Hochwassersperrung wird aufgehoben: Zügig in den Westen

Berlin - Jan Heimrich gibt Gas. Röhrend nehmen die Dieselmotoren eine Steigung. Der enge Führerstand vibriert, und plötzlich hat man das Gefühl, dass es dort noch etwas wärmer wird. Heimrich findet das gut. „Das ist ein ganz anderes Fahrgefühl“, schwärmt der Lokführer. Doch der 44-jährige Berliner, der sonst Elektroloks fährt, wird dieses Gefühl nun erst einmal nicht mehr erleben können.

Denn der Diesel-Intercity, den er von Berlin in Richtung Westen steuerte, fuhr am Freitag zum letzten Mal. Der Zug mit dem markanten Dieselsound war als Ersatz für die ICE-Züge gedacht, mit denen Pendler morgens zur Arbeit nach Wolfsburg reisten – bis das Elbe-Hochwasser die Trasse im Juni unterbrach. Am Montag wird die ICE-Strecke wieder eröffnet. Das ist schade für Jan Heimrich, aber gut für Berliner wie Bernd Müller. Er ist einer von vielen hundert VW-Pendlern, die unter der Sperrung litten.

„Ich bin froh, dass es endlich vorbei ist“, sagt er. „Ich freue mich, wenn ich wie früher nur noch 50 Minuten unterwegs bin und nicht zwei Stunden pro Weg wie zuletzt.“ Der 45-Jährige ist einer der wenigen an Bord, die wach sind. Er steht im letzten Wagen, hört Musik und schaut hinaus ins Havelland, das der Intercity gegen sieben Uhr früh mit Tempo 140 durchquert. Die meisten Fahrgäste, Volkswagen-Mitarbeiter wie Bernd Müller, sind gleich nach der Abfahrt in Berlin eingeschlafen.

Bahnfans klauten Schilder

Einige haben einen Schal vor den Augen verknotet oder eine Schlafbrille aufgesetzt. Andere haben sich das Ticket offen vor den Bauch gehängt, damit die Zugbegleiter sie nicht aufwecken müssen. Am schlimmsten waren die ersten Wochen, als es keine durchgehenden Züge mehr gab, erzählt Müller. „Ich habe bei Kollegen oder in der Wolfsburger Jugendherberge übernachtet. Es ist nicht schön, wenn man nicht in seinem eigenen Bett schlafen kann und keine eigene Küche hat. Wenn es abends meist nur Döner am Imbiss gibt.“ Autofahren war keine Alternative: „Auf der A 2 ist man lange unterwegs.“

„Es gab auch Kollegen, die in einer Kaserne übernachtet haben, in Mehrbettzimmern“, sagt Müller. Denn die Not war groß: „Hotelzimmer waren kaum noch zu kriegen, Wolfsburg war total ausgebucht.“ Auf die Bahn ist er nicht böse. Im Gegenteil: „Wir waren froh über diesen Zug.“ Den Direktzug, der am 9. September erstmals gefahren ist: morgens von Berlin über Wolfsburg nach Hannover, nachmittags zurück. Die ICE-Strecke war noch unterbrochen, doch die sogenannte Stammstrecke, die Dieselzugtrasse nebenan, ging wieder auf. „Wir hatten uns mit DB Fernverkehr zusammengesetzt und nachgedacht, was wir für die Pendler tun können“, sagt Lars Heider von DB Regio, der am Freitag mitreist. Heraus kam die Idee zu einem ungewöhnlichen Zug: ein Intercity mit zwei Dieselloks – eine vorn, eine hinten.

In zehn Tagen war alles perfekt. Die Loks wurden in Kempten, Kiel und im niederbayerischen Mühldorf zusammengesammelt, mit den Wagen waren Kreuzfahrttouristen von Warnemünde nach Berlin gefahren. Die Pendler waren begeistert. „Nach zwei Wochen mussten wir einen siebten Wagen anhängen“, erzählt Zugbegleiter Thomas Stahlberg. „Von den 360 Sitzplätzen in der zweiten Klasse waren im Schnitt 330 besetzt.“ Er hat gern im „Stammstrecken-Shuttle“ gearbeitet: „Es ist so ruhig hier.“ Auch Bahnfans schätzten den Zug: „Gleich am ersten Tag wurden fast alle Zuglaufschilder geklaut.“ Die DB-Leute ließen sie nachdrucken und boten sie im Zug an – für fünf Euro, die gespendet werden. Bei der letzten Fahrt werden mehr als 20 gekauft.

Am Freitag kommt der Shuttle fünf Minuten zu früh in Wolfsburg an. Rund 200 Pendler steigen aus. Am Montag beginnt der Alltag auf der ICE-Strecke wieder. „Endlich“, sagt Bernd Müller. Nicht nur er.