Der Herzbericht 2018, den die Deutsche Herzstiftung vorgelegt hat, verheißt für die Brandenburger nichts Gutes. Die Zahlen aus dem Jahr 2016 bescheinigen Brandenburg einen traurigen Platz als Schlusslicht, wenn es um die Überlebenschancen nach einem Herzinfarkt geht: Bundesweit erlagen 48.669 Menschen einem Herzinfarkt. Das entspricht 59 Personen auf 100.000 Einwohnern. In Brandenburg verstarben 81 von 100.000 Menschen an einem Herzinfarkt, in Berlin waren es 58. Im hohen Norden, in Schleswig-Holstein, stehen die Chancen, den Infarkt zu überleben am besten. Hier gab es 41 Todesfälle auf 100.000 Einwohner.

Sterberate nach Herzinfarkt fast doppelt so hoch

Warum enden in Brandenburg so viele Herzinfarkte tödlich? Diese Frage kann Martin Stockburger, Chefarzt der Kardiologie an der Havelland Klinik in Nauen und Dozent an der Berliner Charité beantworten.

Er sagt, das Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden, steige ab dem 65. Lebensjahr. Für Männer wachse das Risiko bereits ab dem dritten Lebensjahrzehnt. Für Frauen nimmt die Gefahr in der zweiten Lebenshälfte zu. 

Im Jahr 2017 hatten mehr als 24 Prozent der Brandenburger das 65. Lebensjahr erreicht oder überschritten. In der Hauptstadt waren es rund 19 Prozent. Das höhere Durchschnittsalter müsse, so Stockburger, in der Statistik berücksichtigt werden.
Es ist eine andere Zahl, die Stockburger veranlasste, sich des Themas weiter anzunehmen und damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Denn 7,5 Prozent aller Patienten, die mit einem Herzinfarkt in ein Krankenhaus in Berlin oder Brandenburg eingeliefert werden, sterben. Hier gibt es kaum einen Unterschied. Im Krankenhaus stehen die Chancen für den Betroffenen gut. Die gefährliche Lücke befindet sich zwischen dem Auftreten der Symptome und der Aufnahme in ein Krankenhaus. In Berlin versterben fast 11 Prozent der Betroffenen außerhalb einer Klinik, in Brandenburg sind es fast doppelt so viele, nämlich 19,5 Prozent. 

Herzinfarkt muss in Klinik behandelt werden

Der Herzinfarkt ist ein plötzlich auftretendes, lebensbedrohendes Ereignis, das nur in einer Klinik erfolgreich behandelt werden kann: ein Blutgerinnsel verstopft ein Herzkranzgefäß. In der Folge stirbt Muskelgewebe (Myokard) ab. Die Geschwindigkeit, mit der ein Patient in die Klinik kommt, entscheidet über Leben und Tod. Die Diagnose muss schnell und sicher gestellt werden. Ein Elektrokardiogramm (EKG) gibt Aufschluss. „Eine unsichere EKG-Diagnostik führt zu einer massiven Verzögerung in der Versorgung“, sagt Stockburger. 

Die im EKG aufgezeichneten Daten übertragen die Ärzte bereits im Rettungswagen an die Klinik. Stockburger kann die eingehenden Daten direkt von seinem Handy ablesen. Noch bevor der Patient in der Klinik ist, laufen dort schon die Vorbereitungen zur Behandlung. Immer vorausgesetzt, der Rettungswagen steckt nicht im Funkloch. 

Berliner Feuerwehr beteiligt

Im Flächenland Brandenburg haben Rettungsdienste weitere Wege zurückzulegen als in Berlin. Um die Versorgung der Patienten mit einem Herzinfarkt zu verbessern, entstand im März 2017 das QS-Notfall-Projekt, geleitet vom Berlin-Brandenburger Herzregister. Beteiligt sind sechs Partner: Die Berliner Feuerwehr, die Rettungsdienste Havelland und Oberhavel, die Kliniken Nauen und Hennigsdorf sowie das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Mehr als tausend Mitarbeiter wurde speziell dafür geschult.
Ein weiteres Problem sieht Stockburger darin, das viele vom Herzinfarkt Betroffene zu spät den Notruf wählen. Sie deuten die Anzeichen nicht richtig, verkennen den Ernst der Lage, warten ab, ob Besserung eintritt. Doch mit dem Warten geht wertvolle Zeit verloren. 

Wie wichtig es sein kann, die Anzeichen eines Herzinfarktes zu kennen, zeigt eine Münchner Studie namens Medea. Darin wurden 486 Herzinfarkt-Patienten untersucht. Menschen, die um die Symptome eines Herzinfarktes wussten, holten schneller Hilfe, als jene, die nichts darüber wussten. Die Chance, eine Klinik früher zu erreichen, erhöhte sich für die aufgeklärten Menschen um 50 Prozent.

Ein Herzinfarkt ist nicht nur an den klassischen Symptomen zu erkennen, wie Brustschmerzen, die in den linken Arm ausstrahlen und ein Engegefühl in der Brust. Auch Luftnot, ein plötzliches Gefühl von Schwäche, Angst, Magenschmerzen, Schmerzen in der Speiseröhre, Übelkeit oder Schmerzen im Kiefer können auf einen Herzinfarkt hindeuten. Die Anzeichen können bei Frauen anders auffallen als bei Männern. Die Beschwerden in der Brust beschreiben Frauen oft auch als Druckgefühl. Nur ein Arzt kann beurteilen, in welcher Gefahr der Betroffene schwebt. Im Zweifel: Immer den Notruf wählen.