Die Gefahren waren klar benannt. Bis zu 17 U-Bahnhöfe könnten nach einer Havarie auf der Baustelle für den geplanten 150 Meter hohen Wohnturm des Investors Hines am Alexanderplatz unter Wasser gesetzt werden – davor hatte Sigrid Evelyn Nikutta, Chefin der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), gewarnt. Sollte es zu einem solchen Schaden kommen, wäre der „U-Bahnbetrieb mehrere Jahre erheblich beeinträchtigt“.

Am Mittwoch beriet der BVG-Aufsichtsrat darüber, ob er trotz des Risikos eine bereits ausgehandelte sogenannte nachbarrechtliche Vereinbarung mit dem US-Investor unterzeichnet. Am Ende gab es jedoch noch keine Entscheidung, wie es hieß. Die Experten plädierten dafür, dass noch weitere Gespräche geführt werden sollen. Die Vereinbarung ist notwendig, damit das Projekt realisiert werden kann.

Denn bislang gibt es kein Baurecht für das Hochhaus an dem geplanten Standort. Die Vereinbarung zwischen BVG und Investor ist nach Angaben der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung „Grundlage für die Durchführung des Bebauungsplanverfahrens“. Ohne eine Einigung will die Behörde „das Bebauungsplanverfahren vorerst ruhend“ stellen. Der Senat könnte dann in einem zweiten Schritt darüber entscheiden, ob das Bebauungsplanverfahren ganz eingestellt oder mit geänderten Zielsetzungen weitergeführt wird.

Standort geändert

Notwendig wurden die Arbeiten für den neuen Bebauungsplan, weil Hines den Standort für sein Hochhaus zwischenzeitlich geändert hat. Ursprünglich sollte der Turm etwas weiter südlich gebaut werden. Dort steht mittlerweile aber das Geschäftshaus Die Mitte mit dem Elektronikmarkt Saturn als Hauptmieter. Dort könnte das Hochhaus rein rechtlich gebaut werden, nur müsste des Geschäftshaus dafür weichen. Hines besitzt das Grundstück allerdings nicht mehr. Der Investor hat es bereits verkauft.

Das Hochhaus von Hines soll laut BVG auf einem aus dem Jahr 1930 stammenden Fundamentblock errichtet werden. Durch diesen Block verläuft der Tunnel der U-Bahn-Linie 5. Der U-Bahn-Tunnel liegt nach Angaben der BVG komplett im Grundwasser. Bei den Bauarbeiten könnte es laut Gutachten zu Setzungen des Tunnels kommen. Darunter ist das allmähliche Absenken des Bauwerks zu verstehen. Dadurch könnte Wasser eindringen. Sollte das Worst-Case-Szenario Wirklichkeit werden, bräche der Verkehr zusammen, warnte ein Insider. Zwar würden vorhandene Wehrtore, die sich bei Gefahr schließen, das Eindringen des Wassers auf der Verlängerung der U5 Richtung Brandenburger Tor, auf der U2 vor dem Märkischen Museum und auf der U8 hinter dem Bahnhof Jannowitzbrücke verhindern, aber Richtung Osten würde sich das Wasser wegen fehlender Wehre bis nach Lichtenberg ausbreiten.

Investor: „Horrorszenario“

Der US-Investor hat die Befürchtungen der BVG zurückgewiesen. „Das ist ein Horrorszenario, das aufgrund der von uns zugesagten und gemeinsam ausgehandelten Sicherheitsvorkehrungen nicht eintreten wird“, sagte Hines-Geschäftsführer Christoph Reschke. Hines werde Wasserschotts auf der Baustelle einbauen, die die U-Bahn-Tunnel im Ernstfall vor dem Eintritt von Grundwasser schützen. Die Baustelle werde zudem durch tägliche Messungen überwacht. „Wenn es trotz aller Sicherheitsmaßnahmen zu einem Wassereintritt kommen sollte, haben wir einen Baustopp mit der BVG vereinbart“, so Reschke.

Am Alex soll sich das Gesicht Berlins so stark verändern wie sonst nirgendwo in der Stadt. Neun bis zu 150 Meter hohe Wolkenkratzer können dort nach dem überarbeiteten Masterplan des Architekten Hans Kollhoff entstehen. Für zwei Projekte gibt es konkrete Ideen. Eines davon ist das Vorhaben von Hines. Das andere wird vom russischen Investor Monarch vorangetrieben. Danach soll neben dem Einkaufszentrum Alexa ein 150 Meter hoher Wohnturm entstehen. Für diesen liegt eine Baugenehmigung vor. Außerdem plant der Kaufhof einen Turm. Der Eigentümer des Hotels Park Inn, das französische Unternehmen Foncière des Régions, will zwei Hochhäuser errichten. Diese Standorte sollen nicht gefährdet sein.