Es klang wie eine spektakuläre Enthüllung: „Kohl wollte jeden zweiten Türken loswerden“, titelte Spiegel Online vergangenen Freitag und berief sich auf geheime Protokolle der britischen Regierung aus dem Herbst 1982. „Kanzler Kohl sagte, über die nächsten vier Jahre werde es notwendig sein, die Türken um 50 Prozent zu reduzieren, aber er könne das noch nicht öffentlich sagen“, heißt es in der Mitschrift.

Für Barbara John sind die Aussagen keine Überraschung. „Diese Haltung war damals kein Geheimnis, sondern die politische Linie, die sich quer durch die Volksparteien zog“, sagt sie. John, die langjährige Ausländerbeauftragte, kennt sich so gut aus mit den Türken und Deutschen wie kaum einer in der Stadt. 1981, als der Regierende Bürgermeister Richard von Weizsäcker die Kreuzberger CDU-Politikerin holte, war West-Berlin das erste Bundesland mit einer Ausländerbeauftragten – das Modell wurde später deutschlandweit kopiert.

Während Kanzler Helmut Kohl damals nicht an die Integration glaubte, hat Barbara John die Eingliederung von Einwanderern zu ihrer Aufgabe gemacht. Es ärgerte sie, wie man mit dem Menschen umging, die man ins Land geholt hatte und doch ablehnte. „Mir war schon in den Achtzigerjahren klar: Wenn die Deutschen die Integration nicht wollen, dann wird sie nicht gelingen“, sagt sie heute. Sie stand mit ihrer Haltung lange allein da, wurde in ihrer Partei angefeindet.

Sie erinnert sich an die Hysterie und Panik, die vor dreißig Jahren herrschte, als plötzlich Zehntausende Türken mehr in die Stadt kamen – weil Familienmitglieder nachzogen, weil viele Menschen 1980 nach dem Putsch in der Türkei flüchteten. Zwischen 1974 und 1983 stieg die Zahl insgesamt auf 120.000 Türken. Berlin war auf einmal die größte türkische Stadt außerhalb der Türkei. Es gab Wohnungsnot, Ausländerklassen, in Bezirken wie Kreuzberg, Tiergarten und Wedding galten Zuzugssperren, die erst 1989 aufgehoben wurden.

1983 legte Kohls Regierung die Rückkehrprämie auf. Interessierte Türken sollten 10.500 DM auf die Hand bekommen, plus eingezahlter Rentenbeiträge. Das Rückkehr-Programm widersprach Johns Aufgabenverständnis, sie beriet die Menschen so neutral wie möglich.

10.500 DM auf die Hand

Allerdings setzte der Senat bundesweit einzigartig eine Ausnahmeregelung durch, das mindestens 16-Jährigen erlaubte, ohne ihre Eltern bei Verwandten bleiben zu dürfen, solange ihr Lebensunterhalt und Schulbesuch sichergestellt war. Nur rund 20.000 Berliner Türken nahmen die Rückkehrprämie an, viele kehrten nach wenigen Jahren wieder zurück.

Die abweisende Haltung gegenüber den Gastarbeitern hatte auch damit zu tun, dass sich die Lage in Deutschland seit der Ölkrise verschlechtert hatte. Viele Menschen wurden arbeitslos, sahen die Fremden als Last, als Konkurrenz. John besuchte Familien, setzte sich dafür ein, dass die Türken Interessenvertretungen gründen, damit sie aus der Isolation herauskommen. Sie rang mit der Ausländerbehörde, die jede Gelegenheit nutzte, die Menschen in ihre Heimat zurückzuschicken. „Bei der Auslegung der Gesetze sei damals immer in Richtung Rückkehr gedacht worden“, sagt sie. Sie berichtet erschreckende Beispiele, von Mädchen, die massenhaft ausgewiesen werden sollten, nur weil von den Eltern in ein Wohnheim gezogen waren, von Frauen, die ihren Aufenthaltsstatus verloren, weil sie vor ihren prügelnden Männern zu Hause flohen und eine neu Bleibe suchten. Immer wieder focht Barbara John Kämpfe mit ihrem Parteifreund, dem stramm konservativen Innensenator Heinrich Lummer aus.

Wenn Gastarbeiter in der Türkei heirateten, mussten sie ein Jahr lang warten, bis der Partner nachkommen durfte. Weitere fünf Jahre vergangen, bis eine Arbeitserlaubnis für den Ehepartner erteilt wurde. So wurden Abhängigkeiten vom Sozialstaat geschaffen. Schlagzeilen machte auch der brisante Fall einer schwangeren Ehefrau, die von ihrem in Berlin lebenden Mann getrennt und ausgewiesen werden sollte. Das Touristenvisum der Türkin war abgelaufen, sie sollte hochschwanger nur für wenige Monate in die Türkei zurückgeschickt werden, um dann nach Ablauf des Jahres mit dem Kind zur ihrem Mann zurückzukehren. John ging das zu weit, sie protestierte, drohte mit Rücktritt. Sie setzte sich durch, die Frau durfte bleiben und ihr Kind in Berlin bekommen.

Wenn Barbara John heute auf Vorträgen von ihrer Arbeit damals berichtet, dann ernte sie oft Verwunderung, berichtet sie. Das Ausmaß der Schikane, mit der einst gegen Ausländer vorgegangen wurde, ist heute nur noch schwer vorstellbar. Es gibt heute zahlreiche Gipfel, Beiräte, Treffen und ein modernisiertes Staatsbürgerschaftsrecht.

Geblieben ist die Ablehnung türkischer Einwanderer, die sich heute eher als Islamfeindlichkeit artikuliert. „Das zieht sich wie ein roter Faden bis heute durch, bis hin zu den Taten des NSU“, sagt John. Die Terrortruppe ermordete zwischen 2000 und 2007 neun Migranten, darunter acht Türken. John kümmert sich um die Hinterbliebenen der Opfer.