Berlin - Mit einer historischen Entscheidung hat der Bundestag am Freitag Ja zur Ehe für alle gesagt. Bei 623 abgegebenen Stimmen sprach sich eine Mehrheit von 393 Abgeordneten für eine völlige rechtliche Gleichstellung homosexueller Paare aus. Etwa 250 Menschen hatten sich schon am frühen Morgen vor dem Kanzeramt versammelt und die Abstimmung per Stream und in den Sozialen Netzwerken verfolgt. Als das Ergebnis bekannt wurde, brach lauter Jubel los.

Viele trugen Regenbogenfahnen und -regenschirme oder Plakate bei sich. Auch für den Grünen-Politiker Volker Beck war es ein ganz besonderer Tag: Der schwule Berliner Menschenrechtspolitiker hielt am Freitag in der Debatte, die in den Beschluss für die Ehe für alle mündete, seine letzte Rede nach 23 Jahren im Bundestag. Zugleich ist die Gleichstellung Homosexueller stets ein Kernanliegen von Becks Arbeit gewesen.

„Heute ist eine Bastion gefallen“, sagte der 56-Jährige nach der Abstimmung freudestrahlend, als er zu den Ehe-für-alle-Fans nahe dem Reichstagsgebäude hinzustieß. Zu der Demonstration, die dann zur Party wurde, hatte der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) aufgerufen. „Das ist ein historischer Tag“, teilte der Bürgerrechtsverband mit. 

„Nicht nur für Lesben und Schwule, sondern auch für eine gerechtere und demokratischere Gesellschaft. Ob man in Deutschland heiraten darf oder nicht entscheidet, zukünftig nicht mehr das Geschlecht, sondern Liebe, Zusammenhalt und das Versprechen, in guten wie in schlechten Zeiten füreinander da zu sein.“ Nun gehe es darum, „aus der gesetzlichen Gleichstellung auch eine gelebte Akzeptanz im Alltag zu machen“.

Am Sonnabend will der Verband im Jahn-Sportpark eine große Party feiern. Außerdem sollen noch am Freitag überall in der Stadt, etwa an der Geschäftsstelle von Hertha BSC in der Hanns-Braun-Straße, Regenbogenflaggen gehisst werden. Sie sollen bis zum 22. Juli wehen, wenn in Berlin der traditionelle Christopher Street Day gefeiert wird.  Tatsächlich sei die Aktion schon länger geplant gewesen und habe nichts mit dem Bundestagsbeschluss zu tun, sagte eine LSVD-Sprecherin. Dass die Aktionen nun auf diesen Tag fielen, nannte sie einen „Glücksfall“.

Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) begleitete die Flaggenaktion am U-Bahnhof Nollendorfplatz. "In der Gesellschaft gab es schon lange kein Verständnis mehr für die Ungleichbehandlung", sagte er und warnte zugleich davor, vor lauter Freude die Probleme zu vergessen: "Auch jetzt gibt es aber noch viel Ausgrenzung. Deshalb bleibt es aktuell, sich zu engagieren".

In Schöneberg und bei der Abstimmung im Bundestag dabei war auch Ulli Köppe, jener Mann, der durch seine Frage an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) den Stein ins Rollen gebracht hatte. Bei einer Talkrunde in einem Berliner Theater hatte Köppe am Montag aus dem Publikum heraus gefragt, wie sie zur Ehe gleichgeschlechtlicher Partner stehe ("Wann kann ich meinen Freund meinen Ehemann nennen?"). Merkel hatte daraufhin erstmals das Nein der Union zur Disposition gestellt und auf eine "Gewissensentscheidung" verwiesen.

Die Frage habe er spontan gestellt: "Das war tatsächlich nur ein Zufall", erklärte der 28-Jährige Berliner Eventmanager im Gespräch mit der Berliner Zeitung (siehe Video unten). Jetzt, wo er heiraten darf, will er sich persönlich übrigens noch Zeit lassen: "Ich weiß, dass ich es will. Aber nach zwölf Jahren Beziehung kommt es auf ein par Wochen oder Monate nun auch nicht mehr an."

Eine Hochzeit steht dagegen schon fest: Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) nutzte die Gelegenheit und machte ihrer Partnerin am Freitag öffentlich einen Heiratsantrag auf der Bühne einer SPD-Veranstaltung vor dem Brandenburger Tor. „Wir haben uns am 22. Oktober 2010 verpartnert“, sagte die Ministerin. „Dann könnten wir die ersten sieben Jahre rumbringen und dann am 22. Oktober heiraten.“ Vorher passe es wegen des Wahlkampfs nicht.

Auch Berlins ehemaliger Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) zeigte sich tief berührt vom Bundestagsbeschluss zur Öffnung der Ehe für Homosexuelle. „Das Herz flattert immer noch“, sagte der 63-Jährige am Freitag in Berlin. „In wenigen Wochen wird die Ehe für alle möglich sein - und das ist auch gut so“, sagte Wowereit in Abwandlung seines bekanntesten Ausspruchs. 2001 hatte sich der SPD-Politiker auf einem Parteitag, auf dem er als Kandidat für das Amt des Regierenden Bürgermeisters nominiert wurde, als erster aktiver Politiker geoutet. Er hatte gesagt: „Ich bin schwul - und das ist auch gut so.“ (mit dpa)