Wo kommst du eigentlich her? Wer diese Frage in Berlin noch stellt

Wie redet man über Herkunft? Wer darf das fragen? Seit Silvester diskutiert Berlin über Fragen, die unsere Kolumnistin schon lange beschäftigen. Aus persönlichen Gründen.

„Wo kommst du eigentlich her?“ Besonders heutzutage ist die Frage nicht unumstritten.
„Wo kommst du eigentlich her?“ Besonders heutzutage ist die Frage nicht unumstritten.Chromorange/Imago

Die Frage, die ich von Fremden in meinem Leben am häufigsten gehört habe, lautet: Wo kommst du eigentlich her? Ich sagte, dass ich aus Berlin komme. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 99,9 Prozent wurde ich anschließend gefragt: Und woher kommen deine Eltern?

Meine Mutter kommt aus dem Erzgebirge, mein Vater wuchs an der Ostsee auf, antwortete ich dann. Ich habe dunkle Haare und Augen, ich werde braun, sobald die Sonne scheint. Die Leute erklärten mir oft, dass ich eben nicht typisch deutsch aussähe. Oder sie nannten mich „südländisch“. Mitunter sogar: „exotisch“. Man handelte sich mit solchen Beschreibungen damals noch nicht so leicht Ärger ein.

Die Fragerei nervte mich schon, als sie politisch noch nicht umstritten war. Weil ich keine Antwort geben konnte, die den Erwartungen gerecht wurde. Erzgebirge, Ostsee, wie gesagt. Ich fing an zu erzählen, dass eine meiner Omas in Moskau geboren war, aber das erklärte auch nicht viel. Mein Bruder tischte neuen Bekannten eine Zeit lang die Story auf, unsere Mutter stamme aus Puerto Rico, absurder ging es für zwei Ost-Berliner Jugendliche kaum, aber viele glaubten es ihm.

Vor ein paar Jahren hörte die Fragerei plötzlich auf. Fast vollständig. Die Journalistin Ferda Ataman, die jetzt Antidiskriminierungsbeauftragte der Bundesregierung ist, hatte ein Buch geschrieben, dessen Titel  zusammenfasste, wie man über diese Frage reden sollte. Das Buch hieß: „Ich bin von hier. Hört auf zu fragen!“

Seitdem erkundigt sich manchmal noch jemand, den ich neu kennengelernt habe, ganz vorsichtig, ob er mich etwas fragen dürfe. Obwohl man das ja nicht mehr solle.

Ein Kölner, der sich als Armenier vorstellt

Ich verstehe, dass Menschen die Frage stört, wenn sie ihnen das Gefühl gibt, man betrachte sie als nicht zugehörig, nicht typisch deutsch, mit einem Unterton, der sie abwertet. Mir persönlich kam es nie vor, als frage mich jemand mit bösem Unterton. Es wunderte mich eher, dass viele Leute so enthusiastisch wirkten, als seien sie die Ersten, die auf diese Frage gekommen waren. Falls ich einen Tipp geben darf: Wenn Sie mit jemandem ins Gespräch kommen wollen, überlegen Sie, ob Ihre erste Frage nicht vielleicht die offensichtlichste ist, die Ihr Gegenüber müde macht. Eine Kollegin, die eher groß ist, wird ständig gefragt, ob sie Basketball spielt. Nein, spielt sie nicht.

Ähnlich wie meine Kollegin Anja Reich es beschrieben hat, treffe ich oft auf Menschen, die auf die Frage nach der Herkunft antworten, bevor sie jemand stellt. Der neue Freund meiner Cousine stellte sich uns als Armenier vor. Er lebt in Köln, seit er anderthalb ist, und ist in Teheran zur Welt gekommen. Als ich ihn fragte, wie lange seine Vorfahren im Iran lebten, sagte er: 500 Jahre. Damals seien sehr viele Armenier in den heutigen Iran eingewandert. Bis heute spreche seine Familie armenisch und Farsi, inzwischen auch deutsch.

Manche Berliner fragen mich so unbefangen aus wie eh und je. Wo kommst du her, Schwester? Perserin? Oder auch Türkin? Im Taxi, am Imbissstand, ohne Vorgeplänkel. Und reden dann davon, wo sie herkommen, als sei das die normalste Frage der Welt.