Sittenverfall! Gefährliche, gesetzlose Zustände! So riefen im Jahre 1848 die Berliner Bordellbetreiber. Ausgerechnet sie. Die neuerdings florierende freie Prostitution der Winkel- und Gassenhuren störte ihr Geschäft enorm: „Zu Hunderten liegen diese ehrlosen Geschöpfe vom frühen Morgen bis zum späten Abend mit entblößtem halben Körper in den Fenstern, haufenweise vor ihren Thüren und patrouillieren vor den Häusern, alle männlichen Personen, ohne Rücksicht auf Alter und Stand, halb gewaltsam nach sich ziehend.“

Hatten nicht Sitte und Gesetz geherrscht, als man die Freudenhäuser noch mit amtlicher Lizenz offen betreiben durfte? Seien die Mädchen nicht bestens unter Schutz und Kontrolle gewesen? Habe nicht der Bordellwirt sie bei Erkrankung (vor allem ging es um Syphilis) in die Charité geschickt? Habe man nicht anständig Steuern gezahlt?

Tatsächlich hatte die Gesetzesänderung von 1846 nach Jahrzehnten der königlich privilegierten Lust die Lage der Wirte schwieriger gemacht.

Vor allem in der Bordellgasse An der Königsmauer lief es nun auf andere Art. Hunderte Dirnen boten dort ihre Dienste an, ohne auf Bordellwirte Rücksicht zu nehmen. Man sprach vom „norddeutschen Babel“, Bürger klagten über die „Unzuchtsfrauen“. Dass sich das Gewerbe gerade dort konzentrierte, lag an einer königlichen Verordnung von 1841, die die Prostitution auf eben die Gasse An der Königsmauer beschränkt hatte.

Die Klagen der „ehrbaren Väter“

Diese war drei bis fünf Meter breit und zog sich parallel zur mittelalterlichen Stadtmauer von der Königstraße bis zur Klosterstraße hin. Armselige Häuser lehnten sich an die Mauer. Auch nach der Aufhebung der Bordelle behielt dieses Gewerbe hier seinen Sitz, solange die Gasse bestand. Zudem bot sie Ganoven jeder Art Unterschlupf.

So beklagten also die ehedem überaus ehrbaren Bordellwirte, es sei „leider so weit gekommen, daß kein Polizeibeamter mehr diese Orte zu recognosciren wagt. Sie riskiren Insultirungen und thätliche Beleidigungen“. Heute würde man solch eine Gegend No-go-Area nennen. Die Herren baten also den Magistrat um Wiederherstellung der alten Konzessionen.

Das Ersuchen der Wirte blieb chancenlos. Der öffentliche Druck, die alte Gasse, dieses verruchte Höllenloch, ganz zu beseitigen, war gar zu groß geworden, und nicht alle hatten solch angenehme Erinnerung an die „gute, alte Zeit“ der königlich privilegierten Freudenhäuser.

Kampf gegen Bordelle

In seinem 1846 erschienenen Werk „Die Prostitution in Berlin und ihre Opfer. Nach amtlichen Quellen und Erfahrungen“, berichtet Wilhelm Stieber über den Protest von 64 „glaubwürdigen und ehrbaren Familienvätern“: Sie hatten 1842 ein Bittschreiben an Innenminister von Arnim gerichtet, sie von den „Übelständen des Bordellwesens“, dieser „großen privilegierten Unzuchtsanstalt“ mit ihrem „Toben und Lärmen“ zu befreien. Denn erstens verordne das Allgemeine Landrecht, dass Bordelle nur in ganz entlegenen Straßen geduldet werden sollten: „Für eine solche kann aber die mitten im Herzen, dicht bei mehreren Kirchen und Schulen gelegene Königsmauer nicht gelten.“

Zweitens führten sie die Wohnungsnot an: Gerade in der Gegend der Königsmauer sei „für viele Leute, die in derselben ihr Brodt hätten, das dringende Bedürfnis nach billigen Wohnungen vorhanden“. Die Königsmauer solle den anständigen Leuten wiedergegeben werden.

Drittens sei es trotz aller Anstrengungen der Polizei „durchaus unmöglich, die große Menge der Dirnen im Zügel zu erhalten, vielmehr fielen unter ihnen täglich und stündlich die ärgerlichsten und skandalösesten Auftritte vor, welche für die gesamte Nachbarschaft anstößig seien“. Und man bedenke die Entwertung der Grundstücke!

