Berlin - Die Flüchtlingskrise in Deutschland hat Tor Brekke vor zwei Jahren aufmerksam beobachtet – war die Zahl der Asylsuchenden hierzulande doch fast dreißigmal so groß wie in seiner Heimat Norwegen. „Die Haltung der Menschen in Deutschland hat mich tief beeindruckt“, sagt er.

Sein Interesse hat der 48-jährige Konzernleiter des norwegischen Heimbetreibers Hero Group inzwischen zu einem konkreten Projekt ausgebaut: In wenigen Wochen übernimmt Hero in Marzahn eine Mobile Unterkunft (MUF) und ein Tempohome für insgesamt mehr als 700 Flüchtlinge. Im Sommer folgt eine Unterkunft in Kamenz bei Bautzen.

Es ist das erste Mal, dass ein ausländisches Unternehmen vom Berliner Senat den Zuschlag bei einer Ausschreibung für Flüchtlingsheime erhält. Die Entscheidung kam für viele überraschend. Doch Hero kennt sich mit Flüchtlingen aus. Seit 30 Jahren ist das Unternehmen in der Branche tätig und der größte Anbieter in Norwegen. Der Hauptsitz liegt in Stavanger, dem Zentrum der Erdölindustrie. Ein ehemaliger kurdischer Flüchtling machte es groß und prägte es. „Unser langjähriger Vorstandsvorsitzender Ahmed Bozgil hatte das Konzept, Flüchtlingen früh Verantwortung zu übertragen“, sagt Brekke. Eine Idee, die Hero weiter verfolgt.

Bewohner wählen eigenen Rat

In Norwegen unterhielt das Unternehmen bis zu 60 Heime mit 1300 Beschäftigten, als die Flüchtlingszahlen am höchsten waren. Seit die konservativ-rechte Regierungskoalition in Oslo die Flüchtlingszahlen rigide drosselt, muss Hero zahlreiche Heime schließen.

Das Unternehmen legt nach eigenen Angaben großen Wert auf die Einbindung von Flüchtlingen. Knapp die Hälfte der Mitarbeiter stammen von Minderheiten. Das Ziel ist eine frühzeitige Integration der Bewohner in den Arbeitsmarkt und die Gesellschaft. Konflikttrainings und Bewerbungscoachings werden in den Heimen ebenfalls angeboten.

Die Bewohner werden stetig motiviert, sich in Küche, Kinderbetreuung, Sprachunterricht oder Sportkursen ehrenamtlich zu engagieren. Eine finanzielle Gegenleistung wie in Deutschland ist vom Staat nicht vorgesehen. Im Gegenzug erhalten die Bewohner von Hero nach einigen Monaten der Mitarbeit eine schriftliche Empfehlung, die bei der Arbeitssuche hilfreich ist.

Jahreskarten für das Schwimmbad

Eine andere Initiative ist ein sogenannter Bewohnerrat. Er existiert in jedem Heim und wird demokratisch gewählt. Seine Mitglieder können jeden Monat über rund 500 Euro verfügen und diese selbstbestimmt im Interesse der Heimbewohner ausgeben. Sie kaufen zum Beispiel Jahreskarten für das Schwimmbad oder organisieren ein Fest in der Gemeinde. „Der Rat fördert das Demokratie-Verständnis und auch die Geschlechtergleichheit, denn alle haben dieselben Rechte“, berichtet Berit Albrecht, 45, Geschäftsführerin des deutschen Ablegers „Hero Zukunft“.

Kürzlich gab es in Norwegen sogar eine landesweite Versammlung aller Bewohnerräte, die Wünsche an die Konzernleitung formulierte: „Eine schnelle Bearbeitung der Fälle, das Recht zu arbeiten, mehr Teilhabe waren einige der Wünsche“, berichtet Brekke. Demnächst folgt ein Besuch im norwegischen Parlament.

Das Budget für die Bewohnerräte erhält Hero von den Geldgebern im Rahmen der Ausschreibung. Finanzierung für solche Aktivitäten gibt es von der Berliner Integrationsverwaltung nicht. Dennoch will Brekke versuchen, „einige unserer Herangehensweisen in Berlin umzusetzen. Wir werden sehen, wie weit wir kommen.“

Es laufen Einstellungsgespräche

Zunächst hat Hero die beiden Einrichtungen nur für sechs Monate mit Option auf drei Monate Verlängerung übertragen bekommen. Eine Übergangszeit, bis eine EU-weite Ausschreibung für die langfristige Vergabe der Berliner Unterkünfte abgeschlossen ist. Der Sprecher des Landesamts für Flüchtlingsangelegenheiten, Sascha Langenbach, sagt, dass ihm außer Hero kein weiterer ausländischer Bewerber bei der letzten Vergabe bekannt sei. Besondere Erwartungen an die Norweger beständen nicht. Sie hätten den 19-seitigen Leistungs- und Kriterienkatalog wie alle erfolgreichen Bewerber erfüllt. Ihre Aufgabe sei es jetzt, die Einrichtungen entsprechend zu leiten.

Über internationale Erfahrungen verfügt das Unternehmen. In Schweden übernahm es 2014 erste Unterkünfte. 2016 begann Hero in Finnland Dolmetscherdienste anzubieten. Deutschland ist das dritte Land außerhalb Norwegens, in dem Hero aktiv wird.

Ein Besuch bei der Mobilen Unterkunft (MUF) an der Wittenberger Straße in Marzahn beeindruckte Brekke und Albrecht. „Die Häuser sind neu, das sind gute Bedingungen, die norwegischen Standards entsprechen“, sagt Albrecht. Zurzeit laufen die Bewerbungsgespräche für die rund 40 Stellen in der MUF und dem Tempohome in der Dingolfinger Straße, das noch nicht bezogen ist. „Wir suchen noch Mitarbeiter“, sagt Albrecht.

Berichte über eine knappe Kalkulation, die bei der Vergabe den Ausschlag gegeben haben soll, weist Brekke zurück. „Wir wollen gute Lebensbedingungen für die Bewohner und gute Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter“, sagt er. Die Finanzierung inklusive der Lohnstruktur sei zudem Teil der Vergabedokumentation gewesen und bewege sich im üblichen Rahmen.

Helfer sind weiter willkommen

Albrecht zeigt sich beeindruckt von dem komplexen System aus Unterstützern und ehrenamtlichen Helfern in den Berliner Heimen. Eine Flüchtlingshelferin fragte kürzlich nach, ob sie weiterhin in der Marzahner Unterkunft arbeiten könne. Das habe ihn total überrascht, sagt Albrecht: „Selbstverständlich sind alle in den Häusern willkommen, die sich bisher engagiert haben, und auch neue Helfer.“

Gespräche mit Anwohnern, Helfern und Bewohnern, ein Workshop für die Mitarbeiter – wenn Hero demnächst antritt, wird erst einmal viel geredet. Die eigenen Ideen zu vermitteln, soll den Grundstein legen für eine Arbeit, die nicht in sechs Monaten endet. „Wir haben langfristige Ziele“, sagt Tor Brekke. Er sieht das Engagement von Hero auch als Teil eines europäischen Ideenaustauschs, der zu mehr gemeinsamen Lösungen führen könne. „Vielleicht können wir hier in Berlin etwas einbringen. Vielleicht können wir auch etwas mit zurücknehmen“, fügt er hinzu.

Mehr Informationen auf www.herozukunft.de