BerlinDa lehnt ein Mann an einer Hauswand, er fällt nicht weiter auf. Er ist schmal und nicht besonders groß, trägt Brille, Käppi und einen dünnen grauen Zopf, kramt ein Tabakpäckchen aus seinem Rucksack. Es hat ihn nicht erwischt, an diesem Morgen nicht. Das Ende ist aufgeschoben. Aber er macht sich nichts vor; früher oder später wird es ihn einholen. Wie es ihm geht? „Weiß ich nicht“, sagt er, „erleichtert. Das schon.“

Ein lauwarmer Junitag hängt über Berlin, es geht auf Mittag zu. Daniel Z., geboren am 31. Dezember 1965 in Berlin, befindet sich seit Anfang des Jahres in einem Wettlauf gegen die Zeit. Entweder er gewinnt ihn. Oder er verliert alles.

Z.s Wohnung wird zwangsgeräumt, das Urteil fiel vor gut einem Jahr. Die Gerichtsvollzieherin sollte eigentlich an diesem Morgen kommen. Erst am Nachmittag davor erreichte Z. der Bescheid vom Amtsgericht Wedding: Die Räumung werde „gegen eine Auflage einstweilen eingestellt“.

Der Bescheid vom Gericht kommt in letzter Minute

Zuvor hatte sein Anwalt Räumungsschutz beantragt. In dem Attest steht: Wegen seiner „psychischen und anderen Erkrankungen ist eine Wohnungsräumung zum jetzigen Zeitpunkt gefährlich und kann zur Suizidalität führen“. Das Gericht räumte ihm dann in praktisch letzter Minute drei Monate Schonfrist ein.

Z. überlegt einen Moment. Er hat wenig geschlafen; gerade saß er noch mit Freunden, Bekannten, Verbündeten im Café. Jetzt ist er   allein, und die Fragen sind wieder in seinem Kopf. Wie lange wird er den Termin noch vor sich herschieben können? Was wird aus seinen Sachen? Und wo in Berlin ist noch Platz für einen wie ihn?

Knapp 5 000-mal haben Vermieter in Berlin im vergangenen Jahr die Gerichtsvollzieher mit Wohnungsräumungen beauftragt. In einer dieser Wohnungen lebt Daniel Z. Der Fall ist komplex, es ist keiner dieser Fälle, über die Medien sonst gerne berichten, über Mieter, die aus reiner Willkür des Vermieters ihr Zuhause verlieren.

Daniel Z. zog vor 35 Jahren in seine Wohnung im Wedding. Bald muss er raus, seit seinem ersten Räumungstermin sitzt er auf gepackten Umzugskisten.
Foto: Berliner Zeitung / Markus Wächter

Aber genau deswegen sagt Z.s Fall viel   über die Realität von Räumungen aus. Geschichten wie die von Z. sind selten schwarz-weiß und oft vertrackt – eine Gemengelage aus Versäumnissen, sozialen Problemen und einem Hilfesystem, das häufig nicht greift.

Z. spricht hartes Berlinerisch, wie man es in der Stadt inzwischen selten hört. Er bezieht seit einigen Jahren Hartz IV, ist berufsunfähig. Er hat eine Verletzung am Knie, leidet   oft unter heftigen Schmerzen, dazu kommen Depressionen, Panikattacken.

Er lebt in einer stillen Ecke des Wedding, auf dem Weg kommt man an türkischen Bäckereien vorbei, einem Altenheim, einem Fotostudio. Die Wohnung liegt im Hinterhof, vor der Tür wuchern niedrige Blattpflanzen.

Gut zwei Monate vor dem Räumungstermin sitzt Daniel Z. in seinem engen Wohnzimmer; ringsum Bücherregale, das Sofa, ein Schreibtisch, ein Sessel. Der Raum ist ordentlich, sehr sogar. Auf dem Fensterbrett liegen Unterlagen sortiert in farbigen Mappen,   Briefe vom Jobcenter, vom Sozialamt, Gerichtsakten und die Schreiben des Vermieters.

