Das ist Kreuzbergs kleinstes Haus. Das Ur-Townhouse steht in der Oranienstraße 46.
Foto: SA 3.0/Jörg Zägel 

BerlinWo immer in Berlin größere Flächen neu bebaut werden, darf es mittlerweile nicht mehr fehlen: Das Townhouse. Schmale Stadthäuser, manchmal nur fünf, sechs Meter breit und dafür drei bis vier Stockwerke hoch, entstehen in Reih und Glied, ob am Stadtrand oder auf innerstädtischen ehemaligen Brachflächen. Seit etwa 15 Jahren hat die Stadt damit einen völlig neuartigen Bautypus hinzugewonnen, einen Eigenheimbau im Miniaturformat, der hier zuvor noch unbekannt war. 

Doch Halt, ein Ausnahme-Haus gab es längst, schon bevor überhaupt ein Architekt oder Immobilienentwickler des 21. Jahrhunderts begann, von dieser neuen Mode zu träumen. In der Kreuzberger Oranienstraße steht seit dem Jahr 1864 das Ur-Townhouse von Berlin: Es ist nur fünf Meter breit. Allerdings entstand es aus einer Verlegenheit, und nicht, um etwa Avantgarde zu spielen oder etwas Neues auszuprobieren.

Trotzdem könnte man es als Prototyp ansehen: Sein Grundstück misst gerade einmal 48 Quadratmeter, es hat keinen Hinterhof oder Garten. Es stehen einfach nur das Parterre und drei große Räume übereinander gestapelt, jeder einzelne ist 32 Quadratmeter groß. Es gibt auch kein gesondertes Treppenhaus.

In der Lücke zweier Grundstücke

„Kunsthaus“ steht an der Fassade. Im Erdgeschoss liegt eine Galerie für experimentelle Kunst, darüber gibt es drei Büros. Eines davon nutzt der Eigentümer dieses „kleinsten Gebäudes in Kreuzberg“, als das das Haus nahe dem Moritzplatz bekannt ist – falls es denn überhaupt jemandem auffällt. Allenfalls von der gegenüberliegenden Straßenseite lässt sich erkennen, wie sehr die Nummer 46 von den Nachbarbauten eingezwängt wird.

Beide sind „normale“, mehr als 20 Meter hohe Altbauten. Sie liegen auf den für Berlin üblichen Grundstücksparzellen von etwa 20 mal 40 Metern Fläche. Nach diesem Muster wurde vor 150 Jahren die Luisenstadt, das heutige Kreuzberg, entlang der damals neuen Straßen eingeteilt. Meistens mussten die Bauherren mehrere Agrarflächen zusammenstückeln.

Ein Problem gab es allerdings: Bei allen Flächensortierungen blieb als Rest eben diese Oranienstraße 46 übrig, genau jener fünf mal knapp zehn Meter Grund. Zuzukaufen gab es nichts mehr. Und doch erwarb ein Konditormeister das Grundstück, stellte erst eine Bude auf und ergatterte schließlich eine Ausnahmegenehmigung, es zu bebauen.

Mehreren Handwerkern gehörte es in seiner Geschichte, nach dem Krieg kaufte es ein Kunsthändler, der darin Bilderrahmen herstellte. 2002 ersteigerte der jetzige Besitzer, ein Physiker, das Townhouse-Fossil.