Berlin - Am Freitag ist Weltbienentag – seit 2018 wird dieser Tag jedes Jahr am 20. Mai gefeiert, um einer breiten Öffentlichkeit die immense Bedeutung von Bienen aufzuzeigen. Aufgrund ihrer unverzichtbaren Bestäubungsleistung fördern die beliebten Insekten die biologische Artenvielfalt und die Nahrungssicherung von Mensch und Tier. Der von den Vereinten Nationen ausgerufene Gedenktag weist auch auf den starken Rückgang der Bienenpopulation und den erforderlichen Schutz der Hautflügler hin.

Auch in Berlin gibt es zum Tag hin zahlreiche Veranstaltungen und Aktionen. Doch wie steht es überhaupt um die Berliner Biene? Zwar hat sich in der Stadt in den vergangenen Jahren einiges getan, um den Bestand zu erhöhen, doch Fachleute warnen: Das reicht nicht. Die Biologin Melanie von Orlow, die selber in Tegel imkert und sich seit der Schulzeit mit Hummeln, Bienen und Wespen beschäftigt, weiß, woran es der hauptstädtischen Population fehlt – und wie man Insekten wirklich helfen kann.

Frau von Orlow, über Bienen und ihre Bestandsentwicklung gibt es dramatische Zahlen und Dokumentationen. Wie ist die Lage in Berlin?

Man weiß es ja nur von der Honigbiene wirklich, über deren Bestände die Imker berichten können. Da gab es im letzten Winter große Probleme, weil die Varroa-Milbe wieder gewütet hat. Sie gilt als Hauptgrund für das Sterben von Bienenvölkern, überträgt Krankheiten und beeinträchtigt Überwinterungserfolge. Viele Völker brechen zusammen, als Imker muss man dann wieder von vorne anfangen. Ein Drama ist es aber nicht: In Berlin boomt die Imkerei, wir können von 2700 Imkerinnen und Imkern ausgehen. Jeder hält durchschnittlich 6,6 Bienenvölker, wenn man dann 20.000 Tiere pro Volk rechnet, macht das bereits 356 Millionen Bienen, die die hier wachsenden Blütenpflanzen aufsuchen, um sie zu bestäuben und ihren Nektar einzusammeln.

Und wie ist es um die Wildbienen bestellt, auf die Naturschützer ja besonderes Augenmerk legen?

Dort ist die Bestandserfassung schwieriger, es gibt da keine Zahlen. Aber wir sehen in Berlin viele anspruchslose Arten, die am Wegesrand und an jedem Sandkasten unterwegs sind. Die Rote Mauerbiene ist zum Beispiel sehr verbreitet. Arten, die früher nur in Süddeutschland heimisch waren, kommen durch den Klimawandel auch zu uns: zum Beispiel Osmia cornuta, die Gehörnte Mauerbiene. Die kann man im Internet bestellen und so holen die Leute sie nach Berlin – in Kokons, die man ins Freiland setzen kann.

Ist das gut oder schlecht?

Na ja, es sind Arten, die hier nicht angepasst sind und die nun eingeschleppt werden. Die belegen dann im Insektenhotel schnell alle Röhren – dabei gehört die Gehörnte Mauerbiene in Deutschland nicht zu den gefährdeten Arten. Aber ich will jetzt auch nicht meckern, ich bin für jede Biene dankbar.

Nabu Berlin
Zur Person

Melanie von Orlow, 51, beschäftigt sich seit der Schulzeit mit Hummeln, Bienen und Wespen.

Die studierte Biologin betreut seit 1999 das Web-Portal www.hymenoptera.de, engagiert sich in Berlin in der Beratung und bei der Umsiedlung von Hummeln, Wespen und Hornissen und bietet Schulungen, Seminare und Führungen an. Im Norden Berlins betreibt sie eine kleine Imkerei.

Apropos meckern: Kürzlich warnte eine Biologin auf Twitter, die Leute sollten nicht dauernd Bienenstöcke aufstellen. Das sei kein Bienenschutz, sondern nütze nur der „industriell genutzten und speziell gezüchteten Honigbiene“, die im Gegensatz zur Wildbiene nicht bedroht sei. Eine aufgeregte Debatte entspann sich. Was sagen Sie dazu?

Mich ärgert das wirklich. Solche Debatten sind unnötig wie ein Kropf und gehen am Kern der Sache vorbei. Es ist ein typisches Phänomen, das wir hier sehen: Menschen übertragen ihre Konflikte auf die Tiere. Sie denken, unter Wild- und Honigbienen herrscht ein ewiger Kampf, dabei besucht ein Großteil dieser Insekten seit Millionen von Jahren dieselben Blüten. Im Übrigen ist die Honigbiene auch eine Spezies der Wildbiene, sie hat nur sehr viel menschliche Aufmerksamkeit bekommen und lebt eben im Bienenstock. Man muss sie deswegen nicht degradieren, sie ist als Tierart nicht weniger wert. Ich finde spezielle Schutzgebiete legitim, wenn man Wildbienen erhalten will, aber daraus abzuleiten, es sollte eine Grenze für Honigbienen geben, ist Quatsch. Oder fangen wir jetzt an, den Leuten ihren Weg zur Natur vorzuschreiben? Wir sollten froh sein über jeden, der sich für Bienen interessiert und etwas für sie tun will. Zum Berufsimker wird man deswegen noch lange nicht, dafür ist das Imkern viel zu aufwendig.

Der Verfasserin ging es auch um Firmen, die Bienenvölker zur Miete oder Patenschaften anbieten. Darum also, dass Bienenrettung inzwischen ein Geschäft geworden ist.