Z. kämpft an vielen Fronten, manchmal fällt es ihm schwer, den Überblick zu behalten. „In meinen Gedanken, in den Synapsen im Gehirn, da schwimme ich“, sagt er. „Ich habe nicht die richtige Koordination. Es läuft alles parallel.“

Bleirohre und ein kaputter Kohleofen

Daniel Z. lebt weit mehr als sein halbes Leben hier, er zog im Januar 1984 ein, die Miete lag damals bei 117,45 D-Mark. Nach und nach sei vieles zu Bruch gegangen, sagt er: Der Kohleofen laufe seit mehr als zehn Jahren nicht mehr, die Klospülung war defekt. Und vor einigen Jahren erfuhr er, dass das Wasser im Keller durch Bleirohre fließt. Ein Test ergab, dass der zulässige Wert um das 77-Fache erhöht war. Das, was aus seinem Kran kommt, war also kein Trinkwasser.

„Es gab viele Kleinigkeiten, wo ich gesagt habe: Wenn das nicht repariert werde, werde ich die Mietzahlungen einstellen“, sagt Z. Er las sich ein und fand Urteile, in denen Mietern, die ihre Miete um 100 Prozent gemindert hatten, Recht gegeben wurde. Er sagt, wenn sein Vermieter die Mängel behoben hätte, hätte er gezahlt. Damals hatte er genug Geld. Er wähnte sich auf der sicheren Seite.

Im Juli 2005 stellte er die Zahlungen ein. Sein Vermieter, ein älterer Herr aus München, will zu dem Fall nichts sagen. Nur so viel: „Mir kann niemand etwas vorwerfen, weil ich ein sehr entgegenkommender, sozial denkender Mensch bin.“

Daniel Z. sagt, er habe die Schäden gemeldet. Der Vermieter bestritt dies vor Gericht. „Der Kläger trägt vor“, Mängel „seien nicht angezeigt worden und lägen im Übrigen auch nicht vor“, so heißt es in der Begründung des Räumungsurteils. Z. sagt, er habe Bescheid gesagt, aber nur mündlich, ihm fehlten dafür Beweise. Das Gericht entschied, dass für die Bleirohre eine Mietminderung von zehn Prozent „angemessen und erforderlich, aber auch ausreichend“ sei.

"Normalbetrieb? Wir sind seit Monaten unterbesetzt"

Z. wurde verurteilt, die Wohnung „geräumt und besenrein an den Kläger herauszugeben“. Noch hat ihm die Gerichtsvollzieherin keinen Termin mitgeteilt, das Schreiben kann jetzt aber jeden Tag kommen.

An einem sonnigen, klaren Tag Mitte April nimmt Daniel Z. den Kampf um seine Existenz auf. Über die Müllerstraße steuert er auf das Rathaus Wedding zu, er läuft in den zweiten Stock. Dort sind die Sozialen Wohnhilfen zu finden – ein Anlaufpunkt für alle, die vor einer Räumung stehen oder ihre Wohnung verloren haben. Viele von ihnen brauchen ein Bett in einem Obdachlosenheim.

Es ist gerade halb neun, die Sprechstunde beginnt um neun. Die Bänke an der Wand des Flurs sind schon fast alle besetzt, es sind vor allem Männer da, aber auch Frauen, manche mit kleinen Kindern. „Notdienst“ steht auf einem Zettel an der Tür. „Wann ist denn hier wieder Normalbetrieb“, fragt Z. einen Mitarbeiter, der gerade vorbeigeht. „Normalbetrieb? Wir sind seit Monaten unterbesetzt.“ Z. beschließt, an einem anderen Tag wiederzukommen.

Eine Woche später ist der Flur ist wieder voller Leute, aber es gibt keine Nummern zum Ziehen. Es ist kaum zu überblicken, wer vor welcher Tür wartet. Zwei schwarz gekleidete Security-Männer laufen auf und ab.

Ein Mann mit gelb verklebten Augen irrt umher, klopft an die Türen, er glaubt, andere wollten vordrängeln, andere denken dasselbe von ihm. „Meine Eltern warten schon ganz lange“, sagt eine junge Frau mit Kopftuch, deutet auf die beiden alten Leute neben sich. Der Mann wird wütend, sie auch. Die Security-Männer stapfen heran, plötzlich wird es wieder still.

