In zwei Berliner Hochhäusern, in denen seit mehreren Monaten die Aufzüge ausgefallen sind, ist es zu Todesfällen gekommen. Ein herzkranker 63-Jähriger trug seine Einkäufe in den neunten Stock eines Mietshauses im Neuköllner Agnes-Straub-Weg und brach dort tot zusammen.

Das Treppensteigen hatte ihn nach Auskunft seiner Familie überfordert. Ein ähnlicher Fall trug sich vor wenigen Tagen in Spandau zu. Dort sind in drei Sechsgeschossern in der Steigerwaldstraße bereits seit Juli alle Aufzüge defekt.

Eingesperrt in der Wohnung

Dass einer ihrer Nachbarn nicht mehr lebt, hat sich bis zu Irmgard Wichmann herumgesprochen. Die 84-jährige Spandauerin senkt nachdenklich den Kopf, denn es hätte sie selbst treffen können. Aber zum Glück, so sagt sie, sei sie vorsichtig und fordere das Unglück nicht heraus.

Der Nachteil: „Ich habe seit vier Monaten meine Wohnung nicht mehr verlassen, ich sitze nur noch zu Hause und sehe fern“, sagt Irmgard Wichmann. Ihre Tochter Angelika Schmalz muss regelmäßig kommen, um ihr Einkäufe zu bringen. Auch ihr Arzt macht Hausbesuche. „Aber nicht mehr raus an die frische Luft zu können, ist schlimm“, sagt Irmgard Wichmann. Sie würde gern mal wieder ins Café gehen.

Der Aufzug im Haus ist defekt, seit am 22. Juli dieses Jahres der Blitz einschlug. Er gab dem 1965 eingebauten und ohnehin altersschwachen Lift den Rest. Diesen Effekt hatte der Blitzeinschlag auch in zwei Nachbarhäusern, so dass nun insgesamt drei Dutzend Mietparteien ohne Aufzug leben müssen.

„Die Hausverwaltung klebte mehrere Info-Schreiben über geplante Reparaturen in die Flure“, sagt Mieter Ömer Ögens. Aber obwohl gelegentlich Arbeiter zu sehen seien, funktioniere weiterhin keiner der Aufzüge. „Ich bin zwar erst 44 Jahre alt, aber nach einer Milzerkrankung fällt es auch mir schwer, Einkäufe bis in den sechsten Stock zu tragen“, sagt Ögens. Er beschwerte sich wiederholt beim Vermieter über die Zustände. „Aber dort reagiert man nur schnell, wenn die Miete mal nicht pünktlich gezahlt wird.“

Hausbesitzer unter Druck

Der Spandauer Mieterverein hat sich des Problems nun im Namen der Bewohner angenommen. Das Ergebnis ist eine Zusage des Vermieters, wonach die Aufzüge bis Anfang Januar wieder in Betrieb gehen sollen. Außerdem werde den Hausbewohnern eine Mietminderung eingeräumt.

Nach geltender Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs müsse der Abschlag auf die Miete „je nach Geschosshöhe zwischen 10 und 50 Prozent liegen, in Einzelfällen sogar noch höher“, heißt es beim Spandauer Mieterverein.

Aber erledigt ist die Angelegenheit damit für die Mieterschützer noch lange nicht: „In Anbetracht der Tatsache, dass vor wenigen Tagen ein Mieter bedingt durch den Aufzugausfall in seine Wohnung hinauflaufen musste und dann in der Küche zusammenbrach und verstarb“, müssten Reparaturen künftig sofort vonstattengehen. Es gelte, so der Spandauer Mieterverein, „weitere Todesfälle zu vermeiden“.

Die Organisation fordert die Berliner Vermieter auf, auch in Zeiten einer hohen Nachfrage nach Wohnraum ihre Pflichten nicht zu vernachlässigen. Marode Bausubstanz, defekte Aufzüge und Schimmelbefall dürften nicht zu Alltäglichkeiten werden. Gefragt sei, so der Spandauer Mieterverein, auch der Gesetzgeber: Er müsse es Mietern erleichtern, die Miete zu mindern und Hausbesitzer unter Druck zu setzen.