Wenn Anica Glogic daran denkt, am Samstagmorgen zum letzten Mal ihre Kneipe abzuschließen, wächst ihr ein Kloß im Hals. „Ich habe die letzten Tage nur geheult“, sagt sie und blickt aus unterlaufenen Augen über den Tisch. Die Schatten im Gesicht erzählen vom Rechtsstreit im vergangenen Jahr und dem jetzigen Umzug ihres Lokals. Von Investoren, Anwälten und neuen Nachbarn. Aber auch von fröhlichen Nächten hier im „Kaktus“, von Gelächter, Bier und Zigarettenqualm. Von den vergangenen 13 Jahren.

Obwohl noch zwei Tage verbleiben, mutet der „Kaktus“ schon leer an. Die Dart-Automaten am Eingang sind weg, die Wimpel verschwunden. An der Wand hinter Anica Glogic geht in schillernden Rottönen noch die Sonne an einem Palmenstrand unter. Doch bald wird das knallige Bild, das so wenig zum Rest der holzig-rauchigen Neuköllner Kneipe passt, übermalt. Womit, weiß die 59-jährige Glogic nicht. „Es gibt Gerüchte, dass hier ein modernes Restaurant einziehen soll“, sagt sie. „Noch eins.“

Denn die Gegend rund um den Hertzbergplatz nahe dem S-Bahnhof Sonnenallee boomt. Nebenan machte kürzlich eine vegane Pizzeria auf, die Treptower Straße hinunter verkauft eine neue Crêperie Gemüsepasteten mit Rotkohlketchup. Waren Zuzug, steigende Mieten und Aufwertung der Nachbarschaft in Nord-Neukölln lange auf die Szene-Kieze um Reuterstraße, Schillerpromenade und Richardplatz begrenzt, greift die Gentrifizierung nun auch in der Gegend am S-Bahn-Ring um sich. In diesem schlafenden Areal an der Grenze zu Treptow, wo jeder Zweite einen Migrationshintergrund und nur knapp jeder Dritte einen sozialversicherungspflichtigen Job hat. Um Verdrängung entgegenzuwirken, prüft der Bezirk gerade, hier ein Milieuschutzgebiet einzurichten.

Das Haus gehört den Samwers

Anica Glogic, die in einer Wohnung direkt über ihrer Kneipe lebt, kennt viele Geschichten von Neumietern. „Die Makler haben denen schon bei der Besichtigung erzählt, die Kneipe ziehe bald aus. Die passe hier nicht mehr in die aufstrebende Gegend.“ Eigentümer des Hauses ist laut Glogic’ Unterlagen eine Gesellschaft, die zum Firmenimperium der Samwer-Brüder gehört. Alexander, Marc und Oliver Samwer machten mit Start-ups wie Zalando ein Vermögen. Ihre Immobilienstrategie wird als aggressiv und auf maximalen Gewinn ausgerichtet beschrieben.

Im Fall von Anica Glogic erfolgte die Kündigung aber rechtmäßig, die Wirtin konnte durch einen Formfehler lediglich noch ein Jahr Zeit gewinnen. Dennoch fühlt sie sich verdrängt. „Nicht mehr gewollt, irgendwie“, sagt sie.

Auf der anderen Seite: Eigentlich habe sie trotz allem noch riesiges Glück. Denn sie fand ein neues Lokal, nur etwa 200 Meter Luftlinie vom alten „Kaktus“ entfernt. Bereits seit vergangenem Herbst residiert in der Sonnenallee 180 der „Kaktus reloaded“. Doch obwohl es die Nachfolgerkneipe gibt, fürchtet die Wirtin um ihre Stammkunden. „In dem neuen Lokal darf nämlich bisher nicht geraucht werden“, sagt sie. „Die Räume sind zu verzweigt, das Ordnungsamt hat es verboten.“ Auch die Miete ist gut ein Drittel höher, sie liegt bei rund 2000 Euro. „Die Kneipe ist alles, was ich habe. Verliere ich sie, verliere ich meine Existenz.“ Anica Glogic hat Angst vor der Zukunft.

Wie ihr geht es einigen im Kiez: Ladenbesitzern, Wirten und Privatleuten. „Auf einer Infoveranstaltung zum geplanten Milieuschutzgebiet haben viele Anwohner Sorgen geäußert“, sagt Neuköllns Stadtentwicklungsstadtrat Jochen Biedermann (Grüne). „Wie überall in Nord-Neukölln gibt es auch hier kaum noch einstellige Quadratmetermieten.“ Am Hertzbergplatz lag die mittlere Angebotsmiete laut Senatsverwaltung für Stadtentwicklung im Jahr 2015 bei 9,65 Euro – vier Jahre zuvor waren es noch 6,31 Euro. Aktuell läuft eine Bürgerbefragung zur Erhebung weiterer Daten aus dem Kiez. Biedermann rechnet damit, dass die Untersuchung in einem weiteren Milieuschutzgebiet mündet. „Die BVV könnte es noch vor der Sommerpause beschließen“, sagte der Stadtrat der Berliner Zeitung.

Da der Gebietsschutz sich aber bisher nur auf Privatmieter bezieht, wäre Kneipen wie dem „Kaktus“ damit kaum geholfen. Biedermann begrüßt deshalb den Vorstoß des Senats, der im Bundesrat eine Gesetzesinitiative für Gewerbe-Milieuschutz starten will. „Vor allem für Kitas und kleine Geschäfte wäre das wichtig“, sagt der Stadtrat. „Aber auch um alte Kneipen mit einem Angebot für die lokale Bevölkerung, die lange im Kiez verankert sind, mache ich mir Sorgen.“

Familie an der Theke

Welche Rolle der „Kaktus“ im Leben vieler Anwohner spielt, wissen Hans-Jürgen „Strömi“ Mühl und René „Hasi“ Siebert. Die beiden Männer im mittleren Alter sitzen rauchend vor einem Bier am Nachbartisch von Anica Glogic. So wie mindestens dreimal pro Woche, seit Jahren. „Man hört hier, was im Kiez los ist“, sagt Siebert. „Arbeit, Nachbarschaft, Zwischenmenschliches, man teilt es.“

Man helfe sich, egal ob beim Fliesenverlegen, bei einem kaputten Computer oder bei der Steuererklärung. „Das ist wichtig! Besonders in Neukölln, wo sich viele Leute professionelle Hilfe nicht leisten können“, sagt Mühl. Kommt jemand länger nicht, wird er besucht. Fehlt jemandem zum Monatsende Kleingeld, kriegt er es geborgt. Sie sind eine Familie, hier im „Kaktus“. Ob sie mit auf die andere Straßenseite ziehen werden, wissen die zwei Männer noch nicht. „Mal gucken, wie das da ist“, sagt Siebert. „Aber die Ära Kaktus, die endet hier.“