Ein Geistlicher aus einer der nahe gelegenen Kirchen stritt „auf das lebhafteste für die Hinwegschaffung der Bordelle aus der Gegend“. Er beklagte, Kuppler und Dirnen seien „in glänzenden Karossen und dem reichsten Kostüme“ erschienen. „Die Kirche füllt sich mit all dem verworfenen Gesindel“ aus den Bordellen. „Was soll der Geistliche einer solchen Zuhörerschaft predigen?“

Der Wandel kam allmählich, bis mit Beginn des Jahres 1846 schließlich der etablierte Bordellbetrieb endete. Aus den Klagen der alten Bordellbesitzer wissen wir, dass damit die Prostitution mitnichten weg war, sie wurde wilder, man könnte sagen „freier“.

Unser Autor Wilhelm Stieber fand interessante Aspekte darin: Die Sitten verfeinerten sich, meinte er, in den Bordellen seien „nur alte abgelebte Frauenzimmer auf der tiefsten Stufe der Verworfenheit“ zu haben gewesen. Nun, unter den neuen Möglichkeiten, ziehe man die Winkeldirnen vor, „namentlich die feineren derselben“, welche in den Tanzlokalen verkehrten, da sie „jünger und hübscher“ waren und man sie „an jeden beliebigen, der allgemeinen Aufmerksamkeit entzogenen Ort führen konnte“. Überhaupt die Tanzlokale – glänzend ausgestattet entstünden sie allenthalben, und dort verkehre eben nicht die „inscribierte Dirne“. Winkeldirnen bildeten „gleichsam die Börse“ dieser neumodischen Vergnügungsstätten.

Syphilis und Krätze

Auf fast 400.000 Menschen war Berlin 1840 gewachsen – eine Verdopplung innerhalb von 20 Jahren. Die beginnende Industrialisierung lockte lebenslustige Leute an. So wurde für das Jahr 1845 allein die Ankunft von 5 824 Personen weiblichen Geschlechts von fremden Ortschaften vermerkt, die in Berlin Dienste suchten. Zehn Jahre zuvor waren es nur 1500 gewesen. Von „Personen niederer Stände, gewöhnlicher Erziehung und jugendlichen Alters, von aller Aufsicht und Unterstützung entblößt“ war die Rede. In der Folge, so Stieber, belaufe sich „die Zahl unserer prostituierten Frauenzimmer sich gewiss auf 10.000 bis 12.000“.

Meldungen aus dem Berliner Stadtvogtei-Gefängnis und aus der Charité dokumentieren die leidigen Begleiterscheinungen: 1842 seien „in summa 1192 Frauenzimmer verhaftet wegen Syphilis, liederlichem Herumtreiben, Krätze, Winkelhurerei“. Zur Syphilis-Behandlung kamen in die Charité im Jahr 1840 „im Ganzen 1461 Personen, darunter 704 Männer und 757 Weiber“. 1846 soll jede zehnte Berlinerin Geld mit Prostitution verdient oder zuverdient haben. Ihre Freier waren wie ehedem im Militärstaat Preußen die ehelosen Soldaten der Garnison und zunehmend männliche Zuwanderer.

Frische Ware für die Wirtinnen

Ein Bericht der Sittenpolizei von 1867 konstatierte, dass „eine große Anzahl von Mädchen nur deshalb der Prostitution anheimfällt, weil dieselben bei zeitweiliger Arbeitslosigkeit kein Unterkommen finden und infolge davon als sogenannte ‚frische Ware‘ den Winkelwirtinnen zur willkommenen Beute werden.“

Noch ein weiteres aus heutiger Zeit vertrautes Phänomen stellte „die Sitte“ fest: „Das Dirnen-Gewerbe verschlimmert die Wohnungs-Not. Immer mehr Vermieter – etwa in der Schönhauser Allee – setzen ihre Mieter vor die Tür und vermieten an Freudenmädchen. Deren Erträge sind höher, sie zahlen besser und regelmäßiger.“

Die Bordellzeile an der Königsmauer hatte dem „sittlichen Fortschritt“ lange getrotzt; dem Streben nach verkehrsgerechtem Stadtumbau hielt sie nicht mehr stand. Als das Projekt Straßendurchbruch für die Kaiser-Wilhelm-Straße, heute Karl-Liebknecht-Straße, Gestalt annahm, sah der Magistrat die Gelegenheit gekommen, das „schlechte Gebiet“ an der Königsmauer endlich zu beseitigen. Seit den 1860er-Jahren kaufte er die ersten Häuser an, zum Verkehrswert, also günstig. 1882 verschaffte sich die Stadt das Enteignungsrecht für die anderen. 1885 begann der Abbruch der Gasse. Zwei Jahre später war sie verschwunden. Nicht jedoch die Prostitution: Die Huren wanderten nach nebenan ins Scheunenviertel und sind seither immer mal wieder umgezogen.