Niemand hat den Blick auf die deutsche und europäische Geschichte zuletzt so sehr erweitert wie der britisch-australische Historiker Christopher Clark. Mit seinen Arbeiten über die Hohenzollern-Dynastie und die über 400-jährige Geschichte Preußens hat er den eindimensionalen Vorstellungen vom knöchernen Militarismus ein differenziertes Gesamtbild entgegengestellt. Und mit seinem Buch „Die Schlafwandler“ über die Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs hat er der oft behaupteten Zwangsläufigkeit widersprochen, in der Deutschland als Hauptschuldiger gezielt auf die Kriegskatastrophe zugesteuert sei.

Vielmehr schildert Christopher Clark eine vertrackte Gemengelage, aus der man auf europäischer Ebene auch wieder hätte herausfinden können. Viele haben ihm deshalb vorgeworfen, er verkläre die Geschichte und sein enormer Publikumserfolg beruhe vor allem auf dem psychologischen Effekt, die Deutschen mit dieser gefälligen, äußerst elegant geschriebenen Darstellung von ihrer historischen Schuld entlasten zu wollen. Im Widerstreit mit anderen Historikern hat Clark jedoch nicht zuletzt deutlich gemacht, dass es keinen ein für alle Mal gesicherten Blick auf geschichtliche Ereignisse geben kann und auch nicht geben sollte.

Deutungshoheit über eine wichtige Phase der deutschen Geschichte

So gesehen geht es bei den Ansprüchen, die die Erben der Hohenzollern-Dynastie gegenüber der Bundesregierung sowie den Ländern Brandenburg und Berlin stellen, nicht nur um Kunst und das Wohnrecht im Potsdamer Schloss Cecilienhof, sondern um die Deutungshoheit über eine wichtige Phase der deutschen Geschichte und die einst so mächtige Familie. Aber soll die nun durch Gerichte manifestiert werden? Das jedenfalls findet Brandenburgs Finanzminister Christian Görke (Die Linke). Er strebt an, die Fortführung eines derzeit ruhenden Verfahrens beim Verwaltungsgericht Potsdam zu beantragen.

Görke hat die Hohenzollern aufgefordert, eine Klage auf Entschädigung über 1,2 Millionen Euro gegen das Land Brandenburg zurückzuziehen und das öffentlichkeitswirksam mit einer nun abgelaufenen Frist verknüpft. Das Veto war unter anderem mit NS-Verstrickungen von Kronprinz Wilhelm begründet worden. Das Gericht soll also nun ganz ausdrücklich über geschichtspolitische Zusammenhänge befinden.

Monika Grütters hofft auf einvernehmliche Lösung

Der brandenburgische Finanzminister handelt dabei zweifellos im Sinne seines Landeshaushalts, aber sein Handeln ist wohl auch beseelt von der Vorstellung, eine günstige Gelegenheit zu ergreifen. Seit Bekanntwerden der umfangreichen Ansprüche der Hohenzollern-Familie auf Kunst und Immobilien aus staatlichen Kulturbesitz ist das Image des Hauses in der Öffentlichkeit derart ramponiert, dass der Moment passend scheint, die lange auf Eis liegende Angelegenheit juristisch voranzutreiben.

Während Kulturstaatsministerin Monika Grütters als Vertreterin der Bundesregierung in den Verhandlungen mit den Hohenzollern weiterhin auf einvernehmliche Lösungen setzt, um langwierige juristische Auseinandersetzungen zu vermeiden, hofft der linke Finanzminister Brandenburgs auf das Ineinanderfließen von öffentlicher Stimmung und einer gerichtlichen Entscheidung. In anderen Zusammenhängen wird solch ein Vorgehen auch schon einmal populistisch genannt.

Es kommt auf die gesellschaftliche Verantwortung an

So befremdlich die Forderungen der Hohenzollern auch sein mögen, geht es dabei doch auch um die Frage, was Preußen war und welche Rolle das einstige Königs- und Kaiserhaus darin spielte. Darüber muss gestritten werden, und man sollte die Hohenzollern, deren kulturelles und soziales Engagement zuletzt nicht sonderlich aufgefallen ist, nicht aus ihrer historischen Verantwortung entlassen.

Bei der Auseinandersetzung um die zum Teil skurrilen Forderungen kommt es aber auch auf eine gesellschaftliche Verantwortung an, die nicht den Gerichten abgetreten werden kann.

Was Geschichte ist und wie sie bewertet wird, sollte vor allem aus den Deutungsangeboten einer Geschichtsschreibung erfolgen, die sich in der öffentlichen Debatte bewähren müssen. Fortsetzung folgt.