Wie viele Hipster verträgt die Stadt? Ausgerechnet ein Münsteraner hat diese Debatte in die Hauptstadt getragen. In einem Beitrag für die Wochenzeitung Die Zeit schreibt der Bundestagsabgeordnete Jens Spahn (CDU), die Hipster sprächen zwar alle und überall Englisch, seien aber tatsächlich nicht weltoffen, sondern vielmehr provinziell. Spahns neues Feindbild: Männer mit Bart, Dutt, langen schwarzen Klamotten, Fixierad, Turnbeutel.

Das Pendant bei Frauen: auffällige Brillen, möglichst aus den 80ern, gerne Vintage-Kleider, bevorzugt schwarz, großflächig tätowiert, Rennrad. Eine Spezies Mensch, die vor allem in Kreuzberg, Mitte, Friedrichshain und den innerstädtischen Quartieren von Neukölln anzutreffen ist. In diesen Menschen will der Politiker sogar eine Gefahr für Berlin erkennen.

Was ist dran an den Spahnschen Ängsten? Wir fragen einen, der sich mit dem Thema auskennt, wie kaum ein anderer: Günther Anton Krabbenhöft, 71 und zweifellos eine der schillerndsten Persönlichkeiten im Berliner Stadtleben. Man begegnet dem früheren Koch im hauptstädtischen Nachtleben, in Bars wie seinem Stammladen Kaffeebar im Kreuzberger Gräfekiez, in Clubs wie dem Berghain, Galerien und Restaurants, aber auch als Model in Modeblogs, Protagonist in Essays über Berlin oder Hauptfigur in Hauptstadtfilmchen.

Ein eleganter Dandy

Günther Krabbenhöft trägt stets Weste, Fliege, Hut, Jackett, und runde Brille, gerne auch Lederhandschuhe passend zu hohen braunen Stiefeln. Sein Stil: dandyhaft und elegant, als wäre er den Goldenen Zwanzigern entsprungen. Sein Motto: Leben und leben lassen. Toleranz ist eines seiner Themen – und genau die vermisst er bei denen, die sich in Berlin als Hipster verstehen. Und auch bei denen, die sich über ebendiese Hipster ärgern.

Krabbenhöft lebt in Kreuzberg, in einem Kiez mit einem gewissen „Verwahrlosungs-Chic“, wie er sagt. Er sagt von sich, er sei kein Hipster („davon bin ich weit entfernt“), er kenne persönlich auch keine Hipster. Aber natürlich begegnet er ihnen permanent auf seinen Wegen durch die Stadt.

Gefährlich findet er sie nicht, sagt er, genervt sei er auch nicht, „ich finde es eher schade, wenn die Leute sich uniformieren. Alle sehen gleich aus. Viele sind nicht authentisch – das sieht man, und das fühlt man. Es gibt Momente, da kollabieren meine Augen.“ Aber prinzipiell sei er jemand, der lieber schmunzele. Er sehe die Menschen mit einem liebevollen Blick. „Mit einem Lächeln.“ Sagt der Mann, der es geschafft hat, sich als Marke zu etablieren, als ein Original.

Veganismus als Ideologie

Er erzählt, dass er oft auf der Straße angesprochen werde, oft auch angelächelt wegen seiner Kleidung und seiner Haltung. „Junge Leute kommen und sagen: Du siehst toll aus. Wenn ich sowas höre, geht’s mir gut. Ich denke dann: Siehst du Alter, es ist den Leuten sehr wohl vertraut, wenn sich jemand Mühe macht. Ich kommuniziere eben mit meiner Kleidung, jeder tut das.“

Krabbenhöft sagt, er liebe an Berlin, dass es hier alles gebe. „Alles ist ein bisschen richtig.“ Doch es gebe sehr wohl Merkmale an Menschen, die ihn richtig ärgern, sagt Krabbenhöft, „und das trifft natürlich nicht nur auf Hipster zu“, wie er sagt. Er beobachte eine Tendenz dazu, andere Menschen sowie ihre Einstellungen und Haltungen nicht mehr auszuhalten. Allzu oft würden Menschen versuchen, ihren Lebensstil anderen aufzuzwingen. „Das sollte natürlich nicht sein.“

Etwas in Rage kann er sich zum Beispiel reden, wenn das Gespräch auf den grassierenden Veganismus kommt. Er könne ja verstehen, dass Menschen die Massentierhaltung nicht mehr ertragen, und deshalb kein Fleisch essen – dennoch erkennt er in der veganen Lebensweise eine totalitäre Ideologie. „Man sollte das niemandem aufzwingen.“

Und was ist mit der Sprache, dem allgegenwärtigen Englisch, in Berlin gesprochen von den vielen Tausenden Engländern, Amerikanern, Franzosen, Spaniern, Italienern, Israelis? Während Politiker Spahn schreibt, das bloße Verwenden einer anderen Sprache sei kein Ausweis von Internationalität, sondern zeuge von „provinzieller Selbstverzwergung“, hält Krabbenhöft sehr entspannt dagegen: Das Englisch auf Berlins Straßen störe ihn nicht. „Es irritiert vielleicht im ersten Moment, wenn mich ein Kellner auf Englisch anspricht. Dann muss ich lächeln. Und dann: ,A coffee, please’. Wo ist das Problem? Also bitte!“

Krabbenhöft hält Spahns Aussagen für „vollkommen irrelevant“, kann darüber „nur müde lächeln“ und rät zur Entspannung. Im Übrigen verändere sich ständig alles permanent. Ist das Hipstertum also bald wieder vorbei, so wie die Halbstarken irgendwann weg waren, später die Hippies, dann die Popper, die No-Future-Punks?

Viel Lärm um nix? Da ist sich Krabbenhöft nicht ganz so sicher: „Männer mit Dutts auf den Köpfen und langen Bärten am Kinn wird es noch länger geben. Es sind Männer. Die halten länger durch, auch wenn’s vielleicht längst so’n Bart hat.“