Berlin - Auf dem Monitor über dem Bett läuft der arabische Sender Al Jazeera. Der 30-jährige Sudanese Al-Taib M. schwenkt den Bildschirm zur Seite und fährt per Knopfdruck das Kopfteil seines Bettes höher. Gerade hat ihm eine junge Frau das Mittagessen gebracht. Al-Taib M. hat sich für Menü eins entschieden: Geschmorte Ochsenbacke in Karotten-Fenchel-Soße mit Ziegenkäse-Kartoffelpüree. Als er sich zur Minibar im Nachttisch beugt, um eine Flasche Wasser heraus zu nehmen, verrutscht die Bettdecke. Sie gibt eine etwa 30 Zentimeter lange Metall-Schiene frei, deren zwei Enden in seinem Oberschenkel stecken.

Denn Al-Taib M. ist nicht in einem Hotel am Gendarmenmarkt untergebracht, wie man im Anbetracht von Minibar und feinem Essen vermuten könnte, sondern in einem Krankenhaus in Reinickendorf. Der Besitzer einer Transportfirma im Sudan lässt sich nach einem Autounfall im Komfortbereich des Vivantes-Humboldt-Klinikums den Oberschenkel verlängern.

Zahlungskräftige Patienten lassen sich hier von deutschen Spezialisten behandeln und logieren dabei wie in den schicken Hotels der Stadt: warmes Licht, vorgepackte Kulturtäschchen am Waschbecken, gläserne Design-Duschen, Essen à la carte, Loungeräume mit Beamern und, und, und. 114 Betten stehen auf den drei Komfortstationen bereit. Der 2010 eröffnete Neubau kostete 14,8 Millionen Euro und ist der Größte der vier Vivantes-Luxusstandorte in Berlin.

Die ganze Etage für einen Prinzen

Nicht selten lassen sich reiche Ausländer, häufig arabische Scheichs und russische Unternehmer, hier behandeln. „Etwa 25 Prozent der Patienten kommen aus dem Ausland“, sagt Angelika Erz, Geschäftsführerin der Komfortklinik GmbH. „Sie schätzen die gute medizinische Versorgung in Deutschland. Der Komfort ist nur ein kleiner zusätzlicher Anreiz.“ 2012 ließen sich rund 2000 Ausländer bei Vivantes verarzten. Gemeinsam mit Pflegedirektor Ralf Wagner sitzt Erz im Restaurant des zweistöckigen Gebäudes. „Wir hatten hier schon Prominente“, sagt Wagner. Namen nennt er aber nicht. Angeblich sollen Tänzerinnen des Moskauer Bolschoi-Theaters behandelt worden sein. Ein arabischer Prinz habe einmal eine komplette Etage mieten wollen, um Personal unterzubringen, erzählt Wagner. Das Arrangement platzte.

„Sonderwünsche sind eher die Ausnahme“, sagt Khaled Davrisch. Er ist einer von 55 Pflegern in der Komfortklinik und kommt bei seinem Rundgang über den roten Teppich in den Gängen gerade am Restaurant vorbei. „Letztlich sind auch reiche Patienten hier, weil sie krank sind. Sie begeben sich in fremde Hände und sind dankbar für die Hilfe. Nach mir geschnipst hat noch nie einer“, sagt er lachend. Der 25-Jährige ist auf dem Weg zu Al-Taib M., dem er mehrmals täglich den Verband wechselt. „Al-Taib ist schon seit Anfang Januar bei uns.

Da ich Arabisch spreche, übersetze ich für ihn, wenn gerade kein Dolmetscher in der Nähe ist.“ Das ist selten, denn drei Dolmetscher sind fest in der Klinik angestellt. Es gibt noch weitere Entgegenkommen für ausländische Patienten. „Es gibt ein Halal-Menü für Muslime, das ohne Schweinefleisch auskommt.

Während des Fastenmonats Ramadan wecken wir Patienten auf Wunsch um drei Uhr nachts zum Essen, natürlich nur, wenn ihr Gesundheitszustand das Fasten zulässt“, erzählt Davrisch. Auch Gebetsteppiche und Kompasse zum Bestimmen der Himmelsrichtung von Mekka sind vorhanden. Vor der Ankunft hilft das Auslandssekretariat bei der Visabeschaffung, organisiert den Transfer und das Hotel für Angehörige. Broschüren und Schilder gibt es auf arabisch, russisch und englisch. 13 Servicekräfte sorgen für frische Bademäntel und befüllen die Minibar.

