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„Es heißt ja immer, die Schauspielschule sei Wunder wie großartig und hätte so viele berühmte Leute hervorgebracht, ha! Ich sag’ Ihnen was, und da können Sie mich ruhig zitieren: Ich kenne nicht einen von denen!“ Der Abgeordnete Torsten Schneider hat gerade dargelegt, dass er die Mittel für den Ausbau der neuen Ernst-Busch-Schauspielhochschule gestrichen hat, definitiv und unumkehrbar, weil sie auszuufern drohten.

Darüber ist er ein bisschen in Rage geraten. Ich auch: „Na, eine Schauspielerin wie Corinna Harfouch werden Sie schon kennen, Herr Schneider, oder Nina Hoss.“ Schneider bellt zurück: „Nie gehört, diese Namen. Und es stört mich nicht, wenn Sie mich jetzt als Kulturbanausen hinstellen! Ich bin für Finanzen zuständig.“

Die Sekretärin, an deren Apparat das Telefonat letzte Woche stattfindet, staunt. Donnerwetter, der kennt Nina Hoss nicht. Wer war das?

Na, das war Torsten Schneider, finanzpolitischer Sprecher und parlamentarischer Geschäftsführer der SPD. Er lässt seit einiger Zeit im Parlament die Muskeln spielen. Dabei ist er gar nicht schlecht, den Umbau für die Schauspielschule in der Chausseestraße hat er vor einer Woche gestrichen.

Der Ausschuss beschloss, was sein Wortführer Schneider wünschte: kein Geld mehr für die Schauspielschule. Die wollten plötzlich 35 statt wie zunächst geplant 33 Millionen Euro, das war ihm dann alles zu viel. Die Studenten hätten doch ihren bewährten Altbau in Schöneweide, der sei gar nicht marode, der Asbest schön versiegelt, so Schneider. Den könne man sanieren, die anderen drei Standorte herrichten und fertig.

Das war vor einer Woche. Wolfgang Engler, Rektor der Schauspielschule, ist fast vom Stuhl gekippt.

Völlig eingeknickt

Jetzt könnte jemand anderes kippen, vielleicht ein SPD-Parlamentarier aus seiner Position. Der Fraktionschef Raed Saleh und sein ausgeflippter Haushälter Schneider haben dem Rektor am Donnerstag eröffnet, dass alles nicht so gemeint war und so bleibt wie es war. Sie haben einen beispiellosen Sturm im Fraktionsglas angezettelt, einen zweiwöchigen Studentenstreik provoziert, verantworten ein lahmgelegtes Stadtzentrum für die Studentendemonstration, um zum Schluss völlig einzuknicken.

Doch, das ist auch eine Leistung. Nun wird die Schule gebaut wie geplant für 33 Millionen Euro, die Studenten ziehen in die Chausseestraße, machen die größte Party der Stadt, und die Republik hat wieder was zu lachen über Berlin.
Torsten Schneider wird seine Aktion nicht so schnell vergessen. Er ist für die Ernst-Busch-Schauspielschüler inzwischen zu einer griffigen Hass-Figur geworden.

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Ein Riesenplakat mit seinem Konterfei hängt an der künftigen Schule mit der Aufschrift: „MEINS. Dieses Gebäude. Diese Partei. Diese Stadt. Torsten Schneider. SPD“. Das ist so schön gemein! Musste man nicht aber eigentlich den von uns gewählten und bezahlten, also den kompetenten und dem Land auf Ehre und Gewissen verpflichteten Politikern vertrauen, wenn sie so eine Bau-Entscheidung treffen?

Offenbar hat den Studenten das Quartier ja bisher nicht geschadet, wenn diese ganzen Stars von da kommen. Corinna Harfouch, Henry Hübchen von der alten Garde, Karoline Herfurth, Julia Jentsch und Fritzi Haberlandt von den Jüngeren, dazu die verheißungsvollen Talente Ole Lagerpusch, Sandra Hüller.

Und Haushaltsdisziplin ist auch eine Tugend, wir wollen ja keine griechischen Verhältnisse in unserer schönen Stadt mit den griechisch anmutenden Schulden. Es war nicht jedem gleich klar, wer hier eigentlich recht hat, der tapfere und sparsame Herr Schneider, der für die Stadt wegen drohender Verschwendung „den Stecker gezogen“ hat oder die „maßlosen“ Schauspielschüler, die es sich hier in der schönen Berliner Mitte bequem machen wollen.