Ja, und diese „bösen Geschäfte“ findet man dann gleich unlauter, schon klar. Ich kenne jedenfalls keinen, der mit der Imkerei reich geworden ist. Das ist ein Knochenjob, und wer ihn macht, kann heilfroh sein, wenn er die Kosten deckt. Im Übrigen geht die Bedrohung für Wildbienen nicht in erster Linie von Honigbienen aus, das wird maßlos übertrieben. Wer sich der Welt der Bienen nähern will, dem sollte man auch die Möglichkeit dazu geben – selbst wenn man sich für das Imkern durch ein Unternehmen bezahlen lässt. In einer Großstadt wie Berlin, die es selbst nicht schafft, ihre Biotope zu schützen, sollten wir so ein Engagement gutheißen. Schwieriger finde ich eher das Propagieren des „Imkerns um jeden Preis“, also das Aufstellen von Bienenvölkern an gefährlichen oder für Bienen ungeeigneten Plätzen. Damit erweist man den Tieren und den vielleicht weniger Bienen-affinen Nachbarn einen Bärendienst.

Benjamin Pritzkuleit
Aktionen in Berlin

Der Imkerverein Berlin-Tempelhof lädt am Sonntag, 22. Mai, von 11 bis 16 Uhr auf den Dorotheenstädtischen Friedhof III, Scharnweberstr. 2a. Mit Wachsküche, Lehrbienenstand und Honigverkauf.

In der Domäne Dahlem, Königin-Luise-Str. 49, ist bis Ende Juni jeden Mittwoch von 14 bis 16 Uhr Bienentag. Hier kann man den restaurierten Bienen-Wanderwagen besichtigen und Honig schleudern. Kinder unter 12 Jahren frei, alle anderen 3 Euro (inkl. Glas Honig), keine Anmeldung nötig.

„Mit den Bienen sprechen“ heißt eine Kunstaktion von Ana Prvački, Gropius Bau und Aurelia Stiftung am 20. Mai von 11 bis 12.30 Uhr im Garten „NiemandsLand“, Bernauer Str. 4. Anmeldung: thomas.radetzki@aurelia-stiftung.de

In den Berliner Rossmann-Drogerien gibt es ab 30. Mai 72.000 kostenlose Tüten Saatgut für die „Bibi & Tina Bienenweide“ mit 40 verschiedenen regionalen Kräuter- und Blumenarten.

Was läuft sonst noch falsch in Berlin in Sachen Bienenschutz?

Es gab lobenswerte Ansätze, zum Beispiel die Berliner Bienenstrategie von 2019 mit bestäuberfreundlichen Neupflanzungen und Beratungsangeboten zum Insektenschutz. Das war für eine Hauptstadt nicht nur angemessen, sondern wegweisend, es sind gute Projekte daraus erwachsen. Aber es fehlt die konsequente Weiterführung, da würden wir uns aus Imkersicht viel mehr wünschen. Gerade die Wildbienen leiden unter den anhaltenden Berliner Bauoffensiven. Viele Arten nisten im Boden, sie brauchen Brachflächen und unbearbeiteten Grund – der wird aber immer weniger. Jeder Quadratzentimeter wird hier gerade zugepflastert und versiegelt, und das wird überhaupt nicht thematisiert, obwohl es ein viel größeres Problem ist als der vermeintliche Kampf zwischen Honig- und Wildbiene.

Was kann man also tun, wenn man den Bienen wirklich helfen will? Keine neuen Wohnungen mehr bauen?

Mir leuchtet schon ein, dass wir Wohnungen brauchen – aber Brachen sind eben auch wichtig. Was jeder Einzelne tun kann, ist Strukturvielfalt schaffen. Ob auf dem Fensterbrett, dem Balkon oder im Garten, ob in der Mieter- oder Eigentümergemeinschaft: Nutzen Sie Ihren Einfluss, um Ihre Umgebung besser zu gestalten. Bitte keinen Rasen, der ist eine Pest! Er schluckt Wasser und Ressourcen und bringt Insekten gar nichts. Lieber eine Wildblumenwiese anlegen, die ist anspruchslos und es gibt sie auch für schattigere Bereiche. Ansonsten sind Nischen, Ritzen und Spalten in Mauern toll, auch kleine Teiche und Totholz. Erlauben Sie Unordnung im Garten, pflanzen Sie offen blühende Dahlien- und Rosensorten, damit die Bienen etwas von Nektar und Pollen haben. Und: Wann immer Sie können, entsiegeln Sie! Entfernen Sie Asphalt und ersetzen ihn durch etwas Blühendes.

dpa
Eine Berliner Imkerin hält einen Bienenschwarm mit mehreren Tausend Honigbienen in der Hand, die sich an einem Ast einer Thuja gesammelt haben. Im Mai und Juni ist der Schwarmdrang bei Bienenvölkern sehr hoch.

Sie selbst imkern seit Jahren in Tegel – mit viel Herzblut. Was ist das Tolle daran, in voller Montur zwischen Tausenden summenden Insekten zu stehen?

Es gibt nichts Schöneres, als in einem Bienenschwarm zu stehen, der gerade in einen neuen Stock zieht. Ich schütte 20.000 bis 30.000 Bienen vor das Flugloch und es herrscht erst mal das blanke Chaos. Bis diese eine Biene den Weg in die neue Behausung findet und den anderen den Weg weist. Alle hören auf sie und ratzfatz ist das Chaos beendet und der koordinierte Einzug beginnt. Wie schnell sich das organisiert und das immer zum Wohle des Ganzen, das ist ein Wunder. Wären wir Menschen so organisiert wie die Bienen, wir hätten die Klimakatastrophe längst im Griff.