Guben - Das Haus, in dem Omar Ben Noui vor 20 Jahren verblutete, steht nicht mehr. Der DDR-Plattenbau ist der Stadtumgestaltung in Guben zum Opfer gefallen. Und so erinnert heute nur noch eine Gedenkplatte im Boden an den 28-jährigen Algerier, der eigentlich Farid Guendoul hieß, und den Neonazis in der Nacht auf den 13. Februar 1999 in den Tod hetzten. Am kommenden Sonnabend wird an dem Erinnerungsort eine Gedenkveranstaltung stattfinden, an der auch Vertreter der Stadtverwaltung teilnehmen.

Auf dem Heimweg

Es war in den frühen Morgenstunden des 13. Februars, einem Sonnabend. Einige Stunden zuvor hatte es vor der Gubener Diskothek „Danceclub“ eine Rangelei zwischen Deutschen und Ausländern gegeben. Ein stadtbekannter Neonazi war dabei leicht verletzt worden. Die Situation schien sich danach beruhigt zu haben, aber die Rechten sannen auf Rache. Nach Mitternacht trafen sie sich in einer größeren Gruppe und fuhren mit Autos durch die Stadt, um Ausländer zu jagen.

Dabei trafen sie zufällig auf Farid Guendoul und seine zwei Freunde, die auf dem Heimweg von der Diskothek waren. Die drei Algerier ergriffen die Flucht. Einen erwischten die Neonazis auf einem Parkplatz und schlugen ihn bewusstlos. Farid Guendoul und sein Begleiter rannten weiter in die Hugo-Jentsch-Straße, ein Neubaugebiet im Nordosten von Guben. Die Neonazis blieben ihnen auf den Fersen. In Todesangst trat der Algerier die Glastür des Hauses Nummer 14 ein, um sich in dem Eingang in Sicherheit zu bringen. Anwohner erinnerten sich, dass auf der Straße Reifen gequietscht hätten, Autos seien hin und her gerast, immer wieder habe man brüllende Rufe gehört: „Türken raus, Türken raus.“

Als Polizei und Krankenwagen in der Hugo-Jentsch-Straße eintrafen, war Farid Guendoul tot. Die scharfen Kanten der Glastür hatten seine Kniearterie zerfetzt. Die Rettungskräfte fanden ihn in einer Blutlache auf der Haustreppe. „Wie ein Hund, wie ein Tier, noch schlimmer, musste der hier verrecken“, sagte eine Zeugin einem Rundfunksender. Seine Lebensgefährtin war zu diesem Zeitpunkt schwanger. Der Algerier lernte seine Tochter nie kennen.

Hetzjagd löste bundesweit Entsetzen aus 

Guendouls Begleiter floh in ein Bistro, das von den Verfolgern belagert wurde. Die alarmierte Polizei nahm aber den Algerier fest wegen des Verdachts der Körperverletzung. Auf dem Weg zur Wache verfolgten die Rechten mit Autos den Polizeiwagen und versuchten auch, in die Wache einzudringen. Nachdem dies nicht gelang, warfen sie die Scheiben eines asiatischen Restaurants ein.

Die Hetzjagd von Guben löste bundesweit Entsetzen aus. Mit einem Mal stand die Stadt an der deutsch-polnischen Grenze in einer Reihe mit den ausländerfeindlichen Pogromen von Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda.

Farid Guendoul hatte in Algerien Flugzeugtechnik studiert. Er floh aus dem Land, weil er sich dem Armeedienst entzogen hatte und deshalb gesucht wurde. Um seine Familie vor Repressalien zu schützen, nannte er sich in Deutschland Omar Ben Noui. Unter diesem Namen hatte er auch einen Asylantrag gestellt.

Milde Strafen für die elf Angreifer

Die elf Angreifer, zwischen 17 und 21 Jahre alt, kamen vor dem Landgericht Cottbus mit milden Strafen davon. Die beiden Haupttäter erhielten wegen fahrlässiger Tötung Jugendstrafen von drei und zwei Jahren Haft, ein Angeklagter musste für einige Monate ins Gefängnis. Die Übrigen bekamen Bewährungsstrafen und richterliche Verwarnungen. Das Urteil wurde in der Öffentlichkeit scharf kritisiert. Der Bundesgerichtshof änderte in der Revisionsverhandlung aber lediglich den Schuldspruch gegen die Hauptangeklagten auf den Tatvorwurf der versuchten Körperverletzung mit Todesfolge.

Einer der Haupttäter tauchte später im Führungsgremium eines Brandenburger NPD-Kreisverbandes auf. Zu den Kommunalwahlen 2008 trat er – erfolglos – als Kandidat der rechtsextremen Partei im Landkreis Spree-Neiße an.