Margret Schulz, eine ältere Dame mit Schirm, steht im überdachten Durchgang zwischen Stadtteilzentrum und Einkaufscenter und wartet auf eine günstige Gelegenheit. Gerade ist der Spandauer Bürgermeister Helmut Kleebank von der SPD gekommen. Petra Sperling vom Stadtteilverein und Christian Porst vom Quartiersmanagement haben ihn schon erwartet. Margret Schulz hat gehört, dass der Bürgermeister an diesem Tag durch ihr Wohnquartier spazieren wird.

Es handelt sich um die Großsiedlung Heerstraße Nord, ein Hochhausviertel am Rande von Spandau mit einem schlechten Image. An diesem Tag ist eine Art Werbefeldzug geplant. Kleemann will einer Autorin der Berliner Zeitung zeigen, dass dieses Quartier auch schöne Seiten hat. Da will Margret Schulz dabei sein. Ein bisschen unsicher steht sie in einiger Entfernung und wartet die Begrüßung ab. Dann tritt sie auf die Gruppe zu und sagt, was sie sich vorgenommen hat: „Es stört mich, dass unsere Siedlung negativ dargestellt wird“.

Es ist ein Satz, der bei den anderen verlegenes Gelächter auslöst. Sofort versichern die Anwesenden, dass sie Margret Schulz nicht bestellt haben, um diesen Satz zu sagen. Denn genau um dasselbe geht es ihnen ja auch. Unter der Schlagzeile „Endstation Heerstraße Nord“ hatte die Berliner Zeitung eine Reportage veröffentlicht. Menschen kamen zu Wort, die Mühe haben, ihre Mieten zu zahlen. Es ging um Hoffnungslosigkeit. Auch in anderen Zeitungen erschienen ähnliche Artikel, denn die Sozialstrukturdaten für den Kiez sind nicht gut: hohe Arbeitslosigkeit, 80 Prozent der Kinder wachsen in Familien auf, die von Arbeitslosengeld leben. Der Spandauer Bürgermeister hatte nach Erscheinen des Artikels in der Redaktion angerufen und für die Siedlung geworben. Der Bezirk habe sich dort mächtig engagiert. Bei einem Spaziergang will er Beispiele zeigen. Das ist die Agenda des Tages.

Früher lebte hier Arm und Reich

Margret Schulz wohnt seit 44 Jahren in einer Wohnung in der Siedlung. 5. Stock, 77 Quadratmeter. Sie hat dort ihre Kinder aufgezogen. Immer in derselben Wohnung. „Es ist ein Viertel, wie überall in Berlin. Früher lebten Arme und Reiche hier, es gab Leute aus der Laube und Familien mit zehn Kindern, aber auch Pensionäre von Siemens und BMW. Diese Mischung gibt es auch in anderen Vierteln jetzt nicht mehr. Warum ist es schlimm, wenn Hartz IV-Empfänger herziehen? Man stigmatisiert diese Leute“, sagt Margret Schulz. Dann verabschiedet sie sich.

„Prima, dann los“, sagt Bürgermeister Helmut Kleebank. Er nimmt den Auftritt der Bewohnerin als gutes Ohmen für den Tag. Kann er gebrauchen, denn es gießt in Strömen und der Beton der Hochhäuser sieht deutlich trister aus als auf der Panorama-Postkarte, die das Quartiersmanagement für die Web-Seite der Großsiedlung anfertigen ließ.

Als erstes geht es in die Stadtteilbibliothek. Helmut Kleebank begrüßt die Leiterin. Gerade ist eine 6. Klasse da, um Bücher auszuleihen. Jeden Vormittag kämen außerdem Kitagruppen, sagt die Bibliothekarin. Dann geht es ins Einkaufszentrum Staaken Center. Helmut Kleebank hat jetzt die Centermanagerin an seiner Seite, die erklärt, dass es 35 Läden gebe, 7000 Quadratmeter Shopfläche und keinen Leerstand, dafür aber Arbeitsplätze für 300 Menschen, auch für Menschen aus dem Viertel.

Die Gruppe stoppt bei dem Geschäft einer Optikerin. Sie sei seit 1975 am Ort, sagt sie. Das Viertel sei keine Endstation. Wenn es so schrecklich wäre, wäre sie weg, sagt sie, aber bevor man sie namentlich zitieren darf, möchte sie die Druckfassung vorgelegt bekommen.