Hier aus Gewohnheit

Warum ist der Baumarkt gerade heute so voll? Ist es ein kulturelles Überbleibsel aus den ersten Lockdowns, in denen alle anderen Geschäfte schließen mussten?

Kunden stehen mit Einkaufswagen in einem Baumarkt in einer Schlange vor den Kassen an. 
Kunden stehen mit Einkaufswagen in einem Baumarkt in einer Schlange vor den Kassen an. dpa/Sven Hoppe

Vor dem Baumarkt blockiert ein Lastenrad drei Stellplätze. Das ist nicht rücksichtsvoll, aber gerade vor allem deshalb ein akutes Problem, weil alle anderen Plätze des Fahrradständers belegt sind. Kein Wunder, sieht es drinnen doch fast so dramatisch aus wie am Vormittag an Heiligabend, wenn die schlechter Organisierten unter uns auf den letzten Drücker noch ein paar Geschenke besorgen müssen. Besonders geschäftig wirkt die Kundschaft allerdings nicht, sie schlendert durch die Gänge, als befände sie sich im KaDeWe und machte gleich ein Verschnaufpäuschen in der Feinkostabteilung.

Was sie ausgerechnet an diesem Nachmittag in Scharen hierher gezogen hat, bleibt ein Mysterium. Weder lockt der Markt mit halben Preisen noch gibt es Weihnachtsbäume umsonst, und von einem abgehalfterten Schlagersänger, der hier gleich einen Auftritt absolvieren könnte, fehlt auch jede Spur. Vielleicht ist die Einkehr beim Baumarkt ein kulturelles Überbleibsel aus den ersten Lockdowns, in denen alle anderen Geschäfte schließen mussten und der Baumarkt einer der wenigen verbliebenen Zufluchtsorte blieb. Nebenbei nutzten Hinz und Kunz die unverhoffte Freizeit, um die eigenen vier Wände aufzuhübschen oder längst fällige Arbeiten endlich in Angriff zu nehmen. Womöglich kommen die Menschen also aus purer Gewohnheit.

Plötzlich kann ich mich in alle echten Handwerker einfühlen, die sich damals durch den Lockdown-Tourismus in ihrem Habitat gestört fühlten. Wer dringend ein Ersatzteil braucht, kann keine Hobbybastler gebrauchen, die im Weg stehen und fachsimpeln, was sie in einem Do-it-yourself-Video auf YouTube aufgeschnappt haben. Diese Flaneure und Zeittotschläger, die auf einmal den Wert des Handwerks entdeckt zu haben glaubten und nun selbst etwas mit den eigenen Händen schaffen wollten. Warum ich den Groll der Profis nachempfinden kann? Tja, so fühlt man sich halt, wenn man zur Installation einer neuen Armatur keine Fachleute beauftragt hat, sondern lieber selbst zur Tat schreitet – und dann der mitgelieferte Zulaufschlauch zu kurz ist.

Jetzt bleibt nur noch die Frage, warum der neue Hahn tropft

Die Erledigung der Aufgabe zieht sich schon deutlich länger hin als ursprünglich dafür kalkuliert, der bloße Austausch der Armatur hat aus der Küche in Windeseile eine Baustelle beachtlichen Umfangs werden lassen. Und das würde ich gerne beheben, bevor es dunkel wird. Also aus dem Weg, ich bin Handwerker! Mit der Schlauchverlängerung in der Hand, schlage ich mich durch zu den Kassen, vorbei an Weihnachtsschmuck und Pinseln im Angebot. Die Kassen sind leer, offenbar wollen sich die Leute nur inspirieren lassen. Umso besser. Jetzt bleibt nur noch die Frage, warum der neue Hahn tropft.