Das Geheimnis ist bislang nie gelüftet worden. Wer oder was verbirgt sich hinter dem Banner mit der Aufschrift Lichtenrade – in blauer Schrift auf weißem Grund? Das Banner hängt bei jedem Heimspiel von Bundesligist Hertha BSC im Olympiastadion. Meist am Ausgang der berühmten Ostkurve, wo die härtesten Anhänger des Aufsteigers ihren Stammplatz haben, gegenüber der Haupttribüne. Gut sichtbar ist das Transparent und sehr häufig im Fernsehen zu betrachten. Lichtenrade? Steht ein Fanklub dahinter oder eine Gruppierung aus dem Ortsteil des Stadtbezirkes Tempelhof-Schöneberg? Nein, es handelt sich um einen einzelnen Fan, weiß Donato Melillo, der Fanbeauftrage der Hertha. Melillo ist es auch, der den komplizierten Kontakt herstellt zum Lichtenrade-Mann, der bislang ohne Handy durchs Leben geht.

Sven Halfter, 36, entpuppt sich als der heimliche Botschafter von Lichtenrade, der seinen Geburtsort europaweit bekanntmacht und sein Banner nicht nur in den Bundesligastadien aufhängt, wo Hertha BSC gerade gastiert, sondern auch die deutsche Nationalmannschaft begleitet. Nach London, nach Paris, nach Sarajevo oder auch nach Baku. Halfter, kurzer Haarschnitt, mittelgroß, ist ein freundlicher Mann, Fan von Hertha BSC („Wer in West-Berlin geboren ist, muss Hertha-Anhänger sein“) und arbeitet im öffentlichen Dienst bei einer Rentenversicherung am Ostkreuz. Er stammt aus einer fußballbegeisterten Familie, ist in Lichtenrade geboren und aufgewachsen. Halfters Eltern wohnen noch immer dort im Süden Berlins, er aber lebt nun in Lichtenberg „der Liebe wegen und weil mein Arbeitsplatz dort ist“. Doch das Banner mit der Aufschrift „Lichtenrade“ bleibt, es hat schon einen hohen Bekanntheitsgrad erreicht. Halfter wird nun nicht etwa mit einem Lichtenberg-Banner durch die Stadien touren.

Das Recht besser zu hängen

Begonnen hat alles um das Jahr 2000. Mit einigen Kumpels hat er bei Hertha einige andere Banner gesehen. Das reizte ihn, auch ein solches Symbol zu entwerfen. Jetzt besitzt er gleich zwei, eines verstaut er immer in seinem Rucksack. Das große Banner ist sieben Meter lang, das kleinere misst noch 3,50 Meter. Natürlich, erzählt Halfter, gibt es unter den Fans und unter denen, die ein Banner aufhängen, eine Hierarchie. „Wer länger dabei ist, hat das Recht, besser zu hängen“, sagt er, „es ist wichtig, in der Nähe der Ostkurve zu sein.“ Halfter will mittendrin sein, wenn die Mannschaft angefeuert wird. Dass sein Banner häufig im Fernsehen auftaucht, „ist nicht so wichtig. Das ergibt sich halt so.“ Ab und an schaut er sich das dann auf Youtube an.

Sven Halfter besitzt eine Dauerkarte für die Heimspiele der Hertha und auch ein sogenanntes Auswärts-Abonnement. Bei jedem Spiel muss er sich einer Prozedur unterziehen, das Banner auspacken und ausbreiten. Kontrolliert wird, ob etwa verbotene Botschaften zu lesen sind. „Seit 2001 habe ich nur ein einziges Hertha-Pflichtspiel verpasst“, sagt Halfter stolz, „2009 ein 1:5 in Hoffenheim. Danach wurde Trainer Lucien Favre entlassen.“

Logistik ist wichtig

Wichtig sei auch die Logistik bei Auswärtsspielen, wenn man sich einen guten Platz im Gästeblock ergattern will. „Da heißt es: Wer ist der Schnellste?“ Mit Öffnung der Stadien, meist zwei Stunden vor Anpfiff, stürmt Halfter in die Arenen, um einen guten Hängeplatz zu finden.

Doch der Werbemann in Sachen Lichtenrade kennt inzwischen nicht nur die Stadien von Bremen über Stuttgart bis München. Er reist der deutschen Nationalmannschaft hinterher und hisste sein Banner schon im alten und im neuen Wembley-Stadion in London, in Brüssel, Paris, Istanbul, Warschau, Lissabon oder in Baku. Er war bei der EM in Polen und der Ukraine und bei der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika. Im Vorjahr flog er sogar mit in die USA zur Länderspielreise und machte Lichterfelde in Washington und Miami bekannt. „Oft wissen die Leute natürlich nicht, was mein Banner bedeutet. Einer fragte einmal, ob das ein Baumarkt sei.“

Probleme mit den Fans in anderen Ländern oder auch in deutschen Stadien hat er bislang kaum bekommen. „Geprügelt habe ich mich nie. Da halte ich mich raus“, sagt Halfter, der bei etwa 100 Länderspielen vor Ort war. Natürlich sei sein Hobby kostspielig. „Wegen meinen aufwendigen Reisen kann ich mir kein Auto kaufen“, sagt er und wirkt dabei gar nicht unglücklich. Um die 8 000 Euro pro Saison verschlingt seine Fußballbegeisterung.

Freundin nicht begeistert

Was ein wenig verwundert, aber in der heutigen Zeit normal ist: Halfter hat trotz seiner Nähe kaum Kontakt zu den Spielern, denen er zujubelt oder mit denen er leidet. Mit dem ehemaligen Torhüter Christian Fiedler kam er früher ins Gespräch, „weil der auch einst in Lichtenrade wohnte.“ Ab und an hat er sein Lichtenrade-Banner auch schon mal verkehrt herum, also mit der Schrift nach unten, aufgehängt. „Aus Protest nach schlechten Leistungen.“

Wie lange will er noch mit dem Banner durch die Stadien touren? „Meine Freundin ist nicht ganz so begeistert von meinem Hobby. Das verschlingt ja sehr viel Zeit. Sollten wir mal eine Familie gründen, muss ich kürzer treten.“ Dann, so Halfter, „stelle ich eines meiner Banner gern dem künftigen Hertha-Museum zur Verfügung.“