Vor ein paar Wochen war Muttertag. Schon bei dem Wort rollen sich modernen Müttern (und Vätern) die Zehennägel auf. Am Muttertag sollen Frauen für ihre Lebensleistung als Mütter belohnt werden. Da soll Mutti dann mal die Füße hochlegen und sich umsorgen lassen, so alle fünf gerade sein lassen, verwöhnt von Vati und den Lieben.

Das kommt Ihnen anachronistisch vor? Das ist es, ein komplett aus der Zeit gefallenes Verehrungsritual der Frau als Gebärender, das seinen Ursprung in der heutigen Form übrigens nicht – wie so oft vermutet – im Nationalsozialismus hat, sondern in den Vereinigten Staaten, genauer gesagt im Methodismus.

Was ist das denn bitte für ein Frauenbild?

Bis heute wird der Muttertag gefeiert, sehr zur Freude der Blumenindustrie und der Pralinenhersteller. Und allem Feminismus zum Trotz, wie es in der taz schon vor Jahren so treffend beschrieben wurde.

Heute aber ist wieder mal Vatertag. Also das Pendant zum Muttertag, könnte man meinen. Ein irgendwie steinzeitartig anmutender Brauch, zu dem viele Männer besoffen durch das Stadtbild wanken, eine Herrenpartie nennt man das dann. Wer’s besonders rustikal oder volkstümlich mag, der zieht einen Bollerwagen mit Bierpullen darin hinter sich her, kotzt in den Busch und benimmt sich auch ansonsten wie eine offene Hose.

Aber was wird da eigentlich gefeiert? Die Lebensleistung als Erzeuger? Als Mann? Nein, es geht beim Vatertag um rein gar nichts, außer um eine seltsame Abwesenheit von Frauen. Deswegen sagen die meisten, die ihn feiern, eh lieber: Herrentag.

Was begießt Mann also da? Dass die nervige Alte mal nicht mit dabei ist, während Vati es so richtig krachen lässt? Welche Art von Frauenbild wird da transportiert, wenn sich das männliche Geschlecht an einem Tag mal so richtig auf die Schulter klopfen darf dafür, dass es an den anderen 364 Tagen des Jahres das weibliche Geschlecht heldenhaft erträgt?

Echt jetzt? Gibt es wirklich irgendeinen Mann, der das im Jahr 2022 so sieht?

Am Herrentag wird in Berlin möglichst schon in der Früh so viel gesoffen, dass spätestens um elf ein leichter Geruch nach Erbrochenem durch die U-Bahn weht. Aber dafür braucht man in Berlin nun wirklich keinen besonderen Anlass. Berlin ist schließlich eine Stadt, in der Hedonismus und Feierfreude sicherlich nicht unterrepräsentiert sind. Jede Gruppierung, jede Subkultur und Neigungsgruppe hat hier ihren Raum für Feierlichkeiten jeglicher Art. Das ist, was diese Stadt ausmacht. Was sie lebenswert macht.

Der Herrentag aber, dieses kollektive Besäufnis im öffentlichen Raum, wirkt im Ganzen so rückschrittig und in ihrer protzigen auf den Mann ausgerichteten Fixierung zugleich so altbacken, dass man den Herrentag nur als eine toxische Sause ohne jeglichen Mehrwert betrachten muss. Und dafür muss man gar nicht besonders „woke“ oder spaßfeindlich sein.