Berlin - Unter seiner Ägide ist vor rund 20 Jahren die Hochhausplanung für den Alexanderplatz entstanden. Jetzt rückt der frühere Senatsbaudirektor Hans Stimmann davon ab. Er spricht sich dafür aus, die Planung zu modifizieren und niedrigere Häuser zu bauen.

Herr Stimmann, wann waren Sie zuletzt auf dem Alexanderplatz?

Vor ein paar Monaten auf einem Parteitag der SPD in der Kongresshalle. Ich bin aber oft in Mitte unterwegs und steige häufig am Alexanderplatz um.

Und wie wirkt der Platz auf Sie?

Der wirkt so wie alle Orte, die unfertig sind. Damit ist er ein typischer Berliner Platz, denn Berlin ist ja eine Stadt, die sprichwörtlich immer im Werden ist und deswegen nie fertig ist. Wenn jemand einen beispielhaften Ort für diese Entwicklung suchen sollte, etwa ein Filmemacher, würde ich ihm sagen, gehen Sie zum Kulturforum oder zum Alexanderplatz. Für diese Orte gab es zu unterschiedlichen Zeiten weitreichende städtebauliche Pläne für gesellschaftliche Utopien, die dann aber doch nur ein Fragment geblieben sind.

Dabei sollte doch auf dem Alexanderplatz alles viel schöner werden nach der Wiedervereinigung. Warum ist der Alex nicht wie der Potsdamer Platz fertig geworden?

Das liegt eindeutig daran, dass den Eigentümern und Investoren die Luft ausgegangen ist oder genauer gesagt, dass sie sich enorm verschätzt haben in ihren Erwartungen. Ich kann mich gut erinnern an die früheste Phase des Wettbewerbs (1992) zur Neugestaltung des Alexanderplatzes. Die sieben Investoren konnten gar nicht genug Flächen für Büros, Einzelhandel und Hotels bekommen, Wohnungen waren weniger gefragt, die genehmigten Mengen entsprachen also gar nicht so sehr den Vorstellungen des Senats, sondern denen der privaten Unternehmen, zu denen übrigens auch der Verlag Gruner + Jahr zählte (dem damals die Berliner Zeitung gehörte, d. Red.). Der Alexanderplatz hat sich aber auch im Planungsverfahren schwerer getan. Der Bebauungsplan wurde erst im Jahr 2000 festgesetzt, also viel später als am Potsdamer Platz.

Wäre der Alexanderplatz heute schöner, wenn die zehn 150 Meter hohen Turmhäuser stehen würden, die nach dem preisgekrönten Entwurf des Architekten Hans Kollhoff dort gebaut werden können?

Ja. Wäre der Entwurf realisiert worden, wäre die Gestaltung sicher ein weltweit beachtetes Beispiel für Cityentwicklung in Europa, an deren Schönheit sich Planer, Architekten und Touristen ergötzen würden. Wenn ich in anderen Ländern Vorträge über Berliner Architektur halte, dann zeige ich immer die Planung für den Alexanderplatz als ein Beispiel dafür, wie man die Innenstadt gut gestalten kann und dabei kommerzielle Erwartungen und Ansprüche an gut gestaltete öffentliche Räume zusammenbringt. Im Gegensatz zu Shanghai, Hongkong, Dubai oder Moskau mit teils wilden Agglomerationen von Hochhäusern, die auf einem Shoppingcenter stehen und von einer Autobahn umgeben sind. Am Alexanderplatz ist versucht worden, Stadträume zu gestalten. Der Ansatz wird nach wie vor international bewundert.

Am Alexanderplatz gibt es auch ein Shoppingcenter.

Ja, aber im Mittelpunkt steht ein verkehrsfreier Platz. Der ist auch nicht umstellt von Hochhäusern, sondern in der Planung von einer 40 Meter hohen Platzrandbebauung umgeben, aus der die Hochhäuser empor wachsen. Die Hochhäuser kommen zudem nicht als wilde Komposition daher, sondern sie sind alle gleich hoch, alle Architekten müssen sich also in die städtebauliche Disziplin nehmen lassen. Es gibt keinen Triumph eines einzelnen Investors. Es zählt das Ensemble.

Bisher wurde noch keines der Hochhäuser am Alex errichtet. Erst jetzt, nach 20 Jahren, will mit dem US-Unternehmen Hines der erste Grundstückseigentümer einen der Türme bauen. Hatten Sie damit gerechnet, dass es soweit kommt?

Eigentlich habe ich immer damit gerechnet. Und ich rechne auch heute noch damit, dass weitere Hochhäuser kommen. Denn nach der Hängepartie bei der Nachfrage ist zum Beispiel der Hotelmarkt geradezu explodiert. Wenn ich mit meinem Fahrrad durch die Stadt fahre, sehe ich viele Schilder, auf denen zu lesen ist „Hier entsteht ein neues Hotel“. Berlin boomt ja von Touristen und man fragt sich, warum am Alex nicht einer dieser Türme von einem Hotel-Investor gebaut wird. Wahrscheinlich sind die Grundstückspreiserwartungen zu hoch.

