Mit Sorge betrachten Bezirkspolitiker und Verantwortliche sozialer Einrichtungen die neuesten Entwicklungen in den Berliner Kiezen, die der Monitoring-Bericht Soziale Stadtentwicklung 2015 beschreibt. Besonders benachteiligt sind demnach Menschen in Kreuzberg-Nordost, Neukölln-Nord, Nord-Hellersdorf, Nord-Marzahn, Spandau-Mitte sowie Wedding und Moabit. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung hat die Studie am Mittwoch veröffentlicht.

„Die Zahl derer, die auf Transferleistungen angewiesen sind, bleibt leider gleich hoch“, sagte Barbara Eschen, Direktorin des Diakonischen Werkes Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Vor allem der angespannte Wohnungsmarkt sei ein Problem. „Die Mieten steigen schneller als die Leistungen der Jobcenter. Dass 28,37 Prozent der Berliner Kinder von Hartz IV leben, kann einen nicht ruhig lassen“, sagte Eschen.

Hochhauskomplex Weiße Siedlung/Neuköllnische Heide macht Sorgen

Neuköllns Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) sagte: „In Neukölln findet derzeit eine Verdrängung aus dem hipper gewordenen Norden in die südlichen Stadtteile statt.“ Der Schiller- und Reuterkiez verzeichne eine positive Dynamik, das Areal um den Körnerpark sei aus der Kategorie der besonders beobachteten Gebiete herausgefallen.

Hingegen weisen die Hochhaussiedlung Gropiusstadt sowie Siedlungen in Buckow und Britz eine deutlich negative Entwicklung auf. Giffey sagte, große Sorge bereite ihr die Hochhaussiedlung Weiße Siedlung/Neuköllnische Heide, in die verstärkt arme Familien, oft arabischstämmig, ziehen.

In Marzahn-Hellersdorf scheint die Entwicklung auf den ersten Blick positiv. Drei Gebiete gelten nicht mehr als problematisch. Nur das Gelbe Viertel in Hellersdorf beobachtet der Senat nun aufmerksamer. Doch Sozialstadträtin Dagmar Pohle (Linke) sieht nur eine geringe Verbesserung. „Wir haben nach wie vor ein starkes Süd-Nord-Gefälle im Bezirk.“ Besonderes Augenmerk richtet sie auf das Viertel rund um den Kastanienboulevard in Hellersdorf. In die unsanierten Wohnungen dort ziehen viele Familien, die Transferleistungen beziehen. Ab 1. April soll dort ein Quartiersmanagement die soziale Lage stabilisieren.

Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung sieht Gentrifizierung als Ursache für die aktuelle Entwicklung. Doch nicht immer könne das Quartiersmanagement dagegenhalten. Denn wenn ein Quartier nicht weiter ins soziale Abseits kippt, wird es für viele nach Berlin ziehende Besserverdienende attraktiv. Mieten steigen und Bewohner mit wenig Geld müssen fortziehen.

Geisel lehnt Rückkehr zur alten Förderung von sozialem Wohnungsbau ab

Der Senat will jetzt bald Vorschläge für den sozialen Wohnungsbau in Berlin vorlegen. Die Expertenkommission „Sozialer Wohnungsbau“ werde im Mai/Juni ihre Empfehlungen für eine Neuordnung vorstellen, sagte Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD) am Donnerstag im Inforadio des RBB.

Eine Rückkehr zu dem bis 1997 geltenden Förderungssystem lehnte Geisel ab. Dieses sei für 22 Milliarden der 60 Milliarden Euro Schulden Berlins verantwortlich.
Eine Rückkehr zur alten Förderung würde laut Geisel im Jahr mehr als 1 Milliarde Euro kosten und nur die Schulden der Stadt erhöhen.

Das neue System gewähre den Bauherren dagegen nur Darlehen, die nach 20 Jahren an das Land zurückgezahlt würden. Die Schulden stiegen deshalb nicht. In Berlin gibt es noch 120.000 Sozialwohnungen. In diesem Jahr sollen 2500 Wohnungen und nächstes Jahr 3000 neu gefördert werden. (mit dpa)