Berlin/Kreuzberg - Es dauerte, bis ich bemerkte, dass es hinter der Wand still geworden war. Ich wohne in einem Berliner Mietshaus, in dem man seine Nachbarn nicht erst hört, wenn sie die Türen knallen, sondern schon, wenn sie diskutieren. Zu Beginn der Pandemie hat es mich manchmal beruhigt, die Leute aus der WG, deren Wohnung an mein Schlafzimmer grenzt, nachts lachen oder tanzen zu hören. Menschen, die in guter Nachbarschaft leben, sind zufriedener und gesünder, haben Studien ergeben. Meistens nehme ich die Geräusche kaum noch wahr, wahrscheinlich ist das ein gutes Zeichen.

Aus der Wohnung im Seitenflügel, die an mein Bad grenzt, kamen im Frühjahr keine Geräusche mehr. Der Fernseher, der fast immer lief, ARD oder ZDF, blieb aus. Das Telefon klingelte nicht. Der Nachbar brüllte nicht: „Nu lass mich doch ma ausreden!“ hinein. Ich habe mich daran gewöhnt, mir zu diesem Satz die Hände zu waschen. Oft rief der Nachbar mehrmals „Nein!“ hinterher. Mein Exfreund, der lange mit mir in der Wohnung gewohnt hatte, nannte ihn deshalb „Herr Nein“.

Die Polizei rufen oder nicht?

Wenn ich Herrn Nein auf der Straße traf, brüllte er auch manchmal, in Richtung des jeweiligen Schäferhunds, mit dem er gerade sein Leben teilte. Mich lächelte er an und erzählte von Ärgernissen im Haus. Die Haustür klemmte zum Beispiel. Solche Dinge beschäftigten ihn. Er schrieb Zettel in krakeliger Schrift, „An die Hausverwaltung“, und hängte sie in den Flur. Zettel, die andere in den Flur hängten, entfernte er sofort, auch die Hinweise auf bevorstehende Ablesetermine ließ er keinen Tag hängen. Im Viertel kratzte er die Stromkästen von Aufklebern frei, mit konzentriertem Blick, als gehe er einer bedeutsamen Arbeit nach.

Im Viertel hatte ich ihn auch lange nicht gesehen, fiel mir auf. Ich erwog, die Polizei zu rufen. Aber vielleicht war er in einer Klinik oder, nun ja, einer Einrichtung? Einrichtung. Ich schäme mich ein bisschen, wenn ich das schreibe. Herr Nein sortierte den Müll auf dem Hof von einer Tonne in die andere. Pappkartons holte er aus der Papiertonne, schimpfte dabei. Kartons waren Verpackungen! Hat das wieder jemand falsch gemacht! Er stopfte die Pappe in die Tonne für den Verpackungsmüll. Auf sein Äußeres achtete er weniger genau, um es vorsichtig zu sagen. Wenn er im Sommer das Fenster seines Wohnzimmers öffnete, machte ich mein Badfenster zu. Aber in jedem Advent klebte er eine Klarsichthülle an seine Scheibe, in der ein Engel steckte, mit Lämpchen in beiden Händen. Der Engel blinkte bis Ostern in mein Bad.

Das halbe Haus hatte den Nachbarn vermisst

Als ich auf der Straße eine andere Nachbarin traf, fragte ich sie nach ihm. Der Mann mit den Schäferhunden? Einmal hatte ihm ein Amt einen Hund weggenommen, einmal war ihm ein Tier vor einem Supermarkt gestohlen worden, beides hatte er mir erzählt, bei diesen Geschichten war er besonders schwer zu verstehen gewesen. Ich wusste nicht, was stimmte, aber ich wollte ihm nicht hinterher recherchieren. Er nervte mich oft, vor allem der Geruch aus seiner Wohnung, aber war es nicht sein Recht, so zu leben, wie er wollte? Ist man nicht auch eine gute Nachbarin, wenn man die anderen in Ruhe lässt? Er wirkte nicht unglücklich. Aber vielleicht rede ich mir das schön.

Seit dem Sommer hatte er keinen Hund mehr. Er lief noch langsamer, zog ein Bein hinter sich her, wirkte dünner und kleiner. Oft saß er vor dem italienischen Eisladen, mit einem großen Becher und einem Milchshake. Manchmal döste er nach dem Eisessen in der Sonne ein.

Das halbe Haus hatte ihn vermisst, stellte sich heraus, jemand hatte schließlich die Polizei gerufen. Herr Nein war in seiner Wohnung gestorben. Er soll vierzig Jahre im Seitenflügel gewohnt haben. Niemand wusste, wie alt er war, um die 60, wurde geschätzt. Ich selbst wohne seit 17 Jahren im Vorderhaus, fiel mir auf.