Man nehme einen Stab oder Stock, dazu Tonkarton, selbstklebende Wackelaugen, doppelseitiges Klebeband, Krepppapier, Füllwatte, Tacker, Fransen für die Mähne, einen Musterpferdekopf und behutsam ein Kind an die Hand, die passende Bastelanleitung gibt es frei zum Download im Internet. Und dann kann es schon bald losgehen, das Hobby Horsing, denn das Glück dieser Erde liegt bekanntlich auf dem Rücken der Steckenpferde. Und ja, man muss nur daran glauben: Das Leben, es kann sehr wohl ein Ponyhof sein.

Hobby Horsing, also das Reiten auf Steckenpferden, ist etwa eintausend Jahre alt und gleichzeitig ein mit hopp, hopp, Galopp aus der Nische drängender Trend, dem immer mehr Mädchen – und weniger Jungs – mit Hingabe und schier an Besessenheit grenzender Begeisterung folgen. Es gibt Sommercamps und auch Meisterschaften, bei denen Steckenpferdreiterinnen empört reagieren, wenn man ihren Sport als Kinderkram abstempelt oder die vielen Trainingsstunden und den Wettkampfmodus dahinter verkennt. Inoffizieller Weltrekord in Steckenpferdsprungreiten: 1,41 Meter.

Es gibt natürlich auch die Disziplin Steckenpferddressur, wo es auf Schritt, Trab und die schnellste Gangart Galopp ankommt, wo Übungen wie Piaffe und Passage benotet werden. Ambitionierte Bastler wissen natürlich, wo Trensen, Vorderzeug, Halfter, Stricke und Fliegenohren hingehören. Um Nachwuchs bemühte Reitverbände weltweit haben längst das Potenzial des Hobby Horsing erkannt. Das echte Reiten ist manchmal nur einen Pferdesprung entfernt.

Und wenn Eltern bisher dachten, sie wären mit „Bibi & Tina“ auf Amadeus und Sabrina, „Sie jagen im Wind, sie reiten geschwind, weil sie Freunde sind“ oder mit acht Staffeln „Spirit“, „Ich reite los, so wild und frei, begleite mich auf meinem Ritt, komm einfach mit und sei dabei“ einigermaßen glimpflich und unfreiwillig textsicher durch die Pferdephase ihrer Kinder gekommen, dann ist Hobby Horsing so etwas wie die Verlängerung der Kinder-Pferde-Liebe ins Weltall. Mindestens ins Teenageralter. Einhörner sind noch mal ein ganz anderes Thema.

Und wer hat’s erfunden? Klar, die Finnen. Ihnen haben wir ja nicht nur Schlittschuhe, Molotowcocktails und salziges Lakritz zu verdanken, nicht nur „Angry Birds“, Linux, Sauna und SMS, sondern auch eine Reihe von neuen Sportarten oder zumindest sportähnlichen Wettbewerben. Hier nur eine Auswahl finnischer Meisterschaften: Melkschemel-, Klopapier-, Handy- oder Gummistiefelweitwurf, Tischtrommeln, Luftgitarrespielen, Mückenklatschen, Kornsäckeschlachten, Frauentragen, Sumpffußball, Beerenpflücken – der Weltrekord liegt bei 27,98 Kilogramm Preiselbeeren in einer Stunde. Im World Happiness Report lag Finnland auch in diesem Jahr ganz vorne, zum fünften Mal in Serie. Quatsch scheint glücklich zu machen.

Warum sind gerade Mädchen so pferdelieb?

Es gibt aber auch Grenzen. Von 1999 bis 2010 trugen die Finnen eine Weltmeisterschaft im Saunieren aus, ein internationales Starterfeld musste seine Hitzebeständigkeit beweisen, sogar bei 110 Grad Celsius. Als ein Russe aufgrund von Brandverletzungen ums Leben kam, war Schluss.

Zwei Fragen bleiben. Erstens: Spinnen die Finnen vor Glück oder warum machen sie das alles eigentlich?

Der Ethnologe und Turnlehrer Maximilian Stejskal hat die sportlichen Vorlieben seiner Landleute von 1929 bis 1948 beobachtet und dokumentiert, mit Zeichnungen, Fotos, Tonbandaufnahmen. Seine Studie kommt zu keinem abschließendem Ergebnis, außer vielleicht: Weil sie es können. Stejskal notierte: „Die Kämpfe wurden manchmal so heftig und blutig, dass man danach ganze menschliche Augen auf der Straße fand.“ Dagegen ist Hobby Horsing wahrlich ein Kinderspiel.

Und zweitens: Warum sind gerade Mädchen so pferdelieb? Psychologen bringen das Thema Beziehung ins Spiel, sprechen vom Pferd als starken, vertrauenswürdigen Freund und Partner, der wortlos versteht, nicht verurteilt, anschmiegsam ist, von dem man sich eben tragen lassen kann. Oftmals sei die Pflege wichtiger als das Reiten selbst. Elsa Salo, die als Erfinderin des mädchenbandenmäßigen Hobby Horsing gilt und in der Doku „Hobbyhorse Revolution“ eine Hauptrolle spielt, sagte einmal: „Die Community ist sehr tolerant, wir akzeptieren alle, so wie sie sind.“ Man nehme sie als Vorbild.