Die Empörungsmaschine war noch gar nicht angelaufen, da hat die Popsängerin Pink ihr Foto schon gegen Kritik verteidigt. Die Aufnahme – entstanden vor Pinks Auftritt im Olympiastadion am Sonntagabend – zeigt ihre Kinder, wie sie durch das Holocaust-Denkmal am Tiergarten toben. „Die Person, die dies erschaffen hat, glaubte daran, dass Kinder Kinder sein können. Für mich hat es die Bedeutung, das Leben nach dem Tod zu feiern“, schrieb die Amerikanerin auf Instagram. Schließlich gibt es immer wieder Kritik, wenn Besucher des Mahnmals Selfies in dem Stelenfeld machen oder sich lachend dort zeigen.

Der Architekt des Holocaust-Denkmals war nicht gegen spielende Kinder - Eltern sollten aber für ruhiges Gedenken sorgen

Jeder, der irgendwann einmal mit Kindern zu tun hatte, weiß, wie schwierig es ist, von diesen die Einhaltung jener oft unerklärlichen Würdeformeln zu verlangen, die Erwachsene festgesetzt haben. Nicht nur in Restaurants, sondern auch in religiösen Orten, Museen, bei Zeremonien, Konzerten oder eben in Denkmalanlagen. Man kann sie sicher durch Druck dazu bringen, Ehrfurcht zu spielen – oder akzeptieren, dass sie einen eigenen Zugang zur Würde des Ortes suchen. Der dann auch mal spielend sein kann. Ist doch die systematische Ermordung der Juden schon Erwachsenen kaum rational zu erklären, sondern allenfalls historisch und eben emotional. Spielen aber ist einer der vielen emotionalen Wege des Lernens – was im Land, das den fürchterlichen Begriff „Bildungsarbeit“ erfunden hat, allzu oft vergessen wird.

Genau deswegen war auch der Architekt Peter Eisenman nie dagegen, dass Kinder in dem Stelenfeld spielten. Es ging ihm vor allem darum, dass das Erinnern zum Teil des Alltags wird. Das hat er wirklich erreicht, nicht zuletzt durch die hochabstrakten Formen des Denkmals. Einzige Aufgabe der Erziehenden ist hier, dafür zu sorgen, dass andere Menschen weiter in Ruhe gedenken können. Diese Rücksicht kann man auch von Kindern verlangen.

Das Fotografieren von Kindern ist in Ordnung - aber muss das Posten sein?

Peinlich sind also nicht die spielenden Kinder oder die Entscheidung von Pink, sie spielen zu lassen. Peinlich ist, dass die Musikerin ihr Judentum instrumentalisierte, um das Toben der Kinder zu legitimieren. Als wenn das ein Recht auf Störung des Erinnerns der anderen Besucher gäbe. Noch peinlicher aber ist, dass Pink wie viele Eltern offenbar überhaupt nichts Peinliches daran findet, ihre Kinder mit dem umgehenden Posten der Fotos dem Shitstorm auszusetzen. Dabei gilt auch am Holocaust-Denkmal die Grundregel: Fotografiert Eure Gören, Leute, wo immer sie spielen, und lasst sie ruhig spielen. Aber behaltet die Fotos bei Euch. Die Kinder und die Welt danken es Euch.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version wurde nicht darauf eingegangen, dass die Musikerin das Foto auch mit ihrem eigenem Judentum rechtfertigt. Dieser Satz wurde im Nachhinein ergänzt.