Potsdam - Renate Wildenhof kann sich noch an die Flasche Wein erinnern, die ihre Mutter einem Sowjetsoldaten gegeben hatte, um ein Fahrzeug für die Möbel zu bekommen. Das ist nunmehr fast 70 Jahre her. Renate Wildenhof hieß damals noch Brandmeyer und war 14 Jahre alt. Der Wein war eigentlich für ihre fünf Jahre ältere Schwester gedacht, zur Verlobung.

Doch die Familie Brandmeyer brauchte ein Fahrzeug, um ihre letzten Möbel aus dem Haus in der damaligen Mirbachstraße 1 in Potsdam abtransportieren zu können. Das Haus lag in der Nauener Vorstadt, einem Potsdamer Villenviertel zwischen Pfingstberg und Neuem Garten. Es beherbergte die Büroräume der evangelischen Frauenhilfe und die Dienstwohnung des Pfarrers. Drei Wochen nach der Potsdamer Konferenz der Siegermächte des Zweiten Weltkriegs musste das Haus geräumt werden. Die Sowjets hatten es beschlagnahmt, ebenso wie die Villen in der Nachbarschaft. Es war der 23. August 1945. „Ich weiß noch, dass der damalige Pfarrer noch lange mit den Zuständigen diskutiert hat. Aber gegen 15 Uhr wurde die Räumung befohlen“, erzählt Renate Wildenhof, die heute 83 Jahre alt ist und in Berlin wohnt.

Betonmauer und Stacheldraht

Renate Wildenhofs Vater war Pfarrer der Evangelischen Frauenhilfe. Als er 1941 starb, musste die Familie die Dienstwohnung verlassen. Sie zog in die benachbarte Langhansstraße, Einige Möbel aber verblieben noch im Keller des Dienstsitzes in der Mirbachstraße, die heute Leistikowstraße heißt. Nur wenige Stunden hatten die Bewohner der beschlagnahmten Gebäude Zeit, ihr Hab und Gut zusammenzuräumen. Dann durften sie ihre Häuser nicht mehr betreten. Fast ein halbes Jahrhundert lang. Renate Wildenhofs Familie musste auch die neue Wohnung in der Langhansstraße „freiziehen“. Sie kam bei Freunden unter.

Zunächst umschloss ein Holzzaun das 16 Hektar große Gelände mit etwa 100 Häusern, das nun Sowjetisches Militärstädtchen Nr. 7 hieß. 1970 wurde der Zaun durch eine meterhohe Betonmauer mit Stachel- und Bewegungsdraht sowie zwölf Wachtürmen ersetzt. Bewaffnete Soldaten passten auf, dass kein Unbefugter auf das Gelände kam oder es ohne Erlaubnis verließ.

Es gab nach dem Zweiten Weltkrieg viele solcher Kasernenstandorte in Ostdeutschland, doch das Militärstädtchen Nr. 7 wurde am strengsten abgeschirmt. Denn hier kam die Deutschlandzentrale der militärischen Spionageabwehr des sowjetischen Geheimdienstes unter. 150 Offiziere und ihre Familien lebten hier. 350 Soldaten des 10. KGB-Wachbataillons bewachten das Gelände.

Aus dem idyllisch gelegenen Areal wurde die Verbotene Stadt, aus dem Wohnhaus des Pfarrers in der Mirbachstraße das berüchtigte Untersuchungsgefängnis, in dem Tausende auch unschuldige Menschen verhört, verurteilt und von dort in Gulags oder zur Vollstreckung der Todesstrafe transportiert wurden. Kaum etwas davon drang nach außen. Erst, als die ersten Besucher 1992 das einstige Militärstädtchen mit einer Sondergenehmigung betreten durften und zwei Jahre später auch der letzte russische Soldat abgezogen war, wurde nach und nach das Geheimnis hinter dem Schlagbaum gelüftet.

„Das Militärstädtchen Nr. 7 war eine völlig autonome Stadt mit Heizhaus, Poliklinik, Läden, Hotel, Offiziersclubs und Wohnungen. Nur die Kinder mussten das Areal verlassen, um zur Schule zu gehen“, sagt Maria Schultz von der Gedenkstätte Leistikowstraße. Die Gedenkstätte befindet sich heute in dem einstigen Untersuchungsgefängnis. Dort beginnt ab Dienstag eine Themenwoche zum 20. Jahrestag des Abzugs der russischen Truppen aus Deutschland. Gezeigt wird neben der Dauerausstellung erstmals eine neue Schau mit Aufnahmen zweier Fotografen, die zu den ersten Besuchern des Städtchens zählten.

Zugemauerte Fenster

Sie haben die Verlassenheit des Ortes dokumentiert, aber auch einstige Häftlinge abgebildet. Zu sehen sein sollen zudem Fotos von Privatpersonen – Anwohnern oder vielleicht Handwerkern – die heimlich aus oder von dem Militärstädtchen gemacht wurden. „Wir suchen solche Aufnahmen und wollen sie mitsamt der Geschichte dahinter zeigen“, sagt Maria Schultz.

Die Nauener Vorstadt ist heute wieder ein Viertel mit schmucken Villen und Neubauten. Renate Wildenhof hat den Ort ihrer Kindheit erst 1995 wieder besucht, als ein uneingeschränkter Zugang möglich war. Sie habe im Garten des einstigen Pfarrershauses gestanden und sei entsetzt gewesen. „Ich habe das Haus nicht wiedererkannt. Es war in einem schrecklichen Zustand. Fenster waren zugemauert, Wände willkürlich gezogen worden. Das Obergeschoss und der Turm fehlten“, erinnert sie sich. Aus den großen Vorratsräumen und der Hauswarts- wohnung im Souterrain waren enge Haftzellen entstanden. Am meisten aber schockte es sie, als sie sah, was aus ihrem einstigen Kinderzimmer geworden war: Dort hatte der KGB jahrzehntelang Menschen verhört.