Berlin - Die berühmtesten und schönsten Skylines haben wohl Hongkong, New York und Schanghai. Dicht an dicht stehen die Hunderte Meter hohen Wolkenkratzer.  Die Architektur ist abwechslungsreich, mal klassisch, dann wieder modern und überraschend, manchmal auch schrill. Nachts werden die Türme angestrahlt, jeder für sich schön bunt in Szene gesetzt. Das sind spektakuläre Fotomotive für jeden Touristen. Um später sagen zu können: Seht, ich war hier. Im internationalen Vergleich ist Berlin aber nur ein bescheidenes Entwicklungsland. Ja, es gibt ein paar hohe Häuser. Eine Stadtsilhouette aber, die sich in das Gedächtnis einbrennt, wird damit noch lange nicht geprägt. Wird es sie jemals geben?  

Zumindest die Chance darauf besteht noch. Wenn auch nicht konzentriert an einem einzigen Standort. Berlin ist viel zu zerklüftet, hat viele Zentren, zudem gibt es an den lukrativen Plätzen kaum freie Baugrundstücke. Um trotzdem ein System, ein Regelwerk zu entwickeln, schwebt Senatsbaudirektorin Regula Lüscher daher ein Hochhausleitbild vor, das der künftige Senat erarbeiten wird. Das erfuhr die Berliner Zeitung aus Verhandlungskreisen. Die möglichen Koalitionspartner von SPD, Linken und Grünen reden darüber und wollen das Hochhausleitbild in ihrem Vertrag festschreiben. Damit wird eine Art Gerüst für eine Berliner Skyline aufgestellt. „Dass Berlin ein Leitbild für den Bau der Hochhäuser erhält, macht Sinn“, sagt Regula Lüscher.

Planer bislang zu unflexibel

Denn im Denken nach oben ist die Stadt bisher begrenzt. Zu starr sind bei Stadtplanern die Vorstellungen von Baublöcken und höchstens 30 Meter hohen Häusern. Ausnahmen sind auf wenige Stadtgebiete begrenzt: zum Beispiel die City West, dort entsteht nach dem Waldorf Astoria mit dem Upper West ein weiterer Hotelneubau, beide erreichen aber nicht einmal die 120-Meter-Marke. Auch in der Europacity am Hauptbahnhof sowie  am Alexanderplatz sind Flächen reserviert, auf denen Mini-Wolkenkratzer errichtet werden können. Am höchsten geht es am Alex, dort ist aber auch schon bei 150 Metern Schluss. In dem Hochhausleitbild sollen weitere Standorte für Türme festgelegt werden. Zum Beispiel in bezirklichen Zentren, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut erschlossen sind. „Es wird sich zeigen, ob Berlin die wirtschaftliche Kraft hat, damit sich eine Skyline an zentralen Orten herausbildet“, so Lüscher.

Diese Kraft hatte Berlin bisher nicht. Beispiel Alexanderplatz. Seit mehr als zwei Jahrzehnten wird dort der Traum von einem Klein-Manhatten geträumt.  Architekt Hans Kollhoff  hatte 1993 einen Wettbewerb gewonnen, wonach zehn 150 Meter hohe Türme gebaut werden sollten. Doch es gab dafür keinen Bedarf, keine Interessenten, auch keine Finanzierung. Kollhoff überarbeitete kürzlich seinen Plan, jetzt sollen es noch neun Türme sein. Doch nur zwei davon sind derzeit realistisch: Das US-Unternehmen Hines will neben Saturn bauen, am Einkaufszentrum Alexa will der russische Investor Monarch einen Wohnturm mit 475 Appartements verteilt auf 39 Stockwerke errichten.

Markus Penell ist der Geschäftsführer des Berliner Architekturbüros Ortner & Ortner, das den Wohnturm am Alexa entworfen hat. „Als Solisten sind Hochhäuser in Berlin bisher nur mäßig interessant“, sagt er. Nach seiner Einschätzung ist es angemessen, dass man in Berlin eine Höhenbegrenzung wie am Alexanderplatz von 150 Metern hat. Denn anders als in räumlich begrenzten asiatischen Metropolen müsse man in Berlin nicht so hoch bauen. „Je höher man baut, desto mehr stößt man auch an Marktgrenzen“, sagt Penell. Der Alexa-Wohnturm zum Beispiel lässt sich nicht einfach mit zusätzlichen Wohngeschossen erweitern, die Investoren müssten dann über eine gemischte Nutzung etwa mit Büros oder Hotel nachdenken. Er ist sich aber sicher, dass der Alexanderplatz der Ort ist, an dem mehrere Hochhäuser städtebaulich einen neuen Raum bilden können. „Mit dem Wohnhochhaus kann man sagen, ich bin am Alex zu Hause“, sagt Penell.

Viele Einzelnutzer

100 Meter soll auch ein Haus hoch werden, das neben dem Hauptbahnhof gebaut werden kann. Aber erst, wenn die S-Bahnlinie 21 dort fertig ist. Investor ist das österreichische Unternehmen CA Immo, das in der Europacity bereits den Total-Tower errichtet hat und weitere Türme in der Pipeline hat. Sprecher Markus Diekow vergleicht Berlin mit Frankfurt am Main, das als einzige deutsche Stadt tatsächlich über eine Skyline verfügt. „Die Hochhäuser dort gehören Banken und Versicherungen, die nicht nur Geld, sondern auch ein hohes Repräsentationsbedürfnis haben“, sagt Diekow. In Berlin sei die Situation anders, hier gebe es nicht sehr viele große Einzelnutzer.

Das Hochhausleitbild müsse viele Fragen beantworten, sagt Lüscher. Sind aus wirtschaftlicher Sicht Ausgleichsmaßnahmen erforderlich, weil die Baugrundstücke höher ausgelastet werden? Muss die Architektur, um eine hohe Qualität der Türme zu sichern, immer vom Baukollegium beim Senat bestätigt werden? Antworten darauf wird erst der neue Senat geben.