Geladen war er als Gast für eine Debatte über den neuesten Wohnmarktreport, doch der Baustadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg Florian Schmidt (Grüne) nutzte den Auftritt am Mittwoch für einen überraschenden politischen Vorstoß. Sein Ziel sei, dass von den Wohnungen in Berlin jede zweite am Gemeinwohl orientiert bewirtschaftet werde, sagte Schmidt. Etwa durch landeseigene Unternehmen, Genossenschaften und Stiftungen. Dadurch sollten die Wohnungen der Spekulation entzogen werden.

Berlin brauche „einen Masterplan 50 Prozent“, der den Weg dahin beschreibe, sagte Schmidt. Der Masterplan sollte noch in dieser Legislaturperiode erarbeitet werden. Von den rund 1,9 Millionen Wohnungen in Berlin werden zurzeit etwas mehr als ein Viertel von den landeseigenen Wohnungsunternehmen und den Genossenschaften bewirtschaftet. Der Anteil müsste also fast verdoppelt werden.

Friedrichshain-Kreuzberg als erster Bezirk mit Hochhaus-Leitbild für Wohnungsbau

Der Grünen-Stadtrat sagte außerdem, dass er den Bau höherer Häuser unterstütze, um Freiräume zu erhalten. Als erster Bezirk habe Friedrichshain-Kreuzberg ein Hochhaus-Leitbild verabschiedet. Bei strikten Vorgaben für den Bau gemeinwohlorientierter Wohnungen ließen sich seiner Einschätzung nach auch „Flächen-Ressourcen am Tempelhofer Feld aktivieren“, sagte der Stadtrat – und überraschte damit ein weiteres Mal. Denn bislang lehnen die Grünen eine Bebauung der Ränder des Tempelhofer Feldes ab. Schmidt sagte, er sei Mitglied einer Genossenschaft gewesen, die einst den Tempelhofer Teil des Areals habe bebauen sollen.

Das Projekt sei mit dem Volksentscheid von 2014 gegen die Bebauung aber gestorben. „Ich trauere dem sehr hinterher“, sagte Schmidt. Der Berliner Mieterverein (BMV) unterstützt Schmidts Forderung nach einem Masterplan. „Es geht darum, nach Wiener Vorbild mittelfristig die Hälfte des Berliner Mietwohnungsbestandes gemeinwohlorientiert zu bekommen“, sagte BMV-Geschäftsführer Reiner Wild. „Ohne die Unterstützung vom Bund wird dies jedoch schwierig.“

Durchschnittswert 2018: 10,34 Euro je Quadratmeter in Berlin

Zuvor waren die aktuellsten Zahlen über die Mietentwicklung in Berlin präsentiert worden – aus dem Wohnmarktreport Berlin 2019, den die Bank Berlin Hyp und das Maklerhaus CBRE veröffentlicht haben. Wer in Berlin im vergangenen Jahr eine neue Wohnung gesucht hat, sollte danach 10,34 Euro je Quadratmeter im Schnitt zahlen. Die Angebotsmieten lagen damit um 5,6 Prozent höher als noch 2017. „Auch wenn sich das Mietpreiswachstum in Berlin ein wenig verlangsamt hat, ist darin kein Trend zu erkennen“, sagte Gero Bergmann, Vorstandsmitglied der Berlin Hyp.

Der Anstieg entspreche dem von 2016. Ausgewertet wurden für die Untersuchung mehr als 40.000 Mietangebote aus den ersten drei Quartalen des vergangenen Jahres. Die Angebote wurden auf 190 Postleitzahlgebiete der Stadt berechnet und liefern damit einen genauen Überblick darüber, wie teuer welche Gebiete sind.

Friedrichshain-Kreuzberg mit höchster Steigerung

Am teuersten waren Wohnungen in den drei Innenstadt-Bezirken Charlottenburg-Wilmersdorf, Friedrichshain-Kreuzberg und Mitte. Hier haben die Mittelwerte der Angebotsmieten die Schwelle von zwölf Euro pro Quadratmeter erreicht (Charlottenburg-Wilmersdorf) beziehungsweise überschritten.

Friedrichshain-Kreuzberg verzeichnete mit einem Sprung der Angebotsmieten auf 12,99 Euro je Quadratmeter absolut wie prozentual (plus 9,1 Prozent) die höchste Steigerung, was ein Hinweis auf drohende Verdrängung von Haushalten mit niedrigen Einkommen ist, die es dort noch in hoher Zahl gibt. In Mitte wurden Wohnungen im Schnitt für 12,50 Euro je Quadratmeter offeriert – das teuerste Zehntel der Angebote erreichte dort erstmals in Berlin sogar die 20-Euro-Marke je Quadratmeter. Lichtenberg ist der einzige Bezirk, in dem die Mieten beim günstigsten Zehntel der angebotenen Wohnungen gegenüber dem Vorjahr leicht gesunken sind – um 0,8 Prozent auf nun 6,20 Euro je Quadratmeter.

Spandau und Marzahn-Hellersdorf am günstigsten

Die niedrigsten Mietforderungen gab es wie in den Vorjahren in Spandau und in Marzahn-Hellersdorf. Beide waren auch die einzigen Bezirke, bei denen Wohnungen im unteren Zehntel der Preisangebote für Mieten unter 6 Euro je Quadratmeter zu haben waren. Die Angebotspreise für Eigentumswohnungen stiegen mit einem Plus von 12 Prozent auf 4150 Euro je Quadratmeter.
Rekord beim Neubau

Einen „Rekordwert“ vermeldet der Bericht beim Wohnungsbau. Mit Stand vom Oktober 2018 befanden sich demnach etwa 42 900 Wohnungen entweder in Bau oder in der konkreten Planung – 25 Prozent mehr als im Jahr davor. „Die Wohnbauaktivität hat sich gesteigert – ein gutes Zeichen für den Wohnungsmarkt“, sagte CBRE-Experte Michael Schlatterer. Dies reiche aber noch nicht aus, „um der hohen Nachfrage gerecht zu werden“.

Stadtrat Schmidt sagte, der Druck auf Berlin werde anhalten. Neben dem Schutz der Mieter in bestehenden Wohnungen gehe es darum, neu zu bauen „Wir sind für Neubau, aber auf unsere Art und Weise“, stellte der Stadtrat dabei klar. Nötig seien preiswerte Wohnungen. Der Mieterverein bezeichnete den Mietenanstieg „trotz Mietpreisbremse und Anstieg der Baufertigstellungen“ als dramatisch. Berlin tue zu wenig für den sozialen Wohnungsneubau.