Das Gespräch läuft von Anfang an nicht rund

Dann ist Z. dran, die Sachbearbeiterin bittet herein. Sie weiß nicht, dass eine Journalistin dabei ist. Anders wäre es nicht möglich zu verfolgen, wie die Realität in den Behörden für Menschen wie Z. aussehen kann. Die Berliner Zeitung hatte beim Bezirksamt darum gebeten, mit einem Mitarbeiter der Sozialen Wohnhilfen zu sprechen. Das wurde abgelehnt: „Wir empfehlen Ihnen, in einem anderen Bezirk nachzufragen.“ Auf schriftliche Fragen zum Fall Z. antwortete die Behörde nicht.

Z. setzt sich an einen kleinen Tisch in dem Büro. Die Frau fragt: „Waren Sie schon einmal bei mir?“ Ja, war er, seit 2017 mehrfach. Nur seine Akte ist nicht da, das weiß er. Er hat auf Akteneinsicht geklagt, aber bisher keine Antwort erhalten. Die Stimme der Frau klingt jetzt scharf: „Was wollen Sie denn?“ – „Was ich will?“, ruft er. „Was steht mir zu? Ich werde demnächst obdachlos.“ Ihm geht es vor allem darum, seine Einrichtung zu retten. „Ich muss meine Sachen irgendwo lassen. Ich kriege keine Wohnung.“

Die Frau sagt, die Umzugskosten müsse er beim Jobcenter beantragen. Wenn er den Tag wisse, an dem er obdachlos wird, solle er wieder zu ihr kommen. „Dann muss man gucken, ob man einen Wohnheimplatz für Sie findet.“ – „Ein Wohnheim?“ – „Richtig. Und von dort aus können Sie versuchen, erneut an eine Wohnung zu kommen.“

Das Gespräch lief von Anfang nicht rund, jetzt entgleist es völlig. Daniel Z. wird wütend, er schreit: „Und wie? Wenn ich das schon nicht schaffe?“ Er kommt von einem Thema aufs nächste, zitiert Gesetze, Artikel 28 der Berliner Verfassung: „Jeder Mensch hat das Recht auf angemessenen Wohnraum.“

Die Frau wird nun ebenfalls laut. „Es gibt nicht genügend Wohnraum, und wir sind auch nicht dafür zuständig, Ihnen Wohnraum zu besorgen.“ Sie könnte nun prüfen, ob er für das Geschützte Segment in Frage käme, das ist ein Kontingent für Menschen in prekären Lebenslagen, oder ob er Hilfe bei einem sozialen Träger bekommen könnte. Nichts davon spricht sie an.

Am Ende stürmt Daniel Z. aus dem Raum, er hat jetzt noch einen Termin bei einer Clearingstelle im Jobcenter. Das ist gleich nebenan, Er betritt ein kleines Büro, eine recht junge Frau kommt dazu. Er hat konkrete Fragen, es sind immer die gleichen: Welche Leistungen stehen ihm zu? Wo kann er Hilfe kriegen?

"Versuchen Sie, sich auf das Schlimmste einzustellen"

Die Frau sagt, er soll zur Sozialen Wohnhilfe gehen – dorthin, wo er gerade herkommt. Z. erzählt von seinem Streit mit der Sachbearbeiterin, dass er es in der Behörde kaum aushält, das lange Warten, die beklemmende Stimmung. Die Frau nickt. „Gehen Sie noch mal hin“, sagt sie. „Und versuchen Sie vorher, sich auf das Schlimmste einzustellen.“

Es steht viel für ihn auf dem Spiel, das weiß er seit August 2016, da fand er eine handgeschriebene Nachricht von seinem Vermieter im Briefkasten: „Wegen des Verkaufs der von Ihnen bewohnten Eigentumswohnung Nr. 32 bitte ich Sie, sich unverzüglich mit mir in Verbindung zu setzen.“

Z. sagt, der Vermieter habe jahrelang nicht reagiert, als die Miete ausblieb. Zuletzt zahlte er 205 Euro im Monat. Erst im Oktober 2008, mehr als drei Jahre nach der letzten Zahlung, sei eine Mahnung bei ihm eingetroffen. Dann sei nichts geschehen, sagt Z., zwei Jahre lang. Im Herbst 2010 kam eine fristlose Kündigung.

