Berlin - Die Hildegard-Jadamowitz-Straße ist eine ruhige Wohnstraße in Friedrichshain. Sie ist knapp 900 Meter lang und verläuft parallel zur Karl-Marx-Allee. Fünf- bis Neungeschosser schirmen die Straße ab vom dortigen Straßenlärm. Es gibt einen Bäcker und ein Ärztehaus und sehr viel Grün zwischen den Häusern. Seit Montag ist es an der Hildegard-Jadamowitz-Straße noch etwas ruhiger geworden: Die Buslinie 347 fährt dort nicht mehr entlang, für Autofahrer gilt zwischen Gubener und Kadiner Straße Tempo 5.

Verantwortlich dafür ist der schlechte Zustand des Straßenpflasters. Das ähnelt zwischen Gubener und Kadiner Straße eher einer wellenförmigen Huckelpiste denn einer Fahrbahn. An manchen Stellen sind die Mulden bis zu zehn Zentimeter tief.

Die Umleitung ist ein Problem

„Wir sind ja hart im Nehmen, aber irgendwann muss Schluss sein“, sagt BVG-Sprecher Klaus Watzlak. Egal wie langsam die Busse, die als Kiezlinie zwischen Ostbahnhof und Alt-Stralau pendeln, dort gefahren seien: „Sie wippten ständig auf und ab und setzten auf dem Pflaster auf.“ Das habe die Fahrgäste erschreckt und hätte zu Schäden an den Fahrzeugen führen können. Der Bus 347 wird jetzt über Grünberger Straße, Wedekindstraße und Marchlewskistraße umgeleitet. An den betroffenen Bushaltestellen, die mit roten Hauben „Außer Betrieb“ signalisieren, wird mit Aushängen auf die Unbefahrbarkeit der Hildegard-Jadamowitz-Straße hingewiesen und auf die Ersatzroute.

Die Umleitung ist für manche Anwohner allerdings ein Problem. Gisela Blaess (82) zum Beispiel ist auf den Stock angewiesen, sie muss regelmäßig ins Ärztehaus an der Kadiner Straße. Sie ist überrascht von der Einstellung der Buslinie und entschließt sich, die etwa 500 Meter von ihrem Zuhause zum Arzt zu laufen. „Bis zur Ersatzhaltestelle wären es auch 250 Meter, ich versuche es mal“, sagt sie. Nach fast 20 Minuten ist die Seniorin erschöpft am Ziel, sie beschließt, beim nächsten Mal doch den umgeleiteten Bus zu nehmen. Seit neun Jahren wohne sie an der Straße, sagt sie. Mit dem Zustand des Pflasters, das aus robusten Schlackesteinen besteht, sei es immer schlimmer geworden.

Im Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg, wo das Schleichtempo angeordnet wurde, gibt man sich hilflos. Zehn Millionen Euro seien nötig, um die Straßen im Bezirk halbwegs verkehrssicher zu halten. sagt Baustadtrat Hans Panhoff (Grüne). Aber nur 1,3 Millionen Euro sehe der Bezirkshaushalt vor. Für die Hildegard-Jadamowitz-Straße reiche zudem keine normale Reparatur: „Dort liegt Trümmerschutt unterm Pflaster, das heißt, wir müssten eine Tiefenenttrümmerung vornehmen.“ Drei Millionen Euro würde das kosten. Ein etwa 250 Meter langes Straßenstück sei bereits für 500.000 Euro saniert worden, für den Rest fehle das Geld.

Angst vor Haftungsansprüchen

„Das extreme Schritt-Tempo haben wir vor allem aus Haftungsgründen angeordnet“, sagt Stadtrat Panhoff. Seit vor etwa vier Wochen der Bundesgerichtshof einer Frau, die in Pankow auf einem maroden Fußweg gestürzt war, Schadensersatz und Schmerzensgeld zugesprochen hat, fürchten Ämter ähnliche Fälle. „Die Haftung würde bis zu einzelnen Mitarbeitern gehen, da mussten wir reagieren“, so Panhoff. Wenn ein Auto jetzt zügig fahre und eine Achse bricht, sei der Autofahrer schuld. Die Polizei kontrolliert die Geschwindigkeit nicht.

Die Verwaltung mache es sich zu leicht, sagt ein Mittvierziger, der an der Hildegard-Jadamowitz-Straße aus einem Toyota steigt. Seit er vor elf Jahren her zog sei, seien die Straßendellen immer tiefer geworden. „Tempo 5 hilft da auch nicht, zumal das niemand fahren kann.“ Wie es an der Hildegard-Jadamowitz-Straße weitergeht, bleibt ungewiss. Für den Bezirk hat sie laut Baustadtrat keine Priorität: „Wir haben etliche kaputte Hauptstraßen.“ So zum Beispiel die Anhalter Straße in Kreuzberg, auf der der Metrobus 29 fährt. Mehr als eine Notreparatur sei dort aber auch nicht möglich.

Auch andere Bezirke haben auf Hauptstraßen das Tempo gedrosselt. So galt 2011 an der Schöneberger Arnulfstraße lange Tempo 10. Laut Senatsverkehrsverwaltung hat Berlin einen Straßeninstandhaltungs-Rückstand von etwa 400 Millionen Euro. Dass dieser irgendwann mal abgearbeitet wird, gilt als ausgeschlossen. Um akute Schäden zu flicken, sollten die Bezirke vom Senat eigentlich 25 Millionen Euro pro Jahr extra bekommen. Jetzt sind noch fünf Millionen Euro geplant.