Berlin - Ein Tiergehege? Und ein offenes Tor? – Nichts wie hinein! „Vorsicht“, bremst Schäfer Matthias Breutel die Besucher, „wir befinden uns auf einer Weide.“ Tatsächlich – da im Gras liegt ein Kuhfladen, und dort, ach Gott, da liegt ja noch einer. Was für ein Wunder, dass noch niemand hineingetreten ist…

Das Staunen ist groß unter den Besuchern des umzäunten Geländes am nördlichen Zipfel von Hohenschönhausen. Gleich dort, wo die Plattenbauten enden, die Straßenbahn an der Zingster Straße ihre Wendeschleife hat und erstmal nichts weiter kommt als Natur, liegen seit ein paar Tagen jede Menge Kuhfladen. Die Brache kurz vor dem Malchower See gehört nun den Rindern. Genauer gesagt: acht schottischen Hochlandrindern. Die sind klein, haben ein braunes Zottelfell und überraschend spitze Hörner.

Schafe in Herzberge

„Wir sind ihre neuen Nachbarn“, verkündet ein Schild an einem Häuschen neben der Tram-Endhaltestelle. Die Hochlandrinder, so ist dort zu lesen, sollen auf der Brache Landschaftspflege betreiben. „Das Gelände wurde viele Jahre lang nicht bewirtschaftet“, erklärt Simone Koppehel von der „Agrarbörse“. Der kleine Verein, der sich auch um die Pflege des Landschaftsparks Herzberge in Lichtenberg kümmert und dort Schafe zur Pflege einsetzt, hat deshalb Hochlandrinder nach Hohenschönhausen gebracht: fünf ausgewachsene Tiere und drei Kälbchen. Sie sollen der Sukzession entgegenwirken – der Verbuschung von Brachland.

Entstanden ist die Idee in Zusammenarbeit mit dem Natur- und Umweltamt des Bezirks Lichtenberg. Um die große Brache auf Dauer begehbar zu halten, müsste aufwendige und teure Flächenpflege betrieben werden, erklärt Simone Koppehel. Stattdessen sollen nun die Rinder ran. Seit Juni sind die Tiere da, zusätzlich zum natürlichen Nahrungsangebot erhalten sie alle zwei bis drei Tage 1 000 Liter Wasser. Schäfer Matthias Breutel schaut als Projektbetreuer regelmäßig nach den acht Wiederkäuern. „Ich kümmere mich um ihre Gesundheitskontrolle, bringe ihnen Wasser und kontrolliere den Zaun.“

Mangelnde Information

Für die Anwohner markiert der Zaun aber nicht nur den Beginn einer neuen Weide, sondern auch das Ende ihres Hundeauslaufgebietes. 30 Jahre lang habe sich niemand um die Brache gekümmert, erzählt eine Anwohnerin, das Gelände sei einfach zugewuchert. Das Wohngebiet mit seinen vielen Elfgeschossern sei dicht besiedelt, Hundehalter hätten das Gebiet viele Jahre für die Hunde genutzt. Dann, um den Jahreswechsel, habe plötzlich ein Zaun dagestanden. Dann wurden ein paar Gehölze geschnitten, die Wiese gemäht und ein hölzerner Unterstand gebaut. Um was es geht, hätten die Anwohner erst jetzt erfahren. All das trägt die Frau freundlich vor, aber es ist nicht zu überhören: Eine gezielte Information der Anwohner hätte auch nicht geschadet.

Zur großen Freude der Naturschützer wurden nun auf dem Gelände auch noch Zauneidechsen entdeckt – eine besonders bedrohte Tierart. Rund 500 Tiere gibt es dort, schätzt Simone Koppehel. Dass nun die Rinder dort weiden, sei ideal, sagt sie. So entstünden besonnte Bereiche. „Und das brauchen die Zauneidechsen, sonst verschwinden sie wieder.“