Daniel Z. kämpft dieser Tage an verschiedenen Fronten; er reibt sich auf an den Widerständen in den Behörden.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

Die Hitze drückt. Die Luft ist dick und klebrig, als Daniel Z. am Südkreuz aus der S-Bahn steigt. Inzwischen ist ein Monat vergangen, es geht auf Ende Mai zu. Z. läuft in Richtung einer Schrebergartensiedlung, die eingeklemmt ist zwischen Gleisen und großen Gewerbeblöcken. Das Gelände ist verlassen;   Z. hat es für sich alleine.  

Da und dort ist die Erde aufgerissen, einige Bäume sind gefällt worden. Die Parzellen müssen Platz machen für ein Bauprojekt. Z. kennt die Anlage seit seiner Kindheit, schon sein Urgroßvater gärtnerte hier. Mit den Schuhen schiebt er Gestrüpp zur Seite, um sich einen Weg zu bahnen, er deutet nach rechts und links: „Hier war ’ne schöne Mirabelle. Den Holunder haben sie auch abgehackt. Wer sowas macht.“

Seine Parzelle ist ganz hinten, Kräuter und Blumen wuchern wie verwunschen vor einer Laube. Am Wochenende wird er alles ausräumen, es tut ihm weh, noch mehr als der Verlust der Wohnung. „Mich hat’s böse erwischt. Mich zieht es jetzt auch wieder richtig weg.“

Der Vermieter spricht selbst beim Jobcenter vor

Daniel Z. hat lange in Cafés und Restaurants gearbeitet. Dann machte er eine Ausbildung zum Tischler, ging für eine Weile in die USA und verdiente als Handwerker viel Geld. Er trägt noch Kleidung, die er sich in Amerika gekauft hat, T-Shirts mit wilden Mustern in verblassten Farben, Stone-Washed-Jeans, was man in den frühen Neunzigerjahren so trug.

Zum Jobcenter geht er Anfang 2012 zum ersten Mal. Er hat ein halbes Jahr lang die letzten Cents zusammengekratzt, um Haferflocken zu kaufen. Hartz IV will er nicht. „Weil ich gesagt habe: Ich schaffe es für mich alleine.“ Das geht eines Tages nicht mehr. Er beantragt die Grundsicherung, aber nicht die Miete, er sieht keinen Grund dafür. „Warum soll man für etwas bezahlen, was kaputt ist?“

Im Oktober 2016 erhält er eine weitere Kündigung. Er spürt nun, dass es ernst werden könnte. Bei einem Weiterbewilligungsantrag 2016, sagt er, habe er Mietkosten mitbeantragt. Ende 2016 schreibt sein Anwalt an das Jobcenter: „Um die Obdachlosigkeit unseres Mandanten zu verhindern, wird bezüglich der zu erwartenden Räumungsklage eine Kostenübernahme erforderlich werden.“ Er bitte „bereits jetzt um Mitteilung“, ob diese zu erwarten sei. Das Jobcenter, sagt Daniel Z., habe darauf nie geantwortet.

Indes erhöht der Vermieter den Druck. Anfang 2017 habe er erneut die Mietrückstände eingefordert, sagt Daniel Z., da sei er gerade aus dem Krankenhaus gekommen. Die Ärzte haben ihm eine Metallplatte aus dem Knie operiert. Ihm ist alles  zu viel, und so einigen sie sich, dass der Vermieter selbst bei den Behörden nachfragen solle.

Jobcenter oder Sozialamt übernehmen in bestimmten Fällen Mietschulden, wenn der Mieter die Wohnung dann behalten kann. 2018 gingen in Berlin 6 121 Anträge ein.

Die Gründe für die Unterschiede bei der Quote der Ablehnungen liegen eher im Ermessen der Jobcenter als in der Menge der Anträge. So gingen in Steglitz-Zehlendorf nur 58 Anträge ein, dennoch ist die Ablehnungsquote erheblich. Spitzenreiter war Lichtenberg mit rund 1400 Anträgen.

