Berlin - Die Liste könnte auch heute noch so oder so ähnlich in jedem Sekretariat hängen. „Rickipitzi“ ist darauf vermerkt, hinter dem Datum 9.9.1911. „Hiddipitzi“ steht hinter dem 10.5.1918. Albern wirkende Spitznamen für Mitarbeiter des Hauses, notiert auf einer Geburtstagsliste. Man kennt sich, man neckt sich, man gehört zur gleichen Firma. In Klammern ist noch vermerkt, um wen es geht: „Rickipitzi“ ist Sturmbannführer Richard Baer, Kommandant des KZ Auschwitz, „Hiddipitzi“ seine Freundin.

Die Geburtstagsliste, vor ungefähr siebzig Jahren abgetippt von einer Sekretärin, stammt aus dem SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamt (WVHA). Entdeckt hat sie die Historikerin Doris Fürstenberg bei Nachforschungen im Bundesarchiv. Sie leitet den Fachbereich Kultur im Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf und hat im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Zerstörte Vielfalt“ eine sehenswerte Ausstellung über die Behörde organisiert. Sie heißt: „Hitlers Schreibtischtäter. Das SS-Amt Unter den Eichen“.

Die SS als Wirtschaftskonzern

Vieles, was Fürstenberg und ihr neunköpfiges Team in Archiven ausgegraben haben, zeigt die SS von einer wenig bekannten Seite. Die Behörde, deren Gebäude Unter den Eichen in Lichterfelde heute teilweise das Bundesbauamt beherbergt, stand für den ökonomischen Zweig der SS. Sie war die Schaltzentrale der Ausbeutung von zehntausenden KZ-Häftlingen und Zwangsarbeitern und Mittelpunkt eines Imperiums von etwa 500 SS-Firmen. Historiker haben sich mit der SS so intensiv beschäftigt wie mit kaum einem anderen Thema der Zeitgeschichte. „Im Vergleich zu anderen Bereichen der SS ist dieses Amt aber bislang wenig erforscht“, sagt Doris Fürstenberg.

Einen direkten Draht zu den Konzentrationslagern hatte nicht nur das Reichssicherheitshauptamt, die Terrorzentrale der SS. Wie die Geburtstagsliste zeigt, korrespondierte auch das WVHA direkt mit den KZ-Kommandanten. Dabei ging es um die Erträge der Ausbeutung nach dem Prinzip „Vernichtung durch Arbeit“, um die Verteilung der Arbeitssklaven. Auch für die KZ-Bauten und Kriegsgefangenenlager war das Amt zuständig.

Beim Rundgang durch die Ausstellung stellt man überrascht fest, wie sehr die SS auch Wirtschaftskonzern war. Von Lichterfelde aus wurde ein ganzes Konsortium verwaltet. So war das bekannte Mineralwasser Apollinaris, heute zu Coca-Cola gehörend, zeitweise eine SS-Marke. „Die SS beherrschte 75 Prozent des deutschen Mineralwassermarktes“, sagt Fürstenberg. Dazu kamen Firmen in der Bauwirtschaft, in der Fahrzeugproduktion, Textilunternehmen, eine Porzellanmanufaktur, Ziegeleien und der Heilkräutergarten im KZ Dachau. „Die SS war ein attraktiver Arbeitgeber“, sagt Fürstenberg, „sie bot Aufstiegschancen.“

Unerwarteter Widerstand

Zwei Jahre lang haben die 61-Jährige und ihre Mitarbeiter geforscht. Das meiste fanden sie im Bundesarchiv in Lichterfelde, das die SS-Akten verwahrt. Es ist wohl eine Ironie der Geschichte, dass sich das Archiv heute in der früheren Kaserne der SS-Leibstandarte Adolf Hitler befindet.

Und dann stieß einer unerwartet auf Widerstand. Gerhard Niebergall, ehrenamtlicher Mitarbeiter im Steglitzer Arbeitskreis Nationalsozialismus, recherchierte zu Wilhelm Schneider, einem hochrangigen Juristen und Top-Notar der SS. Zwischen 1938 und 1944 hatte dieser 5105 Rechtsakte beurkundet, überwiegend der SS, teilweise der Wehrmacht. Darunter waren Übertragungen von Firmen und Immobilien-Zwangsverkäufe verfolgter Juden. Viel mehr ließ sich nicht herausfinden. Denn das Amtsgericht Schöneberg, zuständig für die Urkundenrolle des Notars, verweigerte Niebergall die Akteneinsicht. Das Beurkundungsgesetz verbiete sie, heißt es in der Begründung.

„Die SS wurde als verbrecherische Organisation aufgelöst, aber der bürgerliche Vertrauensschutz soll ihr erhalten geblieben sein?“, fragte Niebergall. Offensichtlich war er auf ein Problem gestoßen, das nach Jahrzehnten der NS-Forschung kaum jemandem aufgefallen war. Tatsächlich stellt das Gesetz Notarurkunden unter Schutz – selbst, wenn dadurch Aufarbeitung verhindert wird.

Es steht viel auf dem Spiel

Monika Nöhre, die Präsidentin des Kammergerichts, nahm sich persönlich dieser Sache an, ebenso Justizsenator Thomas Heilmann (CDU). „Das ist eine unbefriedigende Gesetzeslage“, sagt Nöhre. Alle Gerichtsinstanzen hätten den Fall geprüft. Es gebe derzeit keine juristische Lösung. Sie plädiere deshalb für eine Gesetzesänderung. Daran arbeite man bereits unter Hochdruck, heißt es aus der Senatsjustizverwaltung. „Wir haben überhaupt kein Interesse daran, dass dadurch die Forschung blockiert wird“, sagt Heilmanns Sprecherin Lisa Jani. Für eine mögliche Gesetzesänderung auf Bundesebene laufe eine Länderabfrage. Parallel würden Möglichkeiten einer schnelleren Lösung geprüft.

Niebergall sagt, es gehe um sehr viel. Erst durch Einsicht in die Urkundenrollen ließe sich womöglich klären, warum SS-Totenkopfverbände und die Wehrmacht fortlaufend einen Notar brauchten. Und warum Schneider, der nach dem Krieg wie viele seiner Kollegen rehabilitiert und wieder als Notar und Anwalt zugelassen wurde, ab 1944 so oft nach Budapest reiste. Der NS-Jurist soll dort an der Enteignung ungarischer Juden beteiligt gewesen sein, um den SS-Führern einen finanziellen Neuanfang nach der Kapitulation zu ermöglichen.

Diese Nachforschungen seien historisch bedeutsam, sagt Arnd Bauerkämper, Geschichtsprofessor und NS-Forscher an der FU. „Es ist sehr wichtig, dieses Gesetz zu ändern.“ Allerdings hat das Amtsgericht Schöneberg die Urkunden im Sommer an eine Archivfirma in Brandenburg ausgelagert. Die ist nicht zu großer Sorgfalt verpflichtet. Für Urkunden aus der Zeit vor 1950 gilt: „Eine Verpflichtung zur Konservierung besteht nicht.“

„Hitlers Schreibtischtäter“:

Schwartzsche Villa, Grunewaldstr. 55,

bis 23. Februar 2014,

Di-So 10-18 Uhr, Eintritt frei.