So eine Schule ist schließlich kein Wunschkonzert. Und deswegen war am Anfang auch nichts Neues geplant. Erst als Gutachten herausbrachten, dass eine Asbestentfernung im Plattenbau und die Sanierung der anderen Standorte teurer kämen als ein Neubau für alle, wählte der Senat vor 15 Jahren die günstigere Variante. Nicht, weil er den Studenten und Professoren zeitraubende Umsteigereien ersparen wollte.

Bis heute ging es nur um Existenzielles, um Asbest, hoch bleihaltiges Wasser, Regen in der Bibliothek, versiffte Duschen. Im Sommer heizen sich die Räume auf 40, 50 Grad auf, Luftschächte sind abgeschaltet wegen der Asbest-Luft. Außer Torsten Schneider bestritt noch niemand den Vorwurf des Maroden. Natürlich investiert keiner mehr in einen Abrissbau. Seit 15 Jahren werden Standorte gesucht, geprüft, geplant und verworfen, fließen Ströme von Geld und Zeit in den Ausguss, während sich für die Studenten nichts ändert.

Versprechen gebrochen

Seit seinem Amtsantritt als Rektor 2005 ist Wolfgang Engler im Hauptberuf Standortplaner und An-Sitzungen-mit-den-vielen-Verwaltungen-Teilnehmer. 2008 zum Beispiel, da war der Umzug in die Pankower Garbaty-Höfe fast perfekt, Architekten hatten für 29 Millionen geplant, die Schule war glücklich, da brach der Senat die Ausschreibung ab.

Ihm war eingefallen, dass er für dasselbe Geld auch noch die Renovierung der Studiobühne bat hätte verlangen können. Unbillig!, rügt ein Gericht und verurteilt Berlin zu 1,2 Millionen Euro Schadenersatz für die Architekten, aus dem Steuertopf. Schämt sich einer für die Verschwendungen?

Nein. Die Verwaltungen prüfen neue Standorte, bis 2009 endlich der Umbau der alten Opern-Werkstätten in der Chausseestraße ins Auge gefasst wird. Alles auf Anfang. Neue Planung, neue Vorfreude, neue Streichung: 2010/11 fliegt die Schule aus dem Haushaltsplan. Das Geld wird woanders gebraucht.

Aber 2012, so das heilige Versprechen der Politik, da geht es los. Ehrenwort. Bis der Haushälter Schneider im Mai 2012 die Bühne betritt und sagt, dass er sich das nicht bieten lässt. Die Kosten seien ja inzwischen von 33 auf 35 Millionen gestiegen! Wer so gefräßig ist, bekommt zur Strafe nichts, nicht 33 Millionen, nicht 35, nur einen Rest für die Planung in Schöneweide. Schneider verbreitet süffisant, der Beschluss sei unverrückbar. Das war letzte Woche.

Drei Tage später läuft Schneider die Friedrichstraße herunter, er trägt einen mit Torte bekleckerten dunklen Anzug und pöbelt Leute auf der Straße an. Er spricht etwas wirr, aber die Passanten hören zu: „Schneider mein Name. Jetzt gucken Sie sich die Leute hier an, die wollen eine neue Schauspielschule. Ja, was denn noch alles? Wo leben wir denn, dass hier jeder alles fordern kann? Alle Kommunisten, oder was?!

An die Stelle kommt aber ein Hotel. Denn was sind 120 Schauspielschüler gegen 400 Hotelmitarbeiter! Wir haben nur 14.000 Hotels in der Stadt, wir brauchen mehr, mehr!“ Dann läuft er weiter. Dieser zornige Torsten Schneider wird hier gespielt von einem „Busch“-Studenten.

Die Studenten verlassen gerade ihr Protestcamp an der Chausseestraße neben der künftigen Schule. Tagelang haben sie hier in Zelten gehaust, jetzt müssen sie weg und ziehen in einem kleinen donnernden Demonstrationszug durch die Friedrichstraße über die Linden, in ihr neues Lager im bat.

Sie besetzen ihre Studiobühne. Sie streiken. Sie wollen sich nicht mehr herumschubsen lassen. Nie in den 15 Jahren hat sich die Schule zur Wehr gesetzt gegen die Zumutungen der Politik. Der Rektor gab bissige Kommentare nach den Niederlagen, ein paar berühmte Schauspieler protestierten. Aber dass eine Künstlerschule mit 170 Studenten geschlossen in den Streik tritt, das ist neu.

Und was für eine Demonstration! Kein Gelatsche mit bitteren Minen und kreischenden Pfeifen, sondern heitere Performances mit Trommeln und Musik, in der Studenten als Anzugträger, Sportler, Bauarbeiter und Ausgeflippte ihre Losungen und Forderungen singen, deklamieren und tanzen.

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