Z.s Vermieter spricht im Jobcenter vor. Die Sachbearbeiterin schreibt in einer E-Mail vom 23. Februar 2017 an eine Kollegin im Sozialamt: „Meines Erachtens handelt es sich um Privatschulden“, die der Vermieter „gerne von uns getilgt haben möchte. Das ist die eine Seite. Die andere ist, dass wir Obdachlosigkeit verhindern sollen. Was ist zu tun?“

"An dem Erhalt der Wohnung nicht interessiert"

Kurz darauf trifft ein Ablehnungsbescheid bei Daniel Z. ein. „Das Versäumnis Ihres Vermieters sowie Ihr Versäumnis, sich um Ihre Mietsituation zu kümmern, können nicht zu Lasten der Allgemeinheit und damit des Steuerzahlers gehen“, schreibt das Jobcenter. „Das gilt insbesondere, da von Ihrer Seite nicht zu bemerken ist, dass Sie an dem Erhalt der Wohnung interessiert sind.“

Wenige Monate später reicht der Vermieter die Räumungs- und Zahlungsklage ein.  

Das Jobcenter teilt auf Anfrage mit, Daniel Z. habe auf mehrere Mitwirkungsschreiben nicht reagiert. Nur 2015 habe er einmal geschrieben, dass die Mietminderung noch gelte. Sonst habe er alle Nachfragen zu seiner Miete nicht beantwortet. „Für ein Desinteresse spricht auch, dass Herr Z. nie mit dem JC Berlin Mitte über seine Wohnsituation sprechen wollte oder auch nur ansatzweise gezeigt hätte, dass er seine Wohnung nicht verlieren wolle und Hilfe benötige.“

Was alles noch komplizierter macht, ist, dass offiziell nicht Daniel Z. Mieter der Wohnung ist, sondern seine Eltern, die vor 35 Jahren den Mietvertrag unterzeichneten. Deshalb hat das Gericht während des Räumungsprozesses alle Mieterhöhungen seither für ungültig erklärt – die waren nur Z. zugestellt worden. Die Miete beträgt demnach bis heute 58 Euro; von den geforderten Mietschulden von 8 414 Euro sind 2 146 übrig.

Eine neue Woche fängt an, inzwischen ist die Mitteilung der Gerichtsvollzieherin da: Die Räumung ist für den 14. Juni geplant. Bis dahin sind es noch drei Wochen. „Für mich ist es purer Stress“, sagt Z. „Die ganze Logistik. Zu überlegen: Wo soll was hin?“ Seit 2017 ist er arbeitsunfähig; in einem sozialmedizinischen Gutachten für die Agentur für Arbeit steht, dass er „täglich weniger als drei Stunden leistungsfähig ist“. Die anstehende Räumung ist ein Full-Time-Job für ihn.

Jetzt macht er sich wieder auf zum Sozialamt; draußen liegt die Stadt unter einer Glocke aus Hitze. Inzwischen hat Z. sich bei einem sozialen Träger beraten lassen; dort könnten ihn die Sozialarbeiter betreuen. Vielleicht könnte er in einer Trägerwohnung unterkommen. All das geht aber nur, wenn das Bezirksamt zustimmt.

Vor verschlossenen Türen im Bezirksamt

Z. wartet nur kurz, dann öffnet die Sachbearbeiterin die Tür. Er legt ihr den Brief der Gerichtsvollzieherin hin. „Räumung. 14.6. Ja. Ich kann Sie nur unterbringen. Hab ich Ihnen ja letztens schon gesagt. Im Wohnheim.“
„Und was für ein Wohnheim?“
„Doppelzimmer.“
„Ich bin Einzelgänger.“
„Kann ich nicht helfen.“
„Ich bin krank. Hab Depressionen. Panikattacken.“
„Wenn Sie so krank sind, können Sie ein Eingliederungsverfahren beantragen. Beim Sozialpsychiatrischen Dienst, vierter Stock.“

Zu ihr soll er erst am Tag vor der Räumung wiederkommen. Z. zieht jetzt den Antrag von dem Träger aus dem Rucksack. Wer für diese Art der Hilfe in Frage kommt, ist in Paragraph 67 des Sozialgesetzbuches zwölf geregelt: „Personen, bei denen besondere Lebensverhältnisse mit sozialen Schwierigkeiten verbunden sind, sind Leistungen zur Überwindung dieser Schwierigkeiten zu erbringen, wenn sie aus eigener Kraft hierzu nicht fähig sind.“ Er schiebt das Papier zu ihr herüber, sie schüttelt den Kopf: „Nicht bei mir.“

