Mehr als 60 Spritzen, viele Plastiktütchen, blutige Tupfer, Aluschälchen, Löffel und Pillenpackungen: Das ist die Bilanz eines Putznachmittags auf Spielplätzen im Schöneberger Akazienkiez. „Ich habe auch schon einen Mann erwischt, der sich im Gebüsch Heroin spritzen wollte, während unsere Kinder keine zwei Meter entfernt auf der Kletterspinne tobten“, sagt Vanessa Rücker von der Nachbarschaftsinitiative Clean Kiez, die die Aktion im Frühjahr organisierte.

Der Drogenkonsum und seine Überreste, sie sind auf vielen Berliner Spielplätzen und in Parks ein Problem, das die Innenstadtbezirke kaum in den Griff bekommen. Je nach Bezirk und Grad der Verschmutzung reinigen die Grünflächenämter Spielplätze täglich, aber teils auch nur einmal wöchentlich.

Drogenverstecke im Sand

„In diesem Jahr wurde unser Bezirk überdurchschnittlich oft über Rückstände von Drogenkonsumenten im öffentlichen Raum informiert“, heißt es aus Mitte. In Kreuzberg sorgte gerade ein Unglück für Schlagzeilen, als ein Fünfjähriger auf einem Spielplatz in der Stallschreiberstraße in eine Spritze trat, die HIV-infiziertes Blut enthielt.

Eine Schätzung aus Neukölln geht davon aus, dass in etwa 50 bis 70 Prozent der Grünanlagen im Norden des Bezirks Drogen konsumiert werden. Vanessa Rücker von der Schöneberger Initiative berichtet von Drogenverstecken im Sand und kiezweit bekannten Dealerecken.

Auch die Kriminalstatistik verzeichnet für 2017 so viele Rauschgiftdelikte wie seit zehn Jahren nicht, nämlich 16077 Fälle. „Wir haben eine offene Drogenszene in verschiedenen Bereichen der Stadt“, heißt es bei der Polizei. Die Dealer und mit ihnen die Konsumenten wechseln in andere Viertel, wenn die Polizei ihre Kontrollen verstärkt.

Die Drogen wandern entlang der U-Bahnlinien

Das beobachtet auch Neuköllns Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD). „Kottbusser Tor, Schönleinstraße, Hermannplatz, Bahnhof Neukölln: Die Drogen und die Süchtigen wandern entlang der U-Bahnlinien von A nach B. Unser Ansatz darf nicht sein, sie bloß zu vertreiben, sondern wir müssen ihnen helfen.“ Dafür fordert der Bezirksbürgermeister eine stadtweite Strategie.

Experten bemängeln, es fehle an Sozialarbeitern und geschützten Räumen, in denen Abhängige Drogen konsumieren können. Aktuell finanziert der Senat nur zwei Konsumräume, einen in der Reichenberger Straße in Kreuzberg und einen in der Birkenstraße in Moabit. Im Doppelhaushalt 2018/19 steht Geld bereit für zwei weitere Anlaufstellen in Neukölln und Charlottenburg.

Dazu kommen zwei Konsum-Vans, mit denen Mitarbeiter des Suchthilfevereins Fixpunkt in der Stadt unterwegs sind. Verglichen mit Hamburg, wo es laut der Deutschen Aids-Hilfe allein fünf stationäre Druckräume gibt, erscheint das Angebot nicht groß.

Lagebild soll die Hotspots zeigen

Die Senatsgesundheitsverwaltung verweist dagegen auf gestiegene Mittel für die ambulante Versorgung von Süchtigen. Waren es im Vorjahr 1,2 Millionen Euro, bekamen die Beratungsstellen und Konsumräume nun 1,8 Millionen Euro.
Auch kündigt Sprecher Christoph Lang ein neues Netzwerk zum Umgang mit Drogen- und Alkoholkonsum im öffentlichen Raum an.

„Die Bezirke Mitte, Friedrichshain-Kreuzberg, Neukölln und Tempelhof-Schöneberg sind vertreten. Auch Polizei, Ordnungs- und Grünflächenämter sowie freie Träger sitzen am Tisch“, sagt Lang. Unter der Leitung des Vereins Fixpunkt soll das Netzwerk ein Lagebild erstellen, das zeigt, wo sich die Hotspots des öffentlichen Konsums befinden.

Konflikte mit Anwohnern

Auch soll eine Interventionsgruppe entstehen, um Konflikte mit Anwohnern zu moderieren und liegengelassene Spritzen schnell und fachgerecht zu entsorgen.

Denn Bürger sollten nie selbst Handschuhe überstreifen und Drogenbestecke in Papierkörbe werfen. Lieber Polizei oder Ordnungsamt informieren, die mit verschraubbaren Plastikbehältern anrücken. So ist sichergestellt, dass sich niemand, auch kein Müllmann oder Flaschensammler, an den Nadeln verletzt.