Sie sorgen für die richtige Stimmung im Club und stehen doch am Ende der Nahrungskette: Türsteher. 
Foto: imago images/F. Anthea Schaap

BerlinStephan Stoitschew sitzt in einem blauen Hawaiihemd auf einer aus Europaletten gebauten Bank und trinkt einen Kaffee. In dem Bauwagen, der hinter ihm steht, befindet sich sein Büro. Aber Stoitschew, von allen nur Stolle genannt, kann draußen sitzen bleiben, er hat sowieso nichts zu tun. 

2008 gründete Stolle Duck and Cover. Mit seiner Firma hatte der ehemalige Türsteher vom Golden Gate seine Nische gefunden: Türhüter für die Clubs der Hauptstadt zur Verfügung stellen. Mit den Jahren wurde sein Netzwerk immer größer. Inzwischen steht seine Crew vor den angesagtesten Läden Berlins. Doch als Mitte März im Rahmen des Lockdowns die Feierszene den Bass abdrehen musste, brach auch sein Geschäft ein. „Es ging von 100 auf Null“, sagt Stoitschew. Er weiß, dass er nicht der Einzige war, dem es so erging. Aber anders als die Läden, Restaurants und Kinos, die durch die Lockerungen langsam wieder ihre Kassen füllen können, ist es in seiner Firma bei Null geblieben.

Zwar bekommt er die staatlichen Überbrückungshilfen, die Kosten für Versicherung, Miete und Leasing decken sie jedoch nicht. Und obwohl zumindest einige Clubs inzwischen als Biergärten wieder geöffnet haben, profitiert er nicht davon. Denn die Clubs, die noch immer auf Sparflamme laufen, beschäftigen nun hauseigenes Personal, statt der externen Arbeitskräfte von Duck and Cover. „Viele Clubs verzichten gerade auf externe Dienstleistungen, das spart Kosten und Aufwand“, sagt Katharin Ahrend von der Clubcommission Berlin. Sie vertritt die Club- Party- und Kulturveranstalter Berlins. Grund für den Verzicht seien die aktuellen Corona-Auflagen. Mit diesen sei es unmöglich, einen Club profitabel zu betreiben. 

„Clubs sind auch ohne Corona keine Gelddruckmaschinen“, behauptet Katharin Ahrend. „Es ist prekär und es wird noch prekärer.“ Wie viele Menschen genau in diesem prekären Feld arbeiten, das weiß die Clubcommission nicht. Auch das Landesamt für Statistik hat keine Zahlen darüber, wie viele Menschen in der Szene beschäftigt sind. Lediglich die Agentur für Arbeit kann Auskunft geben: 4157 Menschen waren in Berlin in Bars, Diskotheken, Tanz- und Vergnügungslokalen beschäftigt. Die Dunkelziffer dürfte allein in den 250 Berliner Clubs, die von der Clubcommission vertreten werden, um ein vielfaches höher liegen. Nicht erfasst werden außerdem externe Firmen wie die von Stephan Stoichew, die dem Gewerbe ihre Dienstleistungen zur Verfügung stellen.

Stephan Stoichew versteht, dass die Clubs jetzt erstmal versuchen, ihre eigenen Leute durch die Krise zu bringen. „Wir sind einfach am Ende der Nahrungskette“, sagt er. Dennoch ist er verzweifelt. Normalerweise wäre der Sommer für ihn die stressigste Zeit des Jahres. „Wir wären gerade richtig am Hustlen – Funkgeräte säubern, Westen waschen, Nachbereitung“, erklärt der 44-Jährige. Vor ein paar Tagen wären sie von der Fusion gekommen, jetzt würden sie sich auf das FEEL Festival, das Splash und das MELT vorbereiten. Nebenbei würden sie noch die alltäglichen Aufgaben erledigen im Sisyphos, der Wilden Renate, dem Golden Gate – Clubs, deren Namen die Berliner Feierherzen höher schlagen lassen. Entschädigungszahlungen nach dem Infektionsschutzgesetz erhält er trotzdem nicht, weil seine Tätigkeit nicht durch Verordnungen untersagt wurde. Stattdessen wartet er jetzt sogar noch auf ausstehende Zahlungen aus der Zeit vor der Corona-Pandemie. Denn den Clubs stehe selber das Wasser bis zum Hals.

Die Einschränkungen findet er dennoch richtig: „Clubs und Festivals können nicht sicherstellen, dass sich keiner infiziert, es ist unsere Verantwortung, dann lieber nicht zu öffnen“, sagt Stephan Stoichew. Aber wenn es so weiter gehe, müsse er sein Geschäft dichtmachen: „Bis zum Ende des Jahres halten wir noch irgendwie durch, danach müssen wir unsere Technik verkaufen.“ Keine Technik bedeutet auch keine Jobs. Schließlich bucht niemand eine Firma, die keine Ausstattung mitbringt. Schon jetzt haben sich einige seiner Mitarbeiter etwas anderes gesucht: „Viele gehen raus aus dem Sektor, einer fährt inzwischen Backwaren aus, ein anderer arbeitet für die BVG.“ „Wer also wird noch für mich arbeiten, wenn die Clubs wieder öffnen?“ fragt sich Stolle.

Zur Überbrückung hat Stolle versucht, vermehrt Jobs in der Gebäudeüberwachung zu akkreditieren. Schließlich gibt es gerade viele Geschäfte, die zusätzlich Personal beschäftigen, um die Präventionsmaßnahmen gegen Corona umzusetzen. „Die buchen jedoch nur eine Woche im Voraus, Planungssicherheit bekomme ich dadurch nicht.“ Außerdem kamen ihm die großen Player wie beispielsweise Securitas und Gegenbauer in die Quere. 

Fragt man in der Türsteherszene, ist das Schicksal von Stolle und seiner Firma kein Einzelschicksal: Auch Franco Böttcher, der sich mit seiner Firma Shelter Service & Security GmbH auf Veranstaltungen spezialisierte, hat mehr als 90 Prozent seines Umsatzes eingebüßt. Seine Leute, zumeist Minijobber und Studenten, würden jetzt vermehrt Regale in Supermärkten auffüllen. Auch bei Sean Security sieht es schlecht aus, sagt eine Mitarbeiterin gegenüber der Berliner Zeitung

„Wenn es uns und die Clubs weiter geben soll, dann muss der Staat helfen“, sagt Stolle. Für ihn heißt das konkret: Weitere Überbrückungszahlungen, die auch die Kosten decken. Als nächsten Schritt überlegt Stolle, durch eine Crowdfunding-Kampagne Geld einzuwerben. Aber wer spendet für Türsteher? „Wir sind das notwendige Übel, das man ertragen muss, wenn man feiern gehen will“, ist Stephan Stoichew sich sicher. Also hofft er auf mehr Überbrückungshilfen und darauf, dass die Pandemie schnell vorüberzieht. Bis dahin sitzt er weiter vor seinem Büro und trinkt Kaffee.