„Das ist der Antrag, den gebe ich jetzt ab.“
Wieder Kopfschütteln: „Wegen Obdachlosigkeit können wir keine Betreuung eintüten. Da muss schon etwas vorliegen.“
Behörden müssen Anträge von Bürgern annehmen. Aber die Frau weigert sich. Daniel Z. packt die Wut; er wedelt mit seiner Räumungsankündigung. „Ich darf erst aktiv werden, wenn ich diesen Scheiß-Schrieb habe. Jetzt hab ich drei Wochen Zeit, mir den Arsch aufzureißen.“

Sie schickt ihn mit dem Antrag in den vierten Stock, zum Sozialpsychologischen Dienst. Dort allerdings kümmern sich die Mitarbeiter um Eingliederungshilfe, die umfasst eine intensivere Betreuung. Geregelt ist diese in Paragraph 53, nicht in Paragraph 67. Die Aufgabe dieser Stelle ist es laut Sozialgesetz, ,„behinderten Menschen eine Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft zu ermöglichen“.

Z. steht vor verschlossenen Türen. Die Frau, zu der er gehen sollte, ist nicht da.

Es ist Juni. Z. hockt in seiner Wohnung. Das Haus wird gerade saniert, draußen steht ein Gerüst. Auf den Blätterpflanzen draußen liegt Betonstaub. Daniel Z. wirkt fahrig. Gestern hat er sich auf seine Brille gesetzt, die ist jetzt mit Tesafilm geflickt. Zwischen Regal und Sofa stapeln sich Umzugskisten, er hat angefangen zu packen.

Der Gedanke, dass er bald wohnungslos sein könnte, setzt ihm zu. „Es ist schon etwas anderes, wenn man in seine eigenen vier Wände gehen kann, wenn es kalt ist. Auch wenn man nicht heizen kann“, sagt er. „Dann nimmt man Decken, man kann sich fünf, sechs Pullis anziehen.“ Vor einigen Tagen war er noch mal bei der Eingliederungshilfe im Bezirksamt, hat dort den Antrag abgegeben.

Die Frau, mit der er sprach, sei nett, sagt er. Aber ehe die Behörde ihm helfen könne, müsse er vom Amtsarzt untersucht werden.

Der Tag vor der Räumung bricht an. Daniel Z. steuert wieder auf das Rathaus an der Müllerstraße zu. Die Sachbearbeiterin ist nicht da, also geht er zu einem Kollegen. „Und was ist jetzt hier?“ – „Ein Luxusapartment bräuchte ich bitte.“ Der Mann fährt ihn an: „Machen Sie mal ganz normal. Luxusapartment gibt’s nicht.“ Z. ruft: „Seit Februar bin ich hier, und werde immer wieder weitergeschoben.“

Doppelzimmer in Köpenick, Mehrbettzimmer in Buch

Dann legt er ihm das Schreiben mit dem Räumungstermin hin. Der Mann nickt. „Sie kriegen eine Unterbringung.“ Er dreht sich zu seinem Monitor. „Da haben wir in Köpenick ein Wohnheim, da gibt es ein Doppelzimmer. Oder in Buch ein Mehrbettzimmer.“ Dann das in Köpenick, der Mann drückt ihm einen Zettel in die Hand. Darauf steht die Adresse. Sein Schlafplatz kostet den Bezirk 31,50 Euro pro Tag.
Z. hastet jetzt zurück in die Wohnung, er will packen, so viel er kann. Dann kommt die Nachricht: Die Räumung ist abgesagt.

An einem Vormittag im August sortiert er in seiner Wohnung seine Papiere. Er sitzt noch immer eingekastelt zwischen den Kartons; er ist nicht viel weitergekommen. Es geht ihm nicht gut. Die Ungewissheit macht ihm zu schaffen. Die Depressionen, die Angstzustände sind schlimmer geworden. Manchmal kann er den ganzen Tag nichts machen. Er sagt: „Es ist einfach zu viel.“

