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Das diesjährige Hoffest des Regierenden Bürgermeisters, zu dem am Dienstagabend in die Innenhöfe des Roten Rathauses geladen war, dürfte mal wieder die Langweilerfraktion gestärkt haben. Jene mental mausgrauen Leute in Verwaltungen und Firmen, die sich vor jeder Originalität scheuen, weil man damit ja anecken könnte. Oder weil man sich vielleicht sogar lächerlich macht, wie diesmal geschehen. Zum Hoffest 2012 wurde nämlich ganz originell eingeladen: In Anspielung auf die ursprünglich neun Tage zuvor geplante Einweihung des Großflughafens BER hatte jeder der etwa 3 500 Gäste eine Bordkarte als Eintrittskarte zum Fest zugeschickt bekommen.

Gleich am Anfang auf die Begleitmusik von der anderen Seite des Zaunes angesprochen – dort riefen Protestierer gegen den Fluglärm „Lügenpack, Lügenpack!“ - drehte Gastgeber Klaus Wowereit dem Frager wortlos den Rücken zu. Sorgen, er habe geschockt von den Protesten die Sprache verloren, zerstreute er direkt danach bei seinem Rundgang von Sponsorenstand zu Sponsorenstand. Er konnte plötzlich wieder hören und sprechen. Und versuchte es dann bei seiner Eröffnungsrede mit einem betont lässigen Kommentar zur Bordkartenpeinlichkeit: „Dumm gelaufen, sagt der Berliner!“

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Die Mitglieder der Bürgerinitiative Friedrichshagen, die seit Monaten kreativ gegen den Fluglärm des kommenden Großflughafens kämpft, machten ihm zu schaffen. Das Hoffest war von den Protestierern umzingelt, man hörte Sprechchöre und Trillerpfeifen überall. Wowereit nervte das: „Man will für sich selber Ruhe haben und kommt mit Pfeifen.“

Die Reaktion der Gäste auf die Protestierer („Wir sind hier und wir sind laut, weil man uns die Ruhe klaut!“) fiel positiv bis reserviert aus. Jochen Trus, Morgenmoderator und Programmdirektor von Spreeradio, ordnete die Aktion international ein: „Gut, dass man hier so laut demonstrieren kann. Anders als in Moskau.“ Schlagersänger Bernhard Brink hatte Verständnis: „Damit muss man leben, dass die Leute sauer sind.“ Filmproduzentin Regina Ziegler scheint Proteste spannend zu finden: „Es ist was in Bewegung in der Stadt.“ SPD-Rentner Walter Momper erinnerte daran, dass Demonstrieren „ein bekanntes Bürgerrecht“ ist: „Mich stört das nicht.“ Und seine Frau Anne schob hinterher: „Wir waren immer für Sperenberg!“

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Alexander Kraus, der Vorsitzende des Bundes der Steuerzahler Berlin, bemängelte am Dienstag, dass 89.000 Euro für das Hoffest von Firmen wie der BVG, der BSR und den Berliner Wasserbetrieben gezahlt wurden, an denen die Stadt beteiligt ist. Bei solchen „kommunalen Monopolunternehmen der staatlichen Daseinsvorsorge“ sieht Kraus keinen glaubwürdigen Werbenutzen. Außerdem kann man in diesem Zusammenhang wohl auch nicht mehr davon sprechen, dass der Steuerzahler keinen Euro zum Fest zuzahlen müsse, wie Wowereit das gern betont.

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Für den Sänger Dirk Zöllner war der Abend des Hoffestes sein letzter mit 49 Jahren. Er sang schon vor der Eröffnungsrede, anschließend ging es in flotter Fahrt zum Buchlokal in der Pankower Ossietzkystraße. Dort las er aus seinen kürzlich erschienenen Memoiren „Die fernen Inseln des Glücks“ und sang dazu einige seiner Lieder. Bis zum großen Jubiläumskonzert „25 Jahre Die Zöllner“ und „50 Jahre Dirk Zöllner“ am Freitag im Postbahnhof hat er dann ausreichend Zeit zur Erholung. Man steckt den ganzen Stress und die geistigen Getränke ja nicht mehr so einfach weg wie mit 20.

Voriges Jahr kam Renate Künast mitten im demoskopischen Hoch der Grünen zum Hoffest und sah sich schon mal das Rathaus an, aus dem sie Wowereit im September vertreiben wollte. Daraus wurde nichts. Diesmal hatte Renate Künast eine erstklassige Ausrede, warum sie am Ort ihrer Schmach nur kurz verweilen konnte: Die Kreismitgliederversammlung der Grünen von Steglitz-Zehlendorf wartete auf sie.