20.000 oder 1,3 Millionen? Teilnehmer der Abschlusskundgebung auf der Straße des 17. Juni  
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BerlinEs ist Mittag, 29 Grad warm. Ein Symbol des Protests walzt am Sonnabend seit einer Stunde durch die Innenstadt: Tausende von Menschen ohne Masken, oft auch ohne jeden Abstand, manche Arm in Arm. Entgegen der Demoauflagen, entgegen aller Hygiene- und Abstandsempfehlungen, entgegen aller Forderungen nach Solidarität und Rücksichtnahme in der Corona-Krise. „Freiheit, Freiheit“, skandieren sie auf Höhe des Bahnhofs Friedrichstraße minutenlang.

Der Demozug ist heterogen. Eine Gruppe junger Männer mit „Fuck Corona“-Shirts trägt Deutschlandflagge und ein Transparent, auf dem sie Maßnahmen zum „Wohl des Deutschen Volkes“ fordern. Auch eine Türkei- und eine USA-Flagge wehen. Eine junge Frau will Thüringens linken Ministerpräsidenten Bodo Ramelow „for president“. Ein paar Schritte weiter singt eine Frauengruppe zu meditativen Trommelschlägen „Wacht auf, wacht auf, wacht auf“. Ein junger Mann mit Dreadlocks und nacktem Oberkörper trägt eine Box auf dem Rücken, aus der wummernder Techno dröhnt. Viele Friedensflaggen und Peacezeichen wehen. Die meisten aber laufen ganz ohne Transparent mit. Junge Pärchen, ganze Familien, Rentner. Gesicht zeigen - das genügt hier heute vielen als Zeichen des Protests. Viele sind zugereist, besonders oft sind süddeutsche Dialekte in der Menge zu hören. 

„Idioten“, schimpft ein Berliner, der auf seinem Roller auf dem Bürgersteig warten muss, bis der Zug vorüber ist. „Fahrt doch hin, wo ihr herkommt.“ Auf Twitter kritisieren Politiker bereits „Covidioten“ und „Volltrottel“, andere Nutzer auch massiv die „Nazi“-Demos. 

Aber was treibt so viele unterschiedliche Leute auf die Straße?  Zu einer Demonstration, die den „Tag der Freiheit, das Ende der Pandemie“ verkündet – wenn die Weltgesundheitsorganisation gerade Rekord-Neuinfektionen mit dem Coronavirus weltweit meldet?

„Ich habe das Gefühl, es geht nicht mehr um Corona“, sagt die 58-jährige Sibylle. „Ich habe das Gefühl, uns wird unsere Mündigkeit abgesprochen.“ Sie ist Kinder- und Jugendpsychotherapeutin und mit ihrer Tochter Felicia, Studentin der Erziehungswissenschaften, aus der Nähe von Augsburg angereist. 12 Stunden lang sind sie mit dem Bus gefahren. Organisiert hat die Fahrt die Gruppe „Querdenken 711“ aus Süddeutschland.

Sibylle und Felicia schwenken Flaggen mit Herzen in Regenbogen-Farben. Sie tragen weiße „Querdenker“-Shirts. „Ich darf doch bitte selbst entscheiden, ob ich Maske tragen will oder nicht, ob ich mich impfen lasse oder nicht“, sagt Felicia. Ob sie zu den „Querdenkern“ gehören? Sibylle überlegt. Man sei irgendwie dabei, aber stehe doch vor allem für sich. „Sie greifen richtige Punkte auf, bringen gute Redner“, findet sie. Ganz klar wollen sie sich von den Rechten abgrenzen: „Es geht uns um unsere Demokratie, wir wollen hier keine Nazis.“

Der 59-jährige Ralf trägt kein Schild, nur einen Rucksack über der Schulter. Er habe Geschichte studiert, erzählt der Lichtenberger, komme eher aus der linken Ecke. Früher habe er an antifaschistischen Demos teilgenommen. Er leugnet nicht, dass Corona gefährlich ist, sei auch kein Impfgegner, versichert er gleich. „Mich stört, dass kein gesellschaftlicher Diskurs mehr da ist“, sagt Ralf. Zu selten würden Alternativen diskutiert, zu häufig verbreiteten Politik und Medien Panik.

Viele Teilnehmer reden bereitwillig mit Tageszeitungen und alternativen Sendern. Ihre Wut und Kritik richtet sich besonders heftig gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Die prominente ZDF-Moderatorin Dunja Hayali teilt am Sonntag in den sozialen Medien ein mehr als 30 Minuten langes, ungeschnittenes Video aus ihrer Perspektive von der Abschlussdemonstration. Laute „Lügenpresse“-Rufe begleiten Hayali. Einzelne Demonstranten rufen ihr „Berichtet die Wahrheit!“ oder „Irgendwann brauchen wir euch nicht mehr“ zu. Hayali schreibt, dass ihr Team zuvor „viele Interviews“ geführt habe - „so gut es ging“.  

