nachgegangen – aus welchem Grund auch immer. Dazu will Polizeisprecher Redlich keine Angaben machen, auch nicht auf die Frage, ob sich die Quelle, die auf den SEK-Mann hinwies, als glaubwürdig erwies. Die Berliner Staatsanwaltschaft will sich mit Hinweis auf das laufende Ermittlungsverfahren ebenfalls nicht äußern.

Gezielt diskreditiert

Angaben macht sie auch nicht zu den Ermittlungen gegen den beschuldigten Berliner Beamten und die Frage, ob es je eine Anklage gegen ihn geben wird. Polizei-Vizepräsidentin Margarete Koppers urteilt da offenbar schon schneller: Vor einiger Zeit besuchte die Volljuristin die SEK-Dienststelle. Vor rund 90 Beamten soll sie sinngemäß gesagt haben: Man dachte immer, die Abflüsse an die Presse kämen aus dem SEK. Aber jetzt habe man den Richtigen. Koppers bestreitet dies gesagt zu haben.

Der bisher unter Verdacht stehende Polizist galt als besonders eifriger Beamter – was ihm in zweifacher Hinsicht zum Problem wurde. Offenbar wurde er gezielt diskreditiert. Solche Strategien nutzen Schwerkriminelle, um besonders engagierte Fahnder auszuschalten.

Das weiß auch das Berliner LKA. Wie aus einem vertraulichen Schreiben hervorgeht, berichtete ein als zuverlässig eingestufter V-Mann aus dem Rockermilieu den Ermittlern des LKA 65 Folgendes: Hells Angels würden bei Telefonaten und Gesprächen in der Szene die Namen dieser engagierten Polizisten in so einem Zusammenhang nennen, dass der Eindruck entstehe, die Beamten würden Bestechungsgeld annehmen oder illegale Kontakte zur Rockerszene unterhalten. Durch möglicherweise abgehörte Telefonate oder durch Gespräche, die durch Informanten der Polizei mitgehört werden, sollen diese Informationen an die Strafverfolger herangetragen werden. So solle behördenintern ermittelt „und den Beamten so die Lust an einer Verfolgung des Hells Angels MC genommen werden“, heißt es. Der V-Mann nannte auch drei Namen von Ermittlern, die immer wieder im Gespräch seien. Einer von ihnen ist jener Beamte, der suspendiert mit reduzierten Bezügen daheim sitzt.
Tatsächlich waren die internen Fahnder auf ihn gekommen, weil er einen für manchen Beamten untypischen Arbeitseifer zeigte. Als er krankgeschrieben war, soll er in sein Büro gegangen sein und sich von seinem Computer ein Dokument nach Hause geschickt haben, das Rocker betraf. Wegen der Größe des E-Mail-Anhangs aktivierte die Mail ein Verdachtsraster, und die Fahnder wurden aufmerksam. Am 28. August 2012 durchsuchten sie seine Wohnung und sein Büro.

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