Berlin - Ihre Geschichte hat Millionen Menschen angerührt und gleichzeitig schockiert. Als das damalige Supermodel Waris Dirie aus dem ostafrikanischen Somalia vor beinahe 20 Jahren berichtete, wie sie als Jugendliche durch die Wüste geflohen war, weil sie nicht mit einem älteren Mann verheiratet werden wollte, war das eine Sensation. Doch Waris Dirie – ihr Vorname bedeutet Wüstenblume – hatte noch mehr zu erzählen. Zwei Jahre später berichtete sie in einem Interview von der in ihrer Heimat weit verbreiteten Praxis der weiblichen Genitalbeschneidung, die auch ihr widerfahren sei. Sie selbst sprach von Verstümmelung.

Ihr Buch „Desert Flower“ (Wüstenblume) wurde zum Weltbestseller, sie selber zur Sonderbotschafterin der UN gegen diese Form der Beschneidung. Nun, rund 15 Jahre, nachdem sie ihren globalen Kampf gegen die menschenverachtende Verstümmelung begonnen hat, eröffnet ihre Desert Flower Stiftung ihr weltweit erstes Krankenhaus, in dem Frauen nach solchen Beschneidungen geholfen wird, in Berlin. Am 11. September will Waris Dirie im Krankenhaus Waldfriede in Zehlendorf das Desert Flower Center eröffnen.

Ein Vortrag mit bleibender Wirkung

„Wir sind sehr froh darüber, dass wir ab September eine Zusammenarbeit mit der Stiftung von Waris Dirie eingehen können“, sagt Bernd Quoß, Geschäftsführer des Krankenhauses Waldfriede an der Argentinischen Allee. Das Krankenhaus wird von der vor allem in den USA aktiven evangelischen Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten geführt. Es hatte sich bundesweit einen Namen gemacht, als es als eines der ersten eine Babyklappe installierte und Frauen eine anonyme Geburt ermöglichte.

Ein weiterer Schwerpunkt des Waldfriede ist die Heilung von Erkrankungen des Enddarms und des Beckenbodens. Über diese Spezialisierung kam der Kontakt zu Waris Dirie zustande. Die Tochter einer Patientin brachte die Ärzte mit der Menschenrechtlerin zusammen. Bei einem Kongress internationaler Spezialisten in Berlin voriges Jahr trat Waris Dirie auf – und die Idee einer Kooperation entstand.

„Als Waris in Berlin ihren Vortrag gehalten hatte, waren alle geschockt“, erinnert sich Walter Lutschinger, mit dem zusammen das Ex-Model vor elf Jahren in Wien die Desert Flower Stiftung gegründet hat. Er ist bis heute Geschäftsführer. „So sind wir mit dem Waldfriede zusammengekommen“, sagt Lutschinger. „Das ist großartig.“

In Zehlendorf traut man sich die Wiederherstellung weiblicher Genitalien wegen der langjährigen Beschäftigung mit Enddarm- und Beckenbodenerkrankungen absolut zu. Der Schritt ist nach Worten von Geschäftsführer Quoß medizinisch nicht all zu groß. Man verfolge dabei im Übrigen einen rein karitativen Ansatz. Um mögliche Werbewirksamkeit durch Frau Dirie sei es nie gegangen, so Quoß.

Spendensammeln für Operationen

Nun muss sich karitativer Einsatz auch lohnen, eine Operation kostet etwa 3500 Euro, Vor- und Nachsorge inklusive. Das heißt, es muss genügend Patientinnen geben. Geschäftsführer Quoß rechnet bis Jahresende mit 30 bis 40 Patientinnen, nächstes Jahr sollten es 80 bis 100 Patientinnen werden.

„Ich halte diese Zahl für realistisch“, sagt Stiftungs-Sprecher Lutschinger. Es gebe in Paris einen Arzt, eine Kapazität auf dem Gebiet, der bereits 5.000 solcher Klitoris-Wiederherstellungen durchgeführt habe. Dessen Warteliste sei so lang, dass er sie nie abarbeiten könne. Hinzu kämen Anfragen bei der Stiftung. „Wir werden sie nach Berlin weiterleiten“, so Lutschinger. Da viele Betroffene nicht krankenversichert seien, wolle die Stiftung – also Frau Dirie – „Charity für sie machen“, so Lutschinger. Geld sammeln durch öffentliche Auftritte also. Im Waldfriede wird ein Förderverein gegründet.

Doch in Berlin soll nicht nur operiert werden. Es sollen auch afrikanische Chirurgen in den Rekonstruktionspraktiken ausgebildet werden. Und nach einem Jahr, so Lutschinger, wolle man prüfen, wie sich das Berliner Pilotprojekt entwickelt habe. Sei man zufrieden, seien weitere Desert Flower Center weltweit denkbar. „Auch in Afrika.“