Die Herrentuter bereiten sich aufs Adventsblasen vor; es ist ein alter Hirtenbrauch.
Foto: Gerd Engelsmann

BrandenburgEin schallender Ton steigt über der Dorfstraße von Cammer (Potsdam-Mittelmark) in den Abendhimmel. Und noch ein zweiter hallt um die Ecken der lichtergeschmückten Häuser. „Ist ja gar nicht schwer“, sagt der 13-jährige Chris Große und setzt die silberne Fanfare ab. „Das wäre ja auch gelacht“, sagt sein gleichaltriger Freund Marvin Queißer, der ebenfalls ein blechernes Horn hält.

Die Instrumente sehen aus wie Trompeten vom Fußball. Aber hier in Cammer sind es keine gewöhnlichen Tröten, hier sind es die Schalmeien der Hirten. Und die beiden Jungs sind die diesjährigen „Herrentuter“. Die Schüler bereiten sich darauf vor, nach alter Hirtensitte das Dorf in der Vorweihnachtszeit zu „betuten“. Vor Jahrhunderten war es in den Flämingdörfern üblich, dass die Hüter der Tiere, die sich übers Jahr um das Vieh der Bauern kümmerten, kurz vor Heiligabend mit ihren Signalhörnern durch die Straßen zogen. So verkündeten sie nicht nur die Ankunft des Christkindes, sie ließen damit auch laut und vernehmbar wissen, das Zahltag ist, dass sie nun den Lohn des Jahres einsammeln.          

Herrentuter: Auch Mädchen dürfen mitmachen

„Cammer ist der einzige Ort in Brandenburg, wo sich die Tradition erhalten hat“, sagt Andreas Koska, Chef des Dorfvereins. Als der Beruf des Hirten ausstarb, übernahm der Nachtwächter das Tuten. Als auch er nicht mehr benötigt wurde, sprang der Dorflehrer ein, und der aktivierte die Kinder – meist die Konfirmanden. Und da nun auch die rar sind, übernehmen Jungs im Jugendweihealter wie Chris und Marvin das Ehrenamt.

Auch Mädels dürfen inzwischen mitmachen, aber in diesem Jahrgang gibt’s keins im Dorf. „Meine Mutter hat auch schon getutet“, sagt Chris. „Das gehört einfach zu Cammer dazu. Ich will, dass das so bleibt.“ Andreas Koska nickt zufrieden. Er hat den Jungs soeben die „heiligen Instrumente“ übergeben, mit denen sie an den letzten zehn Tagen vor dem Fest die neun Straßen im Dorf hinauf- und hinabziehen werden. Und er erklärt ihnen, dass dieses Jahr trotz des immer gleichen Rituals ein ganz besonderes ist. „Wir haben einen Antrag gestellt, dass das Herrentuten von Cammer in die Unesco-Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen wird“, sagt er.  

Tuten im Ofen aufgetaut

Das 400-Seelen-Dorf in der einsamen Hochfläche der Zauche und die Unesco in einem Atemzug zu nennen, fanden viele zunächst verwegen. Aber der Heimatverein schaffte es, mithilfe von ausgiebigen Studien in Kirchenakten und verschiedenen Archiven die Idee zu untermauern. Kirchen und Landesgremien sind dafür.

Eine umfassende Chronik und historische Gutachten wurden erstellt. Ein 17-seitiger Antrag liegt beim Potsdamer Kulturministerium. „Das Papier ist das eine“, sagt Koska, „aber die Menschen hier und ihre Liebe zu den Überlieferungen der Vorfahren, das ist das wahre Leben.“

Das ist etwa der 57-jährige Kraftfahrer und Tutenwart Thomas Lauft, der als Junge getutet hat und seit Jahren die alten Signalhörner pflegt und hütet. Wenn nötig, treibt er rustikale Exemplare bei Feuerwehr oder Bahn auf.

Da ist sein Sohn Oliver Lauft, ein 22-jähriger Industriemechaniker. „Klar war ich Herrentuter, so wie jeder Teenager im Dorf. Mir sind die Tuten bei minus 15 Grad mal eingefroren. Zum Glück gibt’s noch eine Backstube hier. Dort haben wir die Instrumente im Ofen aufgetaut und uns selber aufgewärmt. Danach sind wir weitergezogen.“

Taler für die Herrentuter

Da ist seine Schwester Jessica, die an der Schwelle zum 21. Jahrhundert trotzig eine Petition verfasste, damit auch Mädchen zugelassen werden. Und da ist Babette Große. Die Mutter vom diesjährigen Tuter Chris gehörte zum Tuterjahrgang 1999 – dem ersten, bei dem endlich Mädchen mitmachten. Ein Bild zeigt vier Tuterinnen der ersten Stunde. „Ach ist das lang her“, sagt die Frau beim Blick in die druckfrische Hirtenchronik. „Schön war’s.“ Sie erinnert sich auch gern, wie sie als Kind Teller draußen aufs Fensterbrett gestellt hat, wenn sie den ersten Schalmeienklang hörte. „Man bekam ja jeden Tag irgendwas zu Naschen drauf getutet“, sagt Babette Große. Auch diese kleinen Gaben der Eltern begleiten bis heute den Zug der Hirten.            

Chris und Marvin winkt aber wie jedem der Herrentuter ein weitaus lukrativerer Lohn. Am Silvesterabend packen sie die Tröten noch einmal aus und tragen in jedes der 147 Häuser die diesjährige Grußbotschaft: „Die Glocken verkünden mit hallendem Ton, das wieder ein Jahr ist verschwunden …“ Das Sprüchlein wurde ihnen mit den Fanfaren vom Kulturverein ausgehändigt. „Dafür müssen wir noch ein bisschen üben“, sagen sie, „aber das kriegen wir hin.“ Und dann hoffen sie, dass so mancher Taler rollt – so wie das einst auch bei den Hirten war.