Berlin - Als Inhaber eines weltweit bekannten Unternehmens, das Hightech-Prothesen und Rollstühle produziert, ist Hans Georg Näder viel rumgekommen. Der 50-jährige Kunstsammler und Inhaber der Firma Otto Bock Health Care in Duderstadt in Niedersachsen (Jahresumsatz 2010: 529 Millionen Euro) mag den trubeligen Chelsea Market und den ruhigen High Line Garden in New York, ebenso den trendigen Camden Market in London. Vor einiger Zeit, erzählt Näder, habe er auf einem nächtlichen Spaziergang nach einem lustigen Abend im Clubhotel Soho Haus in Prenzlauer Berg die daneben liegende Bötzowbrauerei entdeckt. „Es war Liebe auf den ersten Blick“, sagt er. Jetzt gehört ihm das 23.400 Quadratmeter große Gelände am Fuße des Prenzlauer Bergs.

Näder hat große Pläne mit der denkmalgeschützten Brauerei, die seit etwa 20 Jahren verfällt, weil alle Pläne aller bisherigen Eigentümer gescheitert sind. Vor allem die riesigen Kellergewölbe, in denen Julius Bötzow vor 126 Jahren Bier herstellte, will der neue Eigentümer wieder nutzbar machen. Wo früher Bier auf 5.000 Quadratmetern Fläche gebraut wurde, sollen bald Cafés, Restaurants, Boutiquen und kleine Läden entstehen. Auch Clubs und Bars soll es dann in den Tonnengewölben geben. Ein Wandelgang verbindet die Untergeschosse und das Erdgeschoss.

Rund 100 Millionen Euro sollen investiert werden

Das klingt verrückt, ist aber realistisch. Denn auf dem Chelsea Market in New York, einst eine Backfabrik, funktioniert diese Mischung ebenso wie auf dem Camden Market in London. Näder könnte mit seinem Keller-Konzept erstmals gelingen, was den anderen Inhabern umliegender Brauerei-Areale, etwa dem Pfefferberg und der Kulturbrauerei, misslungen ist: Die riesigen Gewölbe attraktiv zu gestalten und komplett zu nutzen.

100 Millionen Euro will Näder in den Aus- und Umbau des Geländes investieren. 2020 soll alles fertig sein. Näder will nichts verkaufen, keine Wohnungen, keine Büroflächen. Und Chancen als Mieter haben nur Kunstkenner und Kreative. „Ich verstehe meine Rolle nicht als die eines Immobilieninvestors“, sagt er. Möglichst viel der Bausubstanz, seien es alte Fenster oder verrostete Arbeitsgeräte, bleiben erhalten. „Respekt vor dem Altbau“ nennen das die Potsdamer Architekten Eric van Geisten und Georg Marfels. Sie haben Erfahrungen mit dem behutsamen Umbau historischer Industriebauten, etwa der Alten Mälzerei in Pankow.

Grüne Oase für alle

In der Bötzowbrauerei werden die denkmalgeschützten Gebäude, wie etwa das Sudhaus, ihre Grundstruktur behalten und zu Lofts umgebaut. Im vorderen Bereich an der Prenzlauer Allee, dort gab es früher einen Biergarten mit 6 000 Plätzen, plant Näder fünf modern gestaltete Neubauten und ein Hotel mit 40 Zimmern. Bei der Gestaltung dieses Areals hat sich Näder an New York orientiert. „Highline Park“ soll das Areal heißen, so wie der Erholungspark in Manhattan, der einst eine Hochbahntrasse war. Eine grüne Oase mit Bäumen, Wiese und Blumen will Näder in Berlin errichten, zugänglich für alle.

Näder erfüllt sich mit seinen Plänen auch einen ganz privaten Wunsch. Eine Rollstuhlmanufaktur will er bauen. Dort werden Rollstühle nach Maß und Sonderwünschen angefertigt, Der Firmenchef kehrt damit die Gründungsstadt seines Betriebes zurück, den sein Großvater Otto Bock 1919 in Kreuzberg gegründet hatte.