Ausgerechnet Hans Kollhoff hat jetzt mit Blick auf die wenig attraktiven Neubauten am Alex, wie dem Einkaufszentrum Alexa und dem Saturn-Gebäude, erklärt, er werde sich am Wettbewerb für das erste Hochhaus nicht beteiligen. Können Sie ihn verstehen?

Ich kann seinen Frust verstehen, natürlich. Das Saturn-Gebäude ist genau das Gegenteil von dem, was er sich vorgestellt hat. Das ist ein typisches Investorenprojekt (Architekten RKW), das jeglichen Kostenaufwand gespart hat. Aber Hans Kollhoff hätte die Chance, ein gutes Wohnhochhaus zu bauen. Deswegen finde ich es schade, dass er sich dem Wettbewerb verweigert.

Was ist denn der Grund dafür, dass das Saturngebäude eine so schlichte Architektur erhalten hat?

Die Entscheidung war Folge aus dem Bebauungsplan. Er sah die Möglichkeit vor, die Realisierung des Sockelgebäudes von dem Hochhausbau zu trennen. Der Grund dafür war das Flächenvolumen: Jeder Block mit Hochhaus hätte 90.000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche. Dadurch, dass die Flächen im Sockelgebäude für Einzelhandel vorgesehen waren und im Turm Büros entstehen sollten, hat sich niemand gefunden, der beides realisieren wollte. Der Senat hat sich deswegen mit den Investoren darauf verständigt, dass Sockelgebäude und Turm isoliert voneinander gebaut werden können. Das war auch vernünftig, auch wenn das Ergebnis höchst fragwürdig ist. Und eines der Beispiele haben Sie genannt: Alexa. Für das Projekt gab es einen Wettbewerb, zu dem auch der Bau eines Hochhauses gehörte. Es wurde nur bis heute nicht gebaut. Deswegen sieht das Shoppingcenter auch so missraten aus, nicht nur wegen der eigenwilligen Farbigkeit. Und so ähnlich ist es mit dem Saturn-Gebäude. Das Saturn-Gebäude ist noch belangloser in seinem Auftritt, weil es so nüchtern ist wie ein Gewerbebau und keine Anstalten macht, dem Platz etwas zu geben. Dieser Eindruck würde aber stark relativiert werden durch den Bau des Hochhauses.

Warum haben Sie beim Bau des Saturn-Gebäudes auf einen Architekturwettbewerb verzichtet?

Es gab zwar keinen Wettbewerb, aber mehrere Entwürfe, die uns von dem Investor Hines vorgelegt wurden. Unter den Entwürfen war der Entwurf von RKW noch der Vernünftigste. Aber das Hauptproblem für den Alexanderplatz besteht darin, dass die Menge an Flächen, die hier geplant wurde, nichts mit der wirklichen Nachfrage zu tun hatte.

Wenn die Planung zu ehrgeizig gewesen ist und eine Bebauung sogar verhindert hat, sollte man dann die Chance jetzt nicht nutzen, um die Planung zu modifizieren?

Ja. Jetzt wäre der richtige Moment. Ich kann mir zum Beispiel eine Absenkung der Hochhaus-Traufhöhe von 150 auf 100 Meter vorstellen, aber es muss dann wieder eine städtebauliche Komposition geben. Wenn man den Bebauungsplan ändern will, muss man ihn allerdings jetzt ändern – schon für das Hines-Projekt. Wenn man Hines 150 Meter bauen lässt, müsste man in dem Sinne weiterbauen, sonst entsteht am Ende ein Wildwuchs à la Dubai.

Wie wäre die Planung zu ändern?

Das Einfachste ist, den Bebauungsplan beizubehalten und nur die Höhe der Häuser und damit die maximale Geschossfläche anzupassen. So könnte die Planung zugunsten einer größeren Realisierungschance mit einer vergleichsweise kleinen Operation verändert werden. Dazu müsste aber eine Konferenz mit allen Eigentümern durchgeführt werden, die ja schließlich städtebauliche Verträge mit dem Senat abgeschlossen haben.

An der Hochhausplanung für den Alex wurde auch kritisiert, dass sie die DDR-Moderne mit dem Fernsehturm zu wenig berücksichtigt.

Der Kollhoff-Entwurf respektiert den DDR-Städtebau durchaus. Er formuliert mit den Hochhäusern nämlich einen städtebaulichen Abschluss für die Karl-Marx-Allee. Die Hochhäuser sind außerdem schon in der alten Planung niedriger als der Fernsehturm. Die Dominanz des Fernsehturms in der Stadtsilhouette bliebe bei einer modifizierten Planung noch mehr erhalten.

Die Fragen stellte Ulrich Paul.