Berlin - Mitleiderregend liegt seit Jahrzehnten die Franziskaner-Klosterkirche abgeschnitten von ihrem angestammten Stadtraum neben der Verkehrsschneise Grunerstraße. Zwar umgeben schöne alte Bäume gnädig die 700 Jahre alten Backsteinmauern, doch die menschenfeindliche Trasse aus Zeiten der autogerechten Stadt wirkt als Sperrzone gegen Bürgerkontakt.

Nichts mehr ist von dem gesellschaftlichen Zentrum Berlins zu spüren, das hier über Jahrhunderte lag, eines der ältesten und lebendigsten Viertel. „Immer zentral für die Stadtgesellschaft“ sei es gewesen, sagt der Berliner Landesarchäologe Matthias Wemhoff. Das lag zuerst an den zeitweise 400 bis 500 Barfüßermönchen des Franziskaner-Bettelordens und nach der Reformation an der Präsenz des Gymnasiums zum Grauen Kloster.

Dort lernte bis in die 1940er-Jahre die Elite Berlins: Friedrich Ludwig Jahn, Emil Rathenau, Karl Friedrich Schinkel, Otto von Bismarck gingen dort neben vielen anderen Prominenten zur Schule. Am 3. April 1945 wurde die Klosterkirche zerstört, die Ruine dann als Mahnmal gesichert. Die Trümmer der umliegenden Gebäude ließ die DDR-Politik nach 1950 abräumen.

Es soll wieder Leben in das stille Klosterviertel ziehen 

Schwer zu glauben, dass wieder Leben in das allzu stille Klosterviertel zieht – doch es wird geschehen. Die politischen Beschlüsse fielen vor mehr als 15 Jahren, doch jetzt wird es langsam ernst – zumindest für die Planer. Die archäologischen Großausgrabungen in der unmittelbaren Nachbarschaft des Klosterviertels beginnen; dann wird am Molkenmarkt ein Stadtquartier entstehen und die Umgebung der Klosterruine erheblich verändern.

Was wird dann aus diesem Ort mit seinen vielen historischen Schichten? Wie geht man mit der Ruine um? Sichern, so wie sie ist? Ganz oder teilweise wieder aufbauen und als Ausstellungsraum für die vielen wertvollen Objekte – Gemälde, Grabmale, Bücher aus dem Gymnasium – herrichten, die derzeit verstreut in der Stadt lagern? Soll dort wieder eine Schule entstehen? Oder soll man die Grünanlage erhalten?

Die Komplexität des Ortes erfordert die Kooperation vieler Beteiligter. Ein wissenschaftliches Kolloquium bildete kürzlich einen ersten Höhepunkt der Wissenssammlung und Ideenfindung. Kultursenator Klaus Lederer (Linke) und Mitte-Kulturstadträtin Sabine Weißler (Grüne) steckten den politischen Rahmen, bekundeten den Willen, Geschichte wieder erfahrbar zu machen, den Ort aus dem Schatten zu holen, der Ruine Respekt zu zollen. Klaus Lederer nannte die mittelalterlichen Reste „den Höhepunkt des Quartiers“. Sabine Weißler sprach davon, „der Aura des Ortes“ durch künstlerische Nutzung nachzuspüren.

Bebauungsplan sieht ein Gymnasium vor 

So schön, so allgemein. Manfred Kühne, Abteilungsleiter in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen, äußerte sich konkreter und ließ die Richtung erkennen: Den bislang geltenden Bebauungsplan nannte er „grob und holzschnittartig“. Seit er beschlossen wurde, hätten sich die Bedingungen „drastisch verändert“ – Historiker, Denkmalschützer und Stadtplaner hätten neue Spielregeln für den Umgang mit historischen Orten erarbeitet. Es gelte nun: Geschichte erkennen, die Archäologie in eine zentrale Position bringen. Die Diskussion um das Graue Kloster halte das noch nicht ein, findet Manfred Kühne.

Die abstrakte Entwicklung von bloßen Baukörpern führe in die Irre, und wenn Archäologen zeigen, dass ein Ort andere Potenziale habe als Rasen, dann müssten neue Ideen her. „Die Auseinandersetzung mit den Zukunftspotenzialen steht noch bevor“, sagte Kühne und fügte hinzu: „Das steht einer kreativen Stadt gut.“

Diese Sichtweise öffnet interessante Aussichten. So läuft es wohl darauf hinaus, dass der Bebauungsplan, der ein Gymnasium vorsieht, im Sinne eines offenen Wissenschafts- und Bildungskonzeptes geändert wird. „Vielleicht kann man eine Art Campus entwickeln“, überlegt Manfred Kühne. Nach guter Berliner Art seien auch Zwischennutzungen denkbar – „mit Schülern, Märkischem Museum, Nostalgikern und Superkreativen“.

Gymnasium zum Grauen Kloster

Amtsentsprechend zurückhaltend ist Landeskonservator Christoph Rauhut, Chef des Landesdenkmalamtes. Er präferiert eine sanfte Nutzung des Areals, also eher Kunst und Erholung – das sei womöglich besser für die Wahrnehmung des Mahnmals Franziskanerkirche. In den 70 Jahren ihrer Existenz als Ruine stecke auch schon wieder eine neue, zu erhaltende Zeitschicht. Sein Votum: „Weite Perspektive vor kurzen Ideen.“

Die weite Perspektive wählten auch die meisten der vortragenden Experten. Leidenschaftlich rief der Mittelalterforscher Heinz-Dieter Heimann die grenzübergreifende, europaweite und bis in die Gegenwart währende Wirkung der Franziskanerbewegung in Erinnerung. Er beschrieb die enge Wechselbeziehung zwischen der Stadt, ihren Bürgern und den seelsorgenden, asketischen Mönchen und stellte einige der überkommenen Kunstwerke vor. Sein Plädoyer: Es solle ein Museum geben für das franziskanische Wirken am Ort.

Naturgemäß sprach man viel über das Gymnasium zum Grauen Kloster – über die im 19. Jahrhundert neu einsetzende Wertschätzung für die gotische Backsteinarchitektur und die Aufwertung des historischen Schulkomplexes durch Stadtbaumeister Ludwig Hoffmann (1852-1932). Der Baugeschichtler Wolfgang Schäche erinnerte an Hoffmanns 1945 zerstörte bemerkenswerte Bauten wie das Direktorenwohnhaus und vor allem an die einzigartige Turnhalle mit Giebel im Stil hanseatischer Backsteingotik, fast wie St. Nikolai in Stralsund. Vom „Lächeln des Wilhelminismus“ war im Zusammenhang mit den Hoffmann’schen Bauten die Rede.

Bloß kein banaler Beton

Schließlich inspirierte der Historiker Guido Hinterkeuser mit Beispielen für den Umgang mit Ruinen, zeigte romantische Stimmungsträger à la Caspar David Friedrich, Kriegstrümmer mit Teilrekonstruktionen und modernen Ergänzungen.

Das Wissen um das Vergangene wendete Manfred Kühne in die Zukunft: Er teilte mit, dass die Stadt soeben ein „furchtbares“ Gebäude an der Klosterstraße, derzeit Sitz eines IT-Unternehmens, gekauft habe. Dort müssten keineswegs (nur) Verwaltungen einziehen. Denn im Klosterviertel könne ein Weg mit „völlig neuen Qualitäten“ entstehen.

Er soll vom wieder erstehenden Jüdenhof, vorbei an Kloster- und Parochialkirche über eine neue Waisenbrücke bis zum Märkischen Museum reichen. Ein solcher historischer Pfad würde scheitern, wenn dort banale Betonteile herumstehen. Hört, hört!