Es ist Ralfs erste Anticorona-Demo. Von den sogenannten „Hygienedemonstrationen“ am Rosa-Luxemburg-Platz hat er sich ferngehalten. „Zu schnell zu viele Nazis.“ Doch hier liegt die Zahl der Reichs- und Deutschlandflaggen im akzeptablen Bereich, findet er. „Das ist kein Faschismus, das delegitimiert nicht den gesamten Protest.“

Den „Mainstream“-Medien, dem Robert-Koch-Institut, der Regierung vertraut er nicht. Wie fast alle hier argumentiert Ralf mit vielen Zahlen zu Neuinfektionen, zu Toten, die auch aus anderen Quellen, alternativen Medien stammen. Wegen ihrer Angst schalteten die Menschen das Hirn aus, denkt Ralf und fürchtet: „Sie sind dann auch viel eher anfällig für autoritäre Maßnahmen.“

Absurde Szenen: „Ihr marschiert mit Nazis und Faschisten“, rufen Gegendemonstranten (mit Mundschutz, r.) den Corona-Kritikern an der Ecke Tor-/Tucholskystraße zu. Die erwidern mit dem Sprechchor „Nazis raus“.
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Dieser Satz gilt allerdings am Sonnabend zuerst einmal für den „Tag der Freiheit“ selbst. Nach dem mehr als drei Stunden langen Demozug sammelt sich die Menge auf der Abschlusskundgebung auf der Straße des 17. Juni. Vorne, an der Bühne, sitzen einige Gruppen mit Reichsflaggen in Liegestühlen oder auf dem Boden. Eine Frau in „Zukunft Heimat“-Shirt läuft durch die Menge. Der Verfassungsschutz hat den brandenburgischen Verein im Juni als rechtsextremistisch eingestuft. Der Tagesspiegel berichtet von Männern mit Hakenkreuztattoos, die Registerstellen von antisemitischen Plakaten.

Für die 45-jährige Ulrike kein Problem. Die „PR-Managerin“ trägt einen „Rettet die Kinder“-Button und ist Kopf der „Querdenker“-Gruppe aus Darmstadt. Die fordert auf einem straßenbreiten Transparent für Bill Gates, Christian Drosten und Angela Merkel: „Sperrt sie endlich weg!“ „Wir schließen niemanden aus“, sagt Ulrike. „Auch keine Nazis.“ Querdenken bedeute, frei denken. „Wer weiß, vielleicht ändern sie ja hier auch ihre Meinung?“

Der Gründer von „Querdenken“ tritt als Erstes auf die Bühne. Michael Ballweg ist IT-Unternehmer, hat mit seinen Demos gegen die Corona-Verordnungen in Stuttgart schon Tausende auf die Straße gebracht. Als sein Gesicht auf den großen Leinwänden erscheint, jubelt die Menge. „Achtung, Achtung“, sagt Ballweg. „Das Freiheitsvirus hat Berlin erreicht.“ Und dieses Virus sei hoch ansteckend. Ballweg hat Mitte Juni angekündigt, dass er als parteiloser Kandidat bei der Oberbürgermeister-Wahl in Stuttgart antreten will.

Weil Pflicht, Mund und Nase zu bedecken, nicht eingehalten wird, löst die Polizei die Veranstaltung auf. Um kurz vor 17 Uhr tritt ein Polizeisprecher auf die Bühne und macht die erste Ansage. Er wird ausgebuht, ausgelacht. Die Menge ruft: „Wir bleiben hier.“ Die Veranstalter fordern dazu auf, friedlich zu bleiben, sich aber hinzusetzen und von der Polizei wegtragen zu lassen. 

Die Straße des 17. Juni bei der Abschlusskundgebung am Nachmittag: Die Polizei spricht von 20.000 Teilnehmern, der Veranstalter von 1,3 Millionen.
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20.000 Teilnehmer hätten sich insgesamt auf der Straße des 17. Juni versammelt, teilt die Polizei noch während der Demo mit. Gegen die Versammlungsleiter sei ein Strafermittlungsverfahren eingeleitet worden. Die Teilnehmer lachen über die Zahlen, einige sind wütend. „Niemals sind das nur 20.000.“ Sie spekulieren wild: Mal fallen 800.000, dann 500.000, dann mehr als 3 Millionen als Marke, oft mit Quellen aus dem Internet. Die Veranstalter sprechen von 1,3 Millionen Teilnehmern. 

Ein Teil der Demonstranten will nicht warten, will sich nicht von der Polizei wegtragen lassen. Sie strömen nach der zweiten Ansage der Polizei entweder Richtung Reichstag, wo die nächste Demo stattfindet, oder nach Hause. Die, die auf der Demo sitzen bleiben, skandieren jetzt: „Widerstand, Widerstand“ und „Wir sind das Volk“.