Berlin - Sie ist verschwunden. An ihrer Stelle klafft eine Lücke im Herzen des alten Berlins. Was nach den Bombenangriffen des Zweiten Weltkriegs von der Waisenbrücke übrig war, wurde 1960 abgerissen. Aber Bürger und der Direktor der Stiftung Stadtmuseum Berlin kämpften dafür, dass die traditionsreiche Spreebrücke in Mitte wieder aufgebaut wird. Um ihr Anliegen voranzutreiben, schickten sie sogar ein Manifest an den Senat. Die Brücke müsse als Fußgängerquerung, aber auch „als Attraktion“ wiederhergestellt werden. Doch der Senat macht den Brücken-Fans jetzt endgültig einen Strich durch die Rechnung. Der Plan habe keine Perspektive.

Kästner verewigte das Bauwerk

Die Waisenbrücke war nicht irgendeine Brücke, sondern einer der zentralen Spree-Übergänge Berlins. Sie lud zum Flanieren und Verweilen ein. Es gab Balkone und Wappenschmuck. Sogar zum literarischen Schauplatz wurde das 1894 fertiggestellte Bauwerk. In „Fabian – Die Geschichte eines Moralisten“ aus dem Jahr 1931 schildert Erich Kästner im Kapitel „Zweikampf am Märkischen Museum“ eine Szene aus der Zeit der Straßenkämpfe zwischen Nazis und Kommunisten. Dabei spielt auch die Waisenbrücke eine – wenn auch kleine – Rolle.

Dieser historische Hintergrund sollte reichen, so dachte man sich beim Denkmalverein Forum Stadtbild Berlin, um den Senat vom Wiederaufbau der Brücke zu überzeugen. Zuletzt hatten die geschichtsinteressierten Bürger im November 2016 eigene Vorschläge für den Neubau der Verbindung von Klosterviertel und Luisenstadt unterbreitet. Angedacht war eine „Neuinterpretation“ des historischen Bauwerks als Doppelbrücke aus Holz und Beton. Der Senat versprach, wie berichtet, das Vorhaben zu prüfen. Versprechen wollte er aber nichts. Dann verschwand die Brücke wieder aus der politischen Debatte.

Der Abgeordnete Stefan Förster (FDP) richtete jetzt eine Anfrage an die zuständige Senatsverwaltung für Verkehr. Er wollte wissen, ob die vorgetragenen Planungen aus Sicht des Senats „machbar und städte-baulich wünschenswert“ seien. Er fragte auch, ob „neben der angestrebten Brücke für Fußgänger und Radfahrer auch eine Autobrücke in diesem Bereich“ denkbar wäre.

Die am Mittwoch veröffentlichte Antwort von Verkehrsstaatssekretär Jens-Holger Kirchner (Grüne) ist für die Unterstützer des Neubaus ernüchternd. „Die Unterlagen wurden weder in städtebaulicher noch in technischer Sicht geprüft“, teilt Kirchner mit. Deshalb könne zur Realisierbarkeit auch „keine fundierte Aussage getroffen werden“.

Trotzdem fällt die Senatsverwaltung ein grundsätzliches Urteil zur Frage des Wiederaufbaus der Brücke. Er würde, so Kirchner, „zwar die fußläufige Verbindung zwischen den beiden ehemaligen Altstadtquartieren bedeuten, hat aber aus unterschiedlichen Gründen derzeit keinerlei Priorität und ist deshalb ohne benennbare Realisierungsperspektive“. Kurzum: Es gab weder eine Prüfung noch gibt es Interesse.

Historisch oder modern?

Die Absage an den Wiederaufbau der Waisenbrücke ist auch vor dem Hintergrund einer breiteren kulturpolitischen Debatte zu sehen. Es geht darum, wie sich die historische Mitte Berlins mit dem wiedererrichteten Stadtschloss in Zukunft präsentieren soll – in historischem Gewand oder modern. In diesen Kontext gehören zum Beispiel die Debatten um das Rathausforum, den Wiederaufbau der Bauakademie Schinkels und die Umgestaltung des Klosterviertels. „Unser Entwurf für den Wiederaufbau der Brücke sollte historische und moderne Elemente verknüpfen“, sagt Hans-Karl Krüger vom Forum Stadtbild Berlin. „Es wäre statt nur ein Wiederaufbau mal etwas Besonderes gewesen.“

Verantwortlich für den Entwurf waren die jungen Berliner Architekten Detlev Kerkow und Tom Walter, Absolventen der Beuth Hochschule für Technik im Wedding. Sie hatten in ihrer Abschlussarbeit eine Brücke aus Holz und Stein mit einem auffälligen Zickzack-Design entwickelt. Dass dieser Plan jetzt für alle Zeit vom Tisch ist, glaubt Hans-Karl Krüger vom Forum Stadtbild Berlin nicht – trotz der klaren Absage des Senats. Berlin habe, so Krüger, derart viele marode Brücken, dass für ein Bauprojekt wie die Waisenbrücke einfach das Geld fehle.