Er war noch einmal bei der Eingliederungshilfe im Bezirksamt. Nach wie vor hat er keine Antwort, die Untersuchung lässt auf sich warten. In einem Schreiben der Behörde steht: „Der Antrag ist in Arbeit. Die ärztliche Begutachtung beim Sozialpsychiatrischen Dienst wurde bereits Ende Mai eingeleitet. Wann mit einer Begutachtung gerechnet werden kann und eine Bescheiderteilung erfolgen kann, ist derzeit nicht absehbar.“

Regen klatscht auf die Straße, als Daniel Z. noch einmal Anlauf nimmt, die Kontrolle über sein Leben zurückzugewinnen. Inzwischen ist es Herbst, Z. hat einen neuen Räumungstermin, den 16. Oktober. Er läuft durch Prenzlauer Berg, vorbei an Gründerzeitfassaden und Cafés. Er sagt, dass er jetzt schnell wütend wird; schon wenn der Bus zu spät kommt, könne er ausrasten.

Der neue Termin rückt näher. Es gibt viel zu erledigen, aber es fällt Z. schwer, sich zu konzentrieren. „Mehr, als ich mache, kann ich nicht machen“, sagt er. „Ich renne gegen die Wand.“ Er hat sich noch einmal einen sozialen Träger herausgesucht und will sich beraten lassen. Im zweiten Stock eines Gebäudeblocks wartet eine Sozialarbeiterin. Sie ist freundlich, führt ihn in ihr Büro.

„Wir unterstützen Menschen beim Wohnungserhalt oder beim Finden einer Wohnung. Wenn vorhanden, können wir auch eine Trägerwohnung zur Verfügung stellen“, sagt sie. „Haben wir aber im Moment nicht.“ Ohnehin könne sie nur etwas tun, wenn ihr das Bezirksamt den Auftrag gibt. Daniel Z.s Gesicht verdunkelt sich. „Die haben mir alles abgelehnt. Alles.“

Die Frau sagt: „Die Kollegin muss aber einen Asog-Platz für Sie zur Verfügung stellen.“ – „Asog?“ – „Im Obdachlosenheim.“ – „Das habe ich kurz vor meiner ersten Räumung bekommen, das geht innerhalb von zehn Minuten.“ – „Jetzt ist Oktober, da müssen Sie auch damit rechnen, dass dort kein Platz frei ist.“ – „Dann muss ich auf der Straße leben, dann ist es so, dann hat das System doch in meinen Augen versagt.“ – „Ja, gut, das System können wir beide hier aber nicht klären.“

Jetzt will sie im Bezirksamt anrufen und klären, was Stand der Dinge ist. Sie sagt noch, den Hörer in der Hand, sie glaube nicht, dass eine sozialpädagogische Betreuung in seinem Fall reiche, beim Sozialpsychiatrischen Dienst sei er besser aufgehoben. „Ich merke, dass Sie psychisch völlig am Boden sind. Ich sehe, dass Sie dringend Hilfe brauchen.“

"In einer hochgradig brenzligen Verfassung"

Dann bittet sie ihn, draußen zu warten. Nach 20 Minuten holt sie ihn wieder herein. Sie hat die Mitarbeiterin in der Eingliederungshilfe gesprochen: „Die Kollegin, bei der Sie waren, hat mich noch mal bestätigt. Die hat gesagt, ja, sie sieht das auch: Sie sind in einer hochgradig brenzligen psychischen Verfassung.“

Aber zunächst müsse er eben ärztlich untersucht werden, und der Arzt sei erst in der kommenden Woche wieder da. Er sei offenbar im Urlaub. Eine Vertretung habe er nicht.

Der 16. Oktober kommt – und geht. Die Räumung wird wieder kurz zuvor abgesagt. Z. bekommt erneut eine Schonfrist wegen Suizidgefahr, diesmal bis Ende November.

Das Amtsgericht hat jetzt den Sozialpsychiatrischen Dienst des Bezirks damit beauftragt, „den Gesundheitszustand des Schuldners zu beurteilen“. Das ist dieselbe Stelle, bei der er wegen seines Hilfsantrags ohnehin untersucht werden soll.
Er hat seither drei Termine gehabt. Alle wurden abgesagt, der Amtsarzt war krank. Nun ist ein neuer Termin angesetzt. Daniel Z. wartet noch heute.

Demnächst in Teil 3: Härte und Einfühlungsvermögen – der Gerichtsvollzieher