Berlin - Es ist schon eine Zeit lang her, fast auf den Tag genau 50 Jahre. „Doch das Klatschen habe ich noch im Ohr“, sagt Reinhard Demps. Das Klatschen der Menschen, die am 21. Juni 1969 in Köpenick am Straßenrand standen und sich freuten, als plötzlich ein makellos sanierter alter Straßenbahnwagen auftauchte. Demps war einer der Enthusiasten, die es geschafft hatten, das rollende Zeitdokument für die Nachwelt zu erhalten. Am Sonnabend wird der historische Triebwagen Tw 10 wieder beim Köpenicker Sommer unterwegs sein. „Ich bin auch dabei“, sagt Demps.

Die alte Straßenbahn ist Geschichte zum Anfassen

Eine alte Straßenbahn – was ist das schon? Altes Eisen, etwas für unverbesserliche Nostalgiker und Ewiggestrige. So haben damals viele Menschen gedacht, erzählt Joachim Kubig, der als Rangierer auf dem Straßenbahnhof Köpenick arbeitete.

„Wer sich in den 1960er-Jahren für die Straßenbahn interessierte, wurde ausgelacht. Die autogerechte Stadt war das Vorbild.“ Und war man in West-Berlin nicht mit Fug und Recht dabei, die Elektrische abzuschaffen? 1967 wurden dort die letzten Straßenbahn in Richtung Schrottplatz verabschiedet.

Eine alte Straßenbahn – das ist aber auch Geschichte zum Anfassen: mit Holztäfelung, Ledersitzen, Messingbeschlägen. Ein Stück Berlin. Und ein schönes Stück Technik: Kubig, der bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) den Beruf des Schlossers erlernt hatte, kann das erkennen. 1967 traf er Menschen, die wie er dachten. Zwei junge Straßenbahn-Fans, die ihm Jahre zuvor vor dem Hof Köpenick beim Notieren von Wagennummern aufgefallen waren, luden ihn in die Arbeitsgemeinschaft Kleinbahnfreunde im Deutschen Modelleisenbahnverband ein. Dort, im Kulturraum des Berliner Bremsenwerks unweit vom Ostkreuz, lernte Joachim Kubig den Ingenieur Reinhard Demps und andere Enthusiasten kennen. Eine Idee reifte. Gemeinsam wollten sie alte Fahrzeuge restaurieren und Fahrgäste damit befördern.

Der Schlepper wurde in den historischen Zustand versetzt

Konkret wurde es, als eine Straßenbahn ins Blickfeld rückte, die nach Köpenick überführt worden war. Der Arbeitstriebwagen trug die Nummer 277 (nebst einer hochgestellten römischen Zwei). „Er sollte verschrottet werden“, sagt Demps. Zwar war das Fahrzeug für die Große Berliner Straßenbahn gebaut worden, es ähnelte aber den Köpenicker Bahnen, für die sich die Fans besonders interessierten. Sie begannen, den Schlepper in den historischen Zustand von 1903 zu versetzen, erzählt Kubig.

Mit seinem alten Opel P4 fuhr er über Land, um Teile zu organisieren. Die Ecklaternen wurden in Plauen aufgestöbert, das Oberlichtdach stammte aus Leipzig. Die Stromabnehmer kamen aus Cottbus. Mit den sperrigen Konstruktionen über die Autobahn – eine Herausforderung. Lederleinen, die für Nähmaschinen gedacht waren, wurden Klingelzüge.

Und immer wieder gab es Unterstützung. Etwa dann, als es Fensterglas zu organisieren galt - es kam in Form von vier Schaufensterscheiben. Der Gemälderestaurator des Märkischen Museums half dabei, die richtige Farbe für den Wagen zu bestimmen. Das Museum trat den Fans auch anderweitig zur Seite. Weil sich der damalige Direktor Eric Hüns für deren Anliegen begeisterte, fungierte es als Rechtsträger – und damit als Vertragspartner für die anstehenden Arbeiten und Käufe. Die BVG (Ost) hatte das zuvor abgelehnt.

Die Männer aus Köpenick arbeiteten weitere Straßenbahnen auf

Der 21. Juni 1969 war der große Tag. „In der Bahnhofstraße gab es einen Riesenauflauf“, sagt Demps, der heute 80 Jahre alt ist. Der Hauptmann von Köpenick marschierte mit acht Soldaten zum Rathaus, Triebwagen Tw 10 begleitete ihn – und versuchte danach im Pendelverkehr, den Fahrgastandrang zu bewältigen.

Aus den Männern, die damals an Gleis 9 in Köpenick werkelten, wurde ein Team, das später weitere Straßenbahnen aufarbeitete. Der Denkmalpflege-Verein Nahverkehr Berlin, der daraus hervorging, betreut heute fast 50 Wagen. Regelmäßig lädt er zu öffentlichen „Themenfahrten“ ein.  Die nächsten Touren beginnen am 23. Juni um 11 und 14 Uhr an der Haltestelle S- und U-Bahnhof Lichtenberg. Ein Fahrschein kostet drei, ermäßigt 1,50 Euro. Auch am Sonnabend, beim Köpenicker Sommer, gibt es Möglichkeiten zur Mitfahrt, sagte der DVN-Vorsitzende Hartmut Gröschke.

Joachim Kubig, 83 Jahre alt, kann am Sonnabend nicht dabei sein, wenn Tw 10 ab 14 Uhr im Festumzug mitrollt und danach weitere Fahrten absolviert. Doch er freut sich, dass das gute Stück vor kurzem eine Hauptuntersuchung bestanden hat. „Dieser Wagen“, sagt er, „gehört zum Köpenicker Sommer einfach dazu.“