Berlin - Haltet Ordnung und Sauberkeit“, steht auf einem Schild vor dem Seminarraum 003 des Instituts für Sozialwissenschaft der Humboldt-Universität (HU). Es ist Tag zwei der Besetzung des Gebäudes. Drinnen tagen am Donnerstagvormittag die Besetzer – eigentlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Aber die Tür steht offen. Gut 100 Studierende mögen in dem Raum im Erdgeschoss zusammengekommen sein.

Viele haben die Nacht in dem Gebäude verbracht und bis zum Morgen diskutiert. Jetzt beraten sie zwei Stunden lang, wie es weitergehen soll. Nachdem am Mittwoch HU-Präsidentin Sabine Kunst dem kurzzeitigen Staatssekretär und Soziologen Andrej Holm arglistige Täuschung vorgeworfen und ihn als wissenschaftlichen Mitarbeiter entlassen hatte, waren die Proteste spontan aufgeflammt. Langsam gewinnen sie so etwas wie Struktur. Teams werden gebildet, Flyer verteilt, die nächsten Schritte abgesprochen und Solidaritätsadressen von Studentenvertretungen anderer Hochschulen verlesen.

Ist Karl wirklich Karl?

Die Studierenden bekräftigen ihre Forderungen: Die Uni-Führung soll die Entlassung Holms zurücknehmen oder wenn das nicht möglich sei, eine neue unbefristete Stelle im Bereich „Stadt- und Regionalsoziologie“ schaffen. Ihren Protest wollen sie unbefristet fortsetzen.

Karl gehört zum Presseteam. Die Besetzer haben abgesprochen, dass in Gesprächen mit den Medien niemand seinen Familiennamen nennt, sagt er. Viele andere reden nur, wenn ihnen Anonymität zugesichert wird. Sie fürchten Restriktionen der Uni-Leitung, auch wenn die zugesichert hat, den Protest zu respektieren.

Selbst ob Karl wirklich Karl heißt, ist eher fraglich. Er hat bei Holm Module belegt, wie es heute heißt. „Der war sehr offen, sympathisch, wenig autoritär und fachlich extrem kompetent“, sagt Karl. Zu der mit Holm verbundenen Stasi-Diskussion will er zunächst nichts sagen. „Wir haben noch nicht entschieden, wie wir uns als Gruppe dazu verhalten“, weicht er zunächst aus. Dann sagt Karl aber doch, was er persönlich über diesen Aspekt denkt: Er sei für eine angemessene Aufarbeitung der Stasi-Vergangenheit, aber hier sei eine eindeutig politische Entscheidung getroffen worden.„Die Entscheidung der Präsidentin steht. Wir erwarten nun die Stellungnahme des Personalrates“

„Die Entscheidung der Präsidentin steht“

Holm sei nah an den Studierenden gewesen, habe sich für sie eingesetzt, sagt eine Kommilitonin. „So wie er mit uns solidarisch war, so sind wir jetzt mit ihm solidarisch“, fügt sie hinzu. Den Punkt mit der Tätigkeit bei der Stasi hält sie für „nicht entgültig geklärt“. Auch sie ist überzeugt, dass sich die Uni-Präsidentin hinter einer juristischen Formalie verstecke, um eine politische Entscheidung zu rechtfertigen. Ein anderer Student ergänzt, er halte es für ungerecht und illegitim, dass im Falle Holm ein engagierter und kritischer Wissenschaftler seinen Job verliere. Zudem seien bei dieser Entlassung die Mitspracherechte der Studentenvertreter von der Uni-Leitung einfach missachtet worden.

Als später die Vollversammlung der HU-Studierenden im Audimax der Uni tagt, herrscht nicht gerade Gedränge. Eine halbe Stunde nach dem offiziellen Beginn der Veranstaltung ist der Saal zu etwa zwei Dritteln gefüllt. Die Vorlesung davor war weitaus besser besucht. Die Protestierenden ficht das nicht an. „Wir werden Sitzfleisch haben“, versichert Karl vom Presseteam.

HU-Präsidentin Sabine Kunst können sie damit wohl nicht schrecken. „Die Entscheidung der Präsidentin steht. Wir erwarten nun die Stellungnahme des Personalrates“, teilte ein HU-Sprecher am Donnerstag mit. Kunst mag sich ein wenig an ihre Zeit als Chefin der Potsdamer Universität erinnern. Damals, zum Jahreswechsel 2009/2010, hatte eine Gruppe von Studierenden das Audimax mehrere Monate lang besetzt – und war erfolglos geblieben.