Bei Privatpatienten übernehmen die Kassen

Wie hoch die Kosten für die Leistungen sind, dazu will sich Geschäftsführerin Erz nicht äußern. „Die Tarife für ausländische Patienten weichen von den Regelsätzen ab“, erklärt sie nur. Kliniken dürfen bei Patienten, die zum Zweck der Behandlung nach Deutschland einreisen, den Preis von Aufenthalt und Behandlung frei bestimmen. Schätzungen zufolge fallen bis zu 20.000 Euro für zehn Tage Komfortstation an.

Al-Taib M. spricht von einer riesigen Summe, die er in Vorkasse überwiesen hat. Für Patienten mit Wohnsitz in Deutschland sind die Preise transparenter: Sie zahlen 142,79 Euro pro Tag für ein Einzelzimmer plus Verpflegung oder 72,34 Euro für ein Bett im Doppelzimmer. Bei Privatversicherten übernimmt die Krankenkasse die Kosten. Gesetzlich Versicherte, für die die untere Etage reserviert ist, zahlen Unterbringungen und Essen selbst.

„Generell ist es so, dass die Komfortklinik die medizinischen Leistungen beim Mutterkonzern Vivantes einkauft“, erklärt Erz. „Hier sind also keine eigenen Ärzte angestellt, sondern die Spezialisten im Humboldt-Klinikum behandeln die Patienten.“ Unabhängig von seinen Beschwerden kann sich also jeder auf der Komfortstation unterbringen lassen. „Auch viele psychisch Kranke quartieren sich bei uns ein“, ergänzt Wagner. „Es ist leichter, zu sagen ’ich gehe in eine Komfortklinik’ als in eine Psychiatrie.“

Zwei-Klassen-Gesundheit?

Doch das kann sich nicht jeder leisten. Häufig sieht sich Erz Vorwürfen ausgesetzt, der Komfortbereich schüre die Ungleichheit im Gesundheitswesen. „Wir haben eine klare Meinung dazu: Die medizinische Versorgung richtet sich nach den Erfordernissen – egal, wo bei Vivantes Sie liegen“, sagt sie und schaut sich in dem Restaurant um, wo morgens ein Frühstücksbuffet mit Aufschnittplatten, Trauben und Marmelade in Waffelschälchen aufgetischt wird. „Das Wort ’Komfort’ bezieht sich allein auf die Unterbringung. Natürlich gibt es Menschen, die können sich das erlauben und andere nicht. Aber es gibt eben auch Leute, die fahren einen Mercedes und andere fahren einen Corsa.“

Außerdem, merkt Wagner an, könnte mit den Erlösen aus der Komfortklinik auch ins normale Krankenhaus investiert werden. Im Jahr 2011 lag der Umsatz der Komfortklinik GmbH bei 10,2 Millionen Euro – etwa ein Prozent dessen, was der Gesamtkonzern verbuchte. Dieser Anteil fällt zwar kaum ins Gewicht. Allerdings betont auch die Senatsgesundheitsverwaltung, dass Auslandspatienten ein lukratives Geschäft sind. Zweifel, die Betreuung der Regelpatienten könnte durch den Mehraufwand auf den Luxusstationen leiden, hat man hier nicht. „Der Komfortbetrieb ist eine separate Rechtsform. Dort beschäftigte Pfleger sind auch ausschließlich dort tätig. Den anderen Patienten geht keine Pflegezeit verloren.“ Alles andere wäre rechtswidrig, so eine Sprecherin.

Geschäftsführerin Erz sieht das Luxus-Konzept bestätigt: „Wir haben eine Auslastung von 85 Prozent, teilweise sogar Wartelisten.“ Im Juli will der Konzern eine weitere Komfortstation im Kreuzberger Klinikum am Urban eröffnen. Die Tourismusagentur Visit Berlin wirbt schon jetzt weltweit um Gesundheitstouristen, die an ihre Behandlung noch einige Tage Sightseeing hängen. Laut Visit Berlin kamen 2010 über 3 500 internationale Patienten in die Stadt. Recherchen der Agentur legen nahe, dass sich der Wert seitdem fast verdoppelt hat.

Als „Gesundheitstourist“ will sich Al-Taib M. aber nicht bezeichnen. Eine sieben Kilometer lange Taxifahrt vom Flughafen Tegel zur Klinik in Reinickendorf lieferte ihm seine einzigen Berlin-Impressionen. „Das Brandenburger Tor oder der Fernsehturm lagen nicht auf der Route“, sagt er lächelnd.