Berlin - Vor einigen Tagen erzählte ich an dieser Stelle, welche Streiche in alten Druckereien mitunter gespielt wurden, als es noch den Bleisatz gab, wie einst auch in der Berliner Zeitung. Neue Schriftsetzer-Lehrlinge sollten zum Beispiel tief zwischen die Reihen der Metall-Lettern schauen und nach „Bleiläusen“ suchen. „Mich haben die Lehrmeister am ersten Tag zur Materialausgabe geschickt, um eine Tüte Rasterpunkte zu besorgen“, hat mir daraufhin eine Kollegin geschrieben, die einst auch in einer Druckerei lernte.

Eine Tüte Rasterpunkte, haha! Das würde heute einem Sack Pixel entsprechen. Natürlich war das Hallo der Älteren und Erfahreneren einst groß, wenn ein Lehrling solch einem Neulingsstreich zum Opfer gefallen war. Obwohl er ja nicht viel dafür konnte, so frisch und unbeleckt er noch war.

Der Stolz mancher Arbeitswelten schien einst darauf beruht zu haben, dass man mit seinen „Skills“, wie es heute neudeutsch heißt, anderen einen Streich spielen konnte, wozu man heute in der Internetwelt „Prank“ sagt. Aber, was bedeutet hier: einst? Offenbar gibt es so etwas in vielen Berufen, die nicht ausgestorben sind, immer noch. Man glaubt es kaum. Etwa 450 Beispiele für solche Streiche finden sich im Internet unter dem Begriff „Ausbildungsinitiationsriten“. Außerdem gibt es eine Menge verstreuter kleiner Erlebnisberichte.

„Nimm dir einen Eimer und geh Laub sammeln, wir machen Blätterteig“, fordert ein Bäcker seine Lehrlinge auf. „Ich musste quer durch den Ort laufen, um Farbe für Forelle blau zu holen“, berichtet ein einstiger Koch-Lehrling. Und eine Medizinerin erzählt: „Ein Kollege von mir schickt gerne seine Krankenpflegeschüler einen Rahmen fürs Blutbild holen oder einen Eimer Sauerstoff!“ Na, solange Raum für solche Dinge ist, scheint es den Leuten ja bestens zu gehen.

In den vielen Beispielen werden Büro-Azubis losgeschickt, um ein „Steuerhinterziehungsformular“, eine „Bilanzschnur“ oder eine „Kontenschere“ zu besorgen. Handwerks-Azubis müssen „180-Grad-Winkel“, „neue Luftblasen für die Wasserwaage“, „Kurvenbohrer“ oder „Winterreifen für den Hubwagen“ holen. Den Labor-Azubi schickt man nach der „Atompinzette“, nach Chemikalien wie „Ibindum“ oder nach „Futter für Rührfische“, die in Wirklichkeit Magnetrührstäbe sind.

Ich hatte gedacht, dass solche Dinge im Entschwinden begriffen sind, weil es oft gar keine Lehrberufe mehr gibt. Viele junge Leute machen doch heute „irgendwas mit Medien“ oder „irgendwas mit Computern“. Jedoch im hochmodernen Büro kann man ja nicht mal mehr jemandem sagen: „Das Faxpapier im Nebenraum ist alle. Fax doch mal bitte ein paar Blätter rüber!“

Und wenn ich als Chef einem der jungen Computer-Nerds sagen würde: „Hol doch mal ’nen Beutel Bits – schön zugebunden, damit sie nicht raushopsen“ – dann bekäme ich sicher nur einen irritierten Blick, der besagt: Alter, du bist aber schräg drauf! Ich glaube, du hast keine Hobbys! Denn für blöde Scherze alter weißer Männer ist die heutige Jugend nur